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Gekappte Lebensader für Remich

Aufzuhalten war sie nicht. Dass die Renovierung der Moselbrücke irgendwann kommen musste, war jedem klar. Am 11. Mai wurde die Verbindung zwischen dem saarländischen Nennig und Remich für ein halbes Jahr gekappt. In der luxemburgischen Moselgemeinde glauben viele, dass sich die ökonomische Situation des Ortes dramatisch verschlechtern wird. Doch es gibt auch andere Stimmen Von SZ-Mitarbeiter Klaus Brutscher

Aufzuhalten war sie nicht. Dass die Renovierung der Moselbrücke irgendwann kommen musste, war jedem klar. Am 11. Mai wurde die Verbindung zwischen dem saarländischen Nennig und Remich für ein halbes Jahr gekappt. In der luxemburgischen Moselgemeinde glauben viele, dass sich die ökonomische Situation des Ortes dramatisch verschlechtern wird. Doch es gibt auch andere Stimmen. Remich an einem sonnigen Mittag im Wonnemonat Mai. Entgegen der Jahreszeit sind die Terrassen der moselnahen Hotels und Gastronomiebetriebe nur spärlich besetzt. Ein weißer Verhang kleidet die Seiten der Remicher Moselbrücke ein. So wirkt sie ein wenig wie ein monumentales Kunstwerk des weltberühmten Verhüllungskünstlers Christo. Das aufmerksame Ohr des Gastes vernimmt den unterschwelligen Lärm von Dieselaggregaten. Baustellenradau. Verursacht von den Maschinen, die in den kommenden sechs Monaten mit der Renovierung der Remicher Moselbrücke beschäftigt und ausgelastet sind. Der kleine Grenzverkehr einmal anders. Mit dem aus Deutschland kommenden Verkehr ist es nun zu Ende. Mit den gut besetzten Terrassen allerdings auch. Bürgermeister Jeannot Belling sieht den kommenden Monaten mit gemischten Gefühlen entgegen. Der Mann an der Spitze der Remicher Verwaltung rechnet zwar damit, dass sich die Lebenssituation der rund 3300 Remicher durch den abnehmenden Verkehr verbessern wird. Das aber zu Lasten der ökonomischen Situation des Grenzstädtchens. Im Klartext: Die Baustelle wird Arbeitsplätze kosten. Wie viele Arbeitnehmer letzten Endes ihren Arbeitsplatz verlieren werden, kann und will Jeannot Belling nicht beziffern. Dass Remich im November dieses Jahres allerdings weniger Arbeitsplätze vorhalten wird, steht für den Bürgermeister schon heute fest. "Es werden wohl die kleinen Kneipen und Geschäfte sein, die die kommenden sieben Monate nicht überleben werden", fasst Jeannot Belling seine Ängste zusammen. Schuld daran sind nicht zuletzt die sehr hohen Geschäftsmieten. Denn Remich ist teuer. Zwischen 1500 und 3000 Euro, abhängig von der Geschäftsgröße, fallen für einen Unternehmer jeden Monat für die Anmietung von Räumlichkeiten an. Geld, das angesichts weg brechender Touristenströme erst einmal erwirtschaftet werden muss. Dabei waren sich alle Remicher Gewerbetreibenden im letzten Jahr einig. Dass die Sanierung des 50 Jahre alten Bauwerks unumgänglich sein würde, stand fest. Es ging um die Frage, in welchen Zeiträumen die Brücke renoviert werden sollte. Zwei Varianten standen zur Auswahl. Eine längere zwei Jahre andauernde Bauphase sah vor, jeweils eine Fahrspur zu bearbeiten und die andere für den Verkehr offen zu halten. Die Remicher Geschäftsleute entschieden sich allerdings für die zweite, kürzere Variante. Sechs Monate Vollsperrung. Dafür aber eine einigermaßen erträgliche Verkehrssituation. Und vielleicht wird ja auch alles gar nicht so schlimm. Vielleicht kommen die Touristen trotz Baustelle weiterhin in den kleinen luxemburgischen Grenzort. Schließlich verfügt Remich über die schönste Moselpromenade des Landes. Und vielleicht kommen jetzt auch die Luxemburger wieder, die wegen der unerträglichen Verkehrsbelastung über Jahre hinweg weg ihren Sonntagsausflug woanders hin geplant hatten. Dann muss die zum Spaziergang und zum Verweilen einladende Promenade jedoch noch das sein, was man eine Promenade nennt. Jeannot Belling wird deutlich. Er hat Gerüchte vernommen, nach denen die deutsche Baufirma einen Teil der Moselpromenade als Stellplatz für ihre Baubuden vorgesehen hat. "Ich werde nicht zulassen, dass man uns die Promenade wegnimmt. Sie ist unser Kapital." Im gleichen Atemzug kündigt der Remicher Verwaltungschef für die kommenden Wochen eine Kampagne an, die aus der Zusammenarbeit mit einer luxemburgischen Werbeagentur entstanden ist. Sie soll Remichs Sonnenseiten hervorheben. "Wir wollen dem Betrachter vermitteln: Trotz Baustelle ist Remich eine attraktive Kommune." Gérard Moes sitzt zwischen den Stühlen. Der Geschäftsführer eines Remicher Baumarktes ist gleichzeitig Vorsitzender des ortsansässigen Gewerbevereins. Als solcher vertritt er natürlich die Interessen der rund 100 Vereinsmitglieder. Der Diplom-Kaufmann erwartet in den kommenden Monaten "brutale Einbußen bei den vielen Tankstellen und Terrassenbetrieben". Die ohnehin angespannte Parkplatzsituation im Ort werde sich durch die Baustelle noch einmal verschärfen. Gérard Moes rechnet mit einem durch die Baumaschinen verursachten Ansteigen des Geräuschpegels an der Moselpromenade. Ebenso mit einem Ansteigen der Staubbelästigung für den Gast auf der Terrasse. "Entrecôte mit feinen Körnern! Nicht gerade eine kulinarische Remicher Spezialität", fasst der Vorsitzende des Gewerbevereins seine Sorgen zusammen. Dennoch ist die Brückensperrung auch eine Chance für den Moselort, stellt der 60-Jährige fest. Immerhin unterbricht sie den Verkehrsstrom aus Deutschland. Die innerörtliche Ampelanlage, die bisher den Grenzverkehr regelt, fällt weg. Gérard Moes fordert die Remicher auf, sich auf die Stärken ihrer Gemeinde zu besinnen. "Wir haben die Mosel. Wir haben eine schöne Uferpromenade. Wir haben viel, was wir unseren luxemburgischen und französischen Gästen bieten können." Die momentane Situation ist für Gérard Moes jedenfalls nicht neu. Er erinnert an die in der Vergangenheit immer wieder aufgetretenen Hochwasserlagen. Auch damals hätten alle versucht, aus der jeweiligen Krise das Beste zu machen. Und: bei Hochwasser seien immer viele Schaulustige nach Remich gekommen, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Man werde sehen, ob sich aus der Brückensanierung ein ähnlicher Effekt ergebe. Die wirtschaftliche Stärke Remichs basiert auf drei Geschäftstypen. Da sind erst einmal die Läden, die sich mit ihrem Angebot auf Grenzgänger konzentriert haben und deren Sortiment von Zigaretten, alkoholischen Getränken, Lebensmitteln und Zeitungen dominiert wird. Dann die vielen Terrassen- und Gastronomiebetriebe, die auf die täglichen Touristikströme, vor allem aus Deutschland, angewiesen sind. Zum dritten Geschäftstyp gehören die Tankstellen, bis heute wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Stärke Remichs. Hier gehen spätestens jetzt die Lichter aus. Die ersten Kündigungen sind bereits zum Ende des vergangenen Jahres ausgesprochen worden. In Kürze wird das freundliche Personal durch lieblose Tankautomaten ersetzt sein. Wer von den Beschäftigten Glück hat, wird innerhalb eines Tankstellenverbundes versetzt. Wer Pech hat, darf sich in wenigen Tagen zur wachsenden Gemeinde der Arbeitslosen zählen, die auch das Großherzogtum immer stärker durchzieht. An eine Prognose über die wirtschaftliche Entwicklung Remichs im kommenden halben Jahr wagt sich niemand heran. Es gibt zu viele unbekannte Variablen. Kommt es zum wirtschaftlichen Einbruch? Oder gelingt es durch geschicktes Marketing, weiterhin Kunden in den deutsch-luxemburgischen Grenzort zu holen? Eines jedoch deutet sich an. Remich hat in diesem Sommer Chancen, zumindest ein wenig von seiner Ursprünglichkeit, von seinem früheren Flair, zurück zu gewinnen. Daran wird auch eine Baustelle nichts ändern. "Die Promenade ist unser Kapital."Jeannot Belling"Ich erwarte brutale Einbußen bei den Tankstellen."Gérard Moes"Trotz Baustelle ist Remich eine attraktive Kommune."Jeannot Belling