1. Saarland
  2. Merzig-Wadern

Interview mit Titus Müller Die goldenen Jahre des Franz Tausend

Interview Titus Müller : „Für mich ist die Recherche keine Schufterei“

Der Schriftsteller erzählt von den wahren Hintergründen seines aktuellen Romans – und warum Thomas Mann darin vorkommt.

Im Roman „Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ von Titus Müller wird die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Hochstaplers im Deutschland der 1920er Jahre erzählt. Dieser behauptet, mit einfachsten Mitteln Gold herstellen zu können. Industrielle und Politiker investieren blauäugig in Tausends Märchen, weil sie glauben, die heimliche Wiederaufrüstung Deutschlands dadurch finanzieren zu können. Doch am Ende fliegt der Schwindel auf. Über seinen Roman und die zugrundeliegende Thematik hat Müller im Interview mit der SZ gesprochen.

Herr Müller, wie nah an der Realität bewegt sich Ihr Roman?

MÜLLER Was ich schildere, ist detailliert überliefert, deshalb ist es ein Roman geworden, der sich nah an die Realität hält. Zu Franz Tausend habe ich beispielsweise die Gerichtsprotokolle mit ihren psychologischen Gutachten eingesehen. Und Carl von Ossietzky lege ich in den Dialogen oft seine eigenen Worte in den Mund.

Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?

MÜLLER Ich dachte ursprünglich an einen Roman über einen liebenswerten Hochstapler. Mein Lektor und ich haben uns verschiedene Fälle angesehen. Dann stellte sich bei den Recherchen zu Franz Tausend heraus, dass die Geschichte größere Dimensionen hatte.

Wie hoch war der Rechercheaufwand?

MÜLLER Für mich ist die Recherche keine Schufterei, sondern ein Vergnügen. Allein sich mit Carl von Ossietzky zu beschäftigen, seine Sprachbegabung, seine journalistische Furchtlosigkeit! So etwas ist inspirierend.

Was glauben Sie, was für ein Charakter Franz Tausend war?

MÜLLER Er hat oft verdrängt, dass er betrügt, denke ich. Er ging in der Rolle des Erfinders auf, dieses Ansehen als Erfinder hat er so unbedingt gewollt, dass er angefangen hat, selbst daran zu glauben. Daher rührte auch seine große Überzeugungskraft. Aber wenn es hart auf hart kam, ging er über Leichen. Sah er irgendwo Vorteile für sich, wurde er rücksichtslos.

In Ihrem Buchanhang sagen Sie, dass Sie nicht glauben, dass alle Beteiligten davon überzeugt waren, Tausend könne tatsächlich Gold herstellen. Warum nicht?

MÜLLER Die Suche nach alternativen Wegen zum Gold war damals nicht ungewöhnlich, zum Beispiel fuhr der Nobelpreisträger Fritz Haber über die Weltmeere und ermittelte in der Geheimoperation „Seejod“ den Goldgehalt im Wasser mit dem Ziel, eines Tages in großem Stil Gold aus dem Meereswasser zu extrahieren. Aber den Industriellen und Bankiers, die in Franz Tausends windiges Unternehmen investierten, muss doch der Unterschied zwischen der wissenschaftlichen Herangehensweise Fritz Habers und dem esoterischen Gerede Tausends aufgefallen sein. Das waren kluge Leute, die nahmen Investitionen in solcher Höhe sonst erst vor, wenn eine Sache ordentlich geprüft war. Natürlich hatten Tausends Vorführungene eine starke Suggestivkraft, weil man das Gold ja mit eigenen Augen „entstehen“ sah.

Die einzige nicht historische Person in Ihrem Roman ist Kommissar Heinrich Ahrndt. Warum haben Sie diesen Charakter in Ihren Roman eingebaut?

MÜLLER Weil ich eine Absurdität in der Polizeiarbeit darstellen wollte: Franz Tausends Betrügereien hat man lange unterstützt, aber einen Mann wie Carl von Ossietzky stellte man als Landesverräter vor Gericht, weil er die Wahrheit gesagt hatte. Das wird deutlich anhand des Kriminalkommissars Heinrich Ahrndt. Er ist gezwungen, den erwiesenen Hochstapler laufen zu lassen, und den der Wahrheit verpflichteten Journalisten muss er festnehmen.

Glauben Sie, dass ein solches Spiel aus Lug und Trug auch in der Gegenwart möglich ist?

MÜLLER Nicht in breiten Bevölkerungsschichten. Wir sind heute skeptischer. Das hat Nachteile, uns kommen der Schwung und der Optimismus abhanden, aber dafür sind wir weniger anfällig für Hochstapeleien. Wobei, wenn ich mir überlege, mit welchem brachialen Egoismus Donald Trump in den USA durchkommt . . .

Auch Schriftsteller Thomas Mann kommt in dem Roman vor, obwohl er für die Handlung zweitrangig ist. Warum haben Sie Thomas Mann in Ihrem Roman eingebunden?

MÜLLER Thomas Mann schrieb damals an seinem Roman-Vierteiler „Joseph und seine Brüder“. Nicht nur, dass sein Joseph gewisse Hochstaplerzüge an sich hat – Thomas Mann zweifelte in diesen Jahren auch an sich selbst. Er musste sich entscheiden, ob er seine Ansicht offenbart, dass Deutschland auf eine Diktatur zusteuert, oder ob er weiter gute Miene zum bösen Spiel macht. Seine Sorge war, wenn er die Nazis angreift, würde man seinen „Joseph“ als jüdischen Roman abstempeln und ihn in den Buchhandlungen auslisten. Diesen Weg Thomas Manns zum persönlichen Risiko um der größeren Sache willen finde ich spannend. Seine Rede im Berliner Beethovensaal, unter den Attacken der SA-Leute. Seinen bewegenden Brief, in dem er Carl von Ossietzky für den Friedensnobelpreis verschlägt, um ihm das Leben zu retten.

Eine Frage zum Schluss: Was würden Sie tun, wenn Sie selbst Gold herstellen könnten?

Der Roman "Die goldenen Jahre des Franz Tausend" von Titus Müller. Foto: Blessing Verlag. Foto: Blessing Verlag

MÜLLER Ich würde es niemandem sagen.