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Ende des Ersten Weltkrieges in der Merziger Region

Serie zum Ersten Weltkrieg : Kaum zu essen, doch Jammern ist verboten

Vor wenigen Tagen waren es genau 100 Jahre her, dass durch den Waffenstillstand im Wald von Compiègne am 11. November 1918 nach viereinhalb langen Jahren endlich die Waffen schwiegen und der Erste Weltkrieg zu Ende ging. In dieser Artikelserie soll nachgezeichnet werden, wie die Menschen in der Merziger Region das Kriegsende 1918 mit seinen dramatischen Umbrüchen erlebten.

Ausschlaggebend dafür, dass sich die deutsche Regierung im Oktober 1918 gezwungen sah, bei den Alliierten um Waffenstillstand nachzusuchen, war keineswegs ein „Dolchstoß“ der Heimat in den Rücken der Front. Auch wenn militaristische Kreise in Deutschland schon bald nach Kriegsende immer wieder diese Behauptung aufstellten, so war der wahre Grund einfach darin zu sehen, dass die kaiserliche Armee und auch die Menschen an der so bezeichneten „Heimatfront“ einfach am Ende ihrer Kräfte angelangt waren.

Zu Kriegsbeginn im Jahre 1914 war keiner der Krieg führenden Staaten auf eine lange Kriegsdauer eingestellt. Das galt insbesondere für Deutschland. Die militärischen Operationspläne waren vielmehr auf ein schnelles Niederwerfen des Gegners ausgelegt. Deshalb hatte es die Oberste Heeresleitung versäumt, wirtschaftliche Vorbereitungen dafür zu treffen, einen jahrelangen Kampf selbst unter Abschnürung von Zufuhren aus dem Ausland durch feindliche Blockaden bestehen zu können. Als im Kriegsverlauf der Materialeinsatz eine ständig wachsende Rolle zu spielen begann, rächte sich dieses Versäumnis bitter.

Die landwirtschaftliche Produktion sank im Verlauf des Krieges infolge des Mangels an Arbeitskräften, Zugtieren, Futtermitteln, Kunstdüngern und Geräten erheblich. Auch die Zwangsbewirtschaftung und Rationierung der Lebensmittel konnte nicht verhindern, dass die Katastrophe des Hungerwinters 1916/17 die in ihrer physischen Widerstandskraft langsam zermürbte Bevölkerung auf das Schwerste traf. So machten sich bald Schwarzhandel und Wucher breit. Es gab eine Vielzahl von Kriegsgewinnlern, die im Gegensatz zu der Masse der Bevölkerung im Überfluss lebte. Hinzu kam der unvermeidliche Unterschied in der Lebensmittelversorgung zwischen der Masse der Städter und der Landbevölkerung. Verbitterung und Ressentiments lösten im Gefolge des Hungers die innere Geschlossenheit, die das deutsche Volk in den ersten Kriegsmonaten gezeigt hatte, allmählich auf.

Im Sommer 1918 war die Ernährungslage zumindest in den Dörfern in der Umgebung von Merzig im Vergleich zu den Hungermonaten der Jahre 1916/17 wenigstens einigermaßen zufriedenstellend. In der Stadt selbst allerdings verknappten sich im Sommer 1918 die Kartoffelvorräte immer mehr. Die Stadt Merzig sah sich daher dazu gezwungen, eine Kriegsküche einzurichten, die seitens der Merziger Bevölkerung großen Zuspruch erfuhr. Dies war zum einen auf die gute Zubereitung des Essens zurückzuführen, zum anderen jedoch auch auf den günstigen Preis, der für eine Portion zu bezahlen war. Personen, die Kriegsunterstützung bezogen, mussten 30 Pfennig für eine Mahlzeit bezahlen, ansonsten waren 40 Pfennig für eine Portion, die aus 1 Liter Essen bestand, zu entrichten.

Die Merziger Volkszeitung druckte am 28. Juni 1918 die Speisenfolge für die erste Juliwoche ab und bemerkte:

„Wie man sieht, ein Küchenzettel, der sich im 4. Kriegsjahr recht wohl sehen lassen kann. Allen Leuten, denen die Kartoffeln bereits ausgegangen sind oder auszugehen drohen, kann daher nur empfohlen werden, ihr Essen aus der Kriegsküche zu entnehmen, zumal dadurch im Einzelhaushalt viel Zeit und Geld gespart wird.“

Das Konkurrenzblatt, die Merziger Zeitung, schrieb in diesem Zusammenhang am 6. Juli 1918:

„In den 3 letzten Wochen vor Mitte Juli, der Pause zwischen der alten und neuen Ernte, ist in den meisten Familien ‚Schmalhans Küchenmeister‘, noch mehr als in Friedensjahren. In diesem Kriegsjahre ist es mit den Nahrungsvorräten noch gut gegangen, was 1916 weniger der Fall war. Es gab diesmal viel mehr Kartoffeln, so dass man sich gut eindecken konnte. Wären die versteckten oder verbotenen Reservevorräte jetzt nicht verdorben, dann hätte so mancher Familie geholfen werden können. Wie man hört, sind in einzelnen Ortschaften Hunderte von Zentnern Kartoffeln verfault, die für die Not im Herbst beiseite geschafft wurden. Zurzeit sieht es mit unserem städtischen Kartoffelvorrat schlecht aus. Kartoffelkarten gibt es die Meng, aber ‚kään Krumbieren‘. Weil es in vielen Familien so spitz hergeht, lenkt man seine Aufmerksamkeit mittlerweile mehr der Volksküche zu. Vor einigen Tagen zählte man 125 bis 150 Abnehmer, dann wurden es 500 und für nächste Woche stehen circa 1000 in Aussicht. Nach einer Bekanntmachung unseres Stadtoberhauptes beginnt die ‚große Fütterung‘ von jetzt ab schon um 11 Uhr vormittags, wahrscheinlich, damit die Polonäse nicht gar zu lang wird. Wir brachten kürzlich die Speisefolge für die Woche der Volksküche: Montag weiße Bohnen mit Speck, Dienstag Makkaroni mit Kartoffeln und Rindfleisch usw. Verschiedene andere Zeitungen druckten das Menü ab, so auch die Saar-Blies-Zeitung in St. Wendel. Diese machte am Schluss die Bemerkung: ‚Auf, nach Merzig!‘ Wir mussten ob dieser Aufforderung wirklich lachen!“

Die in mancherlei Hinsicht schlechte Ernährungslage in den Städten gab vor allem den Frauen, die eine Familie zu versorgen hatten, Veranlassung, in Briefen ihren Männern an der Front ihr Leid zu klagen. „Schreibt keine Jammerbriefe aus der Heimat!“, ermahnte die Dillinger Zeitung, die zum Teil auch im Kreis Merzig bezogen und gelesen wurde, ihre Leser in einem Beitrag am 9. Juli 1918.

„Dass die Ernährungsverhältnisse bei uns nicht friedensmäßig sind, es nicht sein können, ist jedermann im deutschen Volke längst klar geworden. Denn wir sind von überseeischen Zufuhren abgeschnitten und im Wesentlichen auf die Erzeugnisse unserer eigenen Landwirtschaft angewiesen. Dass Missstände bei der Verteilung der Lebensmittel zutage treten, ist nichts ungewohntes mehr. Das Zetern und Jammern hierüber ändert jedoch nichts an dem bestehenden Zustand. Ganz verkehrt aber und direkt unseren Interessen zuwiderlaufend ist es, in Briefen an Angehörige, die im Felde oder gar in Gefangenschaft sind, Verpflegungsnöte zum Gegenstand der Erörterung zu machen. Denn in überaus raffinierter Weise benutzen unsere Feinde jedes solche Schriftstück, das sie in ihrer Gewalt befindlichen Deutschen abnehmen, um im eigenen Land den Willen zum Durchhalten zu stärken!“

An dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt, dass Zeitungsartikel dieser Art unweigerlich an die Propaganda während des Zweiten Weltkrieges erinnern. Sicherlich erreichten die Techniken der Weltkriegspropaganda bei weitem noch nicht die Perfektion der Goebbelsschen Propagandamaschinerie. Dennoch darf nicht verkannt werden, dass bereits während des Ersten Weltkrieges nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den Zeitungen große Anstrengungen unternommen wurden, die Bevölkerung propagandistisch zu beeinflussen.

Allerdings waren hin und wieder in den Zeitungen auch nachdenklichere Töne zu vernehmen, die auf die aufgrund der langen Kriegsdauer zunehmend deutlicher zutage tretenden Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung und der Kriegswirtschaft aufmerksam machten. Vier Jahre dauerte der Krieg mittlerweile und so schrieb die Merziger Zeitung am 29. Juli:

„Mit dem 1. August 1918 tritt der Weltkrieg in das fünfte Jahr seines Bestehens. Wohl keiner von jenen, die vor nunmehr 4 Jahren das plötzliche Auflodern der Kriegsfackel miterlebten und die Dinge sich mit unheimlicher Schnelligkeit zum Weltbrande entwickeln sahen, hat damals in seinen kühnsten Phantasien geglaubt, dass dieser Krieg eine Zeitspanne von Jahren noch überdauern könnte. Die besten Kenner der militärischen, volkswirtschaftlichen und sonstigen Lage aller Großstaaten versicherten uns damals, dass unter den heutigen Verhältnissen ein Krieg nicht länger als vier bis fünf Monate von der Welt ertragen werden könne. Und jetzt? Seit vollen vier Jahren wütet der Weltkrieg bereits und bringt alle an ihm beteiligten Nationen mit jedem Tag seiner Weiterdauer um ein gutes Stück ihrer Friedens-Kulturerfolge.“

Ebenso wenig wie die Landwirtschaft war auch die deutsche Industrie keineswegs auf einen langen Krieg eingestellt. Als sich die Munitions- und Materialvorräte bereits in den ersten Kriegsmonaten erschöpften, stand man vor der Notwendigkeit, alle vorhandenen Produktionsmöglichkeiten auf den Kriegsbedarf hin zu organisieren. Eines der schwierigsten Probleme für die Industrie wie für die Landwirtschaft war die Rekrutierung von Arbeitskräften. Auch das Heranziehen von Frauen, Jugendlichen, Invaliden und Kriegsgefangenen reichte nicht aus, um dem Mangel an Arbeitskräften abzuhelfen. Nachdem die Generäle Hindenburg und Ludendorff 1916 an die Spitze der Obersten Heeresleitung berufen worden waren, zeichnete sich mehr und mehr das Bild des totalen Krieges ab. Durch das von Ludendorff entworfene „Hindenburg-Programm“ und durch das Kriegshilfsdienstgesetz sollten alle materiellen und menschlichen Kräfte des Militärs und der Heimat ausschließlich auf den Kriegseinsatz konzentriert werden.