Glaubens-Kolumne zu dem antisemitischen Attentat in Halle

Glaubens-Kolumne : Was uns Christen mit dem Stamm Abrahams verbindet

Am vergangenen Sonntag lese ich im Stundenbuch den vorgesehenen Lesungstext aus dem dritten Kapitel des Propheten Zephania: „Ich mache deinem Unglück ein Ende, dass du seinetwegen nicht mehr Schmach tragen musst.

Ja, ich verleihe euch Ansehen und Ruhm bei allen Völkern der Erde.“ Hier spricht ein Prophet im Namen Gottes zum Volk Israel. Auch für die Christen sind das göttliche Worte, denn sie gehören zur Heiligen Schrift des Alten Testamentes. Ich muss bei der Lektüre daran denken, was vor einer Woche in Halle geschehen ist. Durch einen Terroranschlag ist Unglück gebracht worden über unschuldige Menschen, motiviert durch Hass auf jüdische Bürger. Noch Schlimmeres wurde verhindert dadurch, dass am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, die Türen der Synagoge standhielten und der Terrorist nicht eindringen konnte. Die meisten Menschen in unserem Land sind über diese Tat erschüttert. Gerade weil von unserem Land und Volk so viel unsägliches Leid über die Juden gebracht wurde, dürfen wir nicht sagen, dass uns all dies heute nichts mehr angehe.

In der Brotdorfer Dorfchronik, an deren Herausgabe ich 1997 als Pfarrer beteiligt war, steht zu lesen: „Um das Jahr 1930 lebten in Brotdorf 38 jüdische Bürger. Bis zur Volksabstimmung am 13. Januar 1935 lebten die Juden mit den Brotdorfer Bürgern friedlich zusammen. Zur Zeit meiner Eltern konnten sich die nichtjüdischen Kinder am Sabbat (Samstag) einige Pfennige verdienen, indem sie an diesem Tag das Feuer im Ofen anfachten. Die Juden durften an diesem Tage wohl das Feuer unterhalten, aber nicht anmachen. Die Juden in Brotdorf waren durchweg strenggläubige Israeliten. Durch den Nationalsozialismus änderte sich das Verhältnis plötzlich.“ Der Autor des Artikels schreibt weiter, dass mit den 134 noch im Saarland lebenden Juden auch sechs Bürger aus Brotdorf am 22. Oktober 1940 verhaftet und in menschenunwürdiger Weise abtransportiert wurden. Sie wurden nach Gurs am Fuße der Pyrenäen in ein Lager gebracht. Als neunjähriger Junge war er so irritiert über diese Vorgänge, dass er seine Eltern fragte, was denn an den Juden so anders sei!

Ein Gedenkstein von 1987 erinnert an die ehemalige Brotdorfer Synagoge. Die Geschichte der Juden im Merziger Stadtteil Brotdorf ist nur ein Beispiel für viele ähnliche Schicksale.

Die meisten von uns haben keine Menschen jüdischen Glaubens in ihrem Bekanntenkreis. Wir haben vielerorts nur noch die Erinnerungsstätten und Denkmäler: die jüdischen Friedhöfe, die „Stolpersteine“, die an ehemalige Bewohner erinnern, das Unsichtbare Denkmal auf dem Schlossplatz in Saarbrücken. Wir sind erschüttert über vermehrte Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens und auch über Schändungen jüdischer Friedhöfe oder Denkmäler.

Für Katholiken gelten die Worte des zweiten Vatikanischen Konzils (Erklärung über die nichtchristlichen Religionen): Keinem Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, können wir die brüderliche Haltung verweigern. Insbesondere zu den Juden hat die katholische Kirche in der Erklärung einen ganz neuen Standpunkt eingenommen. Als Christen sind wir mit dem Stamm Abrahams geistlich verbunden. Die Kirche kann nicht vergessen, dass sie durch das Volk Israel, „mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaumes, in den die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat.“

Nicht nur allgemeine Gründe der Menschlichkeit sollten uns bewegen, sondern auch der christliche Glaube selbst, dass wir nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht, dass wir jeder Diskriminierung und vor allem dem Antisemitismus entgegen treten, dass wir Versöhnung, Respekt und Frieden suchen und dazu dem anderen die Hand reichen!

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