Intensiv Theater zeigt Jesus Christ Superstar in Merzig

Musical : Statt Orgel-Brausen gibt’s rockige Gitarre

Das Saarbrücker Intensiv Theater bringt das Musical „Jesus Christ Superstar“ nach Merzig in die Stadthalle.

Ein jüdischer Priester führt eine Reisegruppe durch die Altstadt von Jerusalem, die Männer und Frauen quasseln wild durcheinander, zeigen mal nach links oder rechts. Verzerrte, aber ruhige Gitarrenklänge begleiten die Gruppe. In einer Kirche hält die Gruppe inne. Jesus steht dort wie an einem Kreuz, mit seinen braunen langen Locken, einem ebenso braunen Bart, kaum bekleidet, mit ausgebreiteten Armen, die Augen geschlossen. Das Orchester spielt wilder. Wie in Trance beginnen sich die Touristen umzuziehen. Aus Sneakers werden Sandalen, aus Shorts Gewänder, der Gürtel wird zum Kordelband. Und Jesus? Der steigt herab, wirft sich ebenfalls eine weiße Gewandung über, der leidende Gesichtsausdruck weicht einem breiten Lächeln. Er umarmt einen nach dem anderen wie gute Freunde, die sich lange nicht gesehen haben. Die Touristen von eben sind jetzt die Gefolgschaft von Jesus, und sie erzählen eine Geschichte, die wohl jeder kennt: die letzten sieben Tage im Leben des Gottessohnes. Bereits zum zweiten Mal inszeniert das Intensiv Theater aus Saarbrücken das Musical „Jesus Christ Superstar“, das der damals noch unbekannte Andrew Lloyd Webber mit Anfang 20 komponierte. Im Dezember stehen sie damit in der Merziger Stadthalle auf der Bühne. Noch aber laufen die Proben in der Aula der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

„Hosanna, Heysanna, Sanna Sanna“, singt das 20-köpfige Ensemble des Intensiv Theaters im Jubelchor. Mit grünen Palmzweigen in den Händen hüpfen die Frauen und Männer, die Jungen und Mädchen freudestrahlend vorbei an den blauen Stuhlreihen, die in der Aula der Universität des Saarlandes aufgebaut sind und auch vorbei an den Musikern, die sie begleiten, in Richtung Bühne. Drei Monate haben die rund 50 Sängerinnen und Sänger und Instrumentalisten intensiv geprobt. Für viele war es nur eine Auffrischung. Das Intensiv Theater hat das Stück bereits 2016 inszeniert – 13-mal haben sie es im Umkreis gezeigt. Weil es so beliebt war, haben sie sich entschlossen, es zurückzubringen, sagt Tim Ganter, Direktor des Intensiv Theaters.

Es ist erst die zweite Probe, bei der alle Artisten zusammenarbeiten, bisher hat jede Abteilung separat geprobt. „Immer ein aufregender Moment“, sagt Ganter, der in einer der ersten Reihen hinter dem Orchester Platz genommen hat. Das Bühnenbild hat die Truppe nicht aufgebaut, einige Requisiten und Kostüme stehen auch noch nicht endgültig. Nur ein Mikrofon gibt es bei der Probe an der Universität, das sich die Solisten abwechselnd reichen. Das wird sich natürlich alles noch ändern, verspricht Tim Ganter. Bei den Kostümen und dem Bühnenbild hat das Staatstheater maßgeblich ausgeholfen. Die Headsets sind für die Proben des gemeinnützigen Theaters schlicht zu teuer, sagt er. Der Feinschliff kommt dann kurz vor dem Auftritt, versichert der Absolvent der Hochschule für Musik. Die fehlenden Requisiten scheinen die Darsteller auf der Bühne nicht sonderlich zu beeindrucken – sie nähen mit Luft, trinken aus unsichtbaren Gläsern. So wird aus der schlichten schwarzen Bühne mit dem tristen grauen Hintergrund dennoch ein belebter Markt oder Tempel.

Jenny Theobald ist die künstlerische Leiterin des Theaters. Von der ersten Reihe aus beobachtet sie ganz genau, was ihre Darsteller auf der Bühne treiben. Hier und da macht sie Notizen. „Ich gebe aber nicht jeden Schritt vor“, sagt die Theaterpädagogin, die das Intensiv Theater zusammen mit Tim Ganter 2016 gegründet hat. Dass die Darsteller ihren eigenen Charakter mit in die Figuren fließen lassen, ist also durchaus erwünscht. „Deshalb passiert bei jeder Aufführung etwas Neues“ Im vorgegeben Rahmen der Regisseurin, versteht sich.

Abseits des bunten, gut gelaunten Treibens von Jesus und seinen Jüngern steht Judas in braunem Dress. „Listen, Jesus, to the warning I give. Please remember that I want us to live.” Die Liedtexte sind auf Englisch. „Ich will, dass wir am Leben bleiben”, warnt Judas. In der Version des britischen Komponisten nimmt der Zuschauer die Perspektive des Apostels ein. Er ist jedoch nicht der teuflische Verräter. „Er zweifelt, er hinterfragt“, sagt Judas selbst, beziehungsweise Martin Herrmann, der 33-Jährige, der die Rolle spielt, in einer Spielpause. „Er ist eine politische Figur.“ Martin Herrmann ist einer der Profis in der Inszenierung. Dass beim Intensiv-Theater Laien und Profis zusammenarbeiten, gefällt ihm gut. „Wenn es nur Profis sind, dann ist das eben ein Job. Man hat dann zwar ganz nette Kollegen, aber man arbeitet.“ Hier treffe man auf großen Idealismus. „Die Leute spielen mit mehr Hingabe“, sagt der Losheimer. „Viele sammeln hier bei uns ihre ersten Erfahrungen. Hier wird man zwar ins kalte Wasser geworfen. Bisher hat das aber immer gut funktioniert“, sagt Ganter. „Die Amateure profitieren von den Profis und andersherum ist es genauso. Die Leichtigkeit, die die Anfänger mitbringen, springt über.“ Nur zwei der Darsteller verdienen ihr Brot mit der Kunst. Für die anderen ist Theater Nebenjob oder Hobby.

In der Band sieht das anders aus. Von Horn bis Trompete, von Gitarre über Schlagzeug bis zum Keyboard sind alle Instrumentalisten Vollprofis. Und sie hören auf die Ansagen von Ulrike Bleif, die am Keyboard sitzt, meist eine Hand auf den Tasten hält, während sie mit der anderen dirigiert. Die 27-Jährige studiert „in den letzten Zügen“ Schulmusik und Chorleitung und hat den Posten als Musikdirektorin vor einem Jahr übernommen. Die Arbeit im Intensiv-Theater beschreibt sie als „einzigartig“. „Alle sind voll dabei. Der Spaß schwappt über.“

Auf der Bühne ist die Stimmung jedoch gekippt. Die Jubelrufe sind verächtlichen Blicken gewichen. „He’s dangerous“, er ist gefährlich, singt der aufgebrachte Mob hinter dem Vorhang. Die beiden Priester, Kajaphas und Annas, denen sich Judas in seiner Verzweiflung anvertraut hat, betreten die Bühne. Mike Kroneberg und Sven Schmitt sind angsteinflößende Gestalten mit dunklen Umhängen, schmalen Augen und bösem durchdringenden Blick. Mit tiefer Bassstimme verkündet Kajaphas: „This Jesus must die“, Jesus muss sterben. Judas gibt den beiden preis, wo sie Jesus alleine antreffen. Mit diesem Verrat schließt der erste Akt.

Einige Darsteller nutzen die kurze Pause zwischen den beiden Akten, um in ein Brot zu beißen. Schließlich dauern die Proben bereits einige Stunden an. Andere Darsteller gehen jedoch bettelnd durch die bei der Probe noch leeren Zuschauer-Reihen. Ein Ensemble-Mitglied verteilt Nüsse. Das gehört beim Intensiv-Theater dazu. Intensiv bedeutet für die beiden Initiatoren „alle Sinne anzusprechen“. Deshalb wird es auch in Merzig Marktstände geben, inszenierungsbezogene Häppchen, orientalische Gewürze und Düfte. Die Stimmung unter den Ensemble-Mitgliedern ist ausgelassen. Sogar Judas und Jesus scherzen miteinander. Dennoch fehlt es nicht an Konzentration, wenn Regisseurin Jenny Theobald einige Verbesserungsvorschläge einbringt.

Auch Jesus gönnt sich eine Mittagspause und löffelt aus einer Tupperschüssel. Was für ein Bild, muss selbst der Direktor lachen. Ob er sich extra für die Rolle Bart und Haare hat wachsen lassen, haben sie ihn damals beim Casting bereits zur ersten Version von „Jesus Christ Superstar“ gefragt. „Ich sehe eigentlich immer so aus“, sagt Dennis Klein gelassen. „Wir haben gehofft, dass er singen kann“, gibt Ganter zu. Singen kann er – nebenbei auch in einer Rockband. Im echten Leben ist der 28-Jährige Pädagogik-Student in Trier. Musical ist für ihn ein Hobby, aber eines, das viel Zeit beansprucht. Obwohl Jesus in dem Stück nicht die Hauptfigur ist, ist es für Klein eine besondere Herausforderung, ihn zu spielen. „Jeder hat seine Vorstellung von Jesus. Es gibt niemanden, der ihn nicht kennt.“

Auch wenn es die harten rockigen Melodien und poppigen Nummern mit zum Teil Ohrwurmcharakter zunächst nicht vermuten lassen, ist das Stück sehr ernst. Es erzählt die Geschichte Jesu, es veralbert sie nicht. Nur eine Szene fällt aus dem Rahmen. Dann, wenn König Herodes mit drei in goldenen kurzen Outfits gekleideten sogenannten Soul Girls auftritt. „Beim ersten Sehen hat mir die Szene nicht gefallen“, gibt Ganter zu. Erst später habe er erkannt, dass die Szene so sein muss. Sie verstärkt den Hohn und Spott, den Herodes für Jesus übrig hat.

Vor zwei Jahren, so erzählt Ganter, befürchteten sie noch, man könnte es ihnen übel nehmen. Doch es kam gut an. Deshalb folgt jetzt die Neuauflage.

Karten für Jesus Christ Superstar am Dienstag, 18. Dezember, in der Stadthalle Merzig gibt es ab 42 Euro bei Ticket-Regional, im Ticketbüro in der Stadthalle Merzig und unter Tel. (0 68 61) 9 36 70.

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