1. Saarland
  2. Merzig-Wadern

Jubiläumsinterview: „Die Bestseller bekommt man überall, sogar an der Tankstelle“

Jubiläumsinterview : „Die Bestseller bekommt man überall, sogar an der Tankstelle“

Ganze 25 Geschäftsjahre liegen hinter den Buchhändlerinnen Ingrid Röder und Gertrud Selzer. Der Zukunft schauen sie optimistisch entgegen.

Sind inhabergeführte Buchhandlungen vom Aussterben bedroht?

Gertrud Selzer: Nein. Buchhandlungen und Buchhändler werden sich ändern, das werden sie müssen. Sie werden wahrscheinlich neue Konzepte kriegen. Es wird Buchhandlungen geben, die verschwinden, aber ich glaube nicht, dass engagierte inhabergeführte Buchhandlungen von der Bildfläche verschwinden werden.

Warum?

Ingrid Röder: Es wird immer weiter gelesen werden. Wir haben ja zum Beispiel die E-Book-Reader. Die werden auch bei uns gekauft und Bücher werden auch runtergeladen, aber wenn ich mit Leuten rede, berichten sie oft, dass sie lieber was in der Hand haben. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, wenn ich was in der Hand habe und wenn ich in einem Buch auch blättern kann. Das ist ein ganz anderes Erlebnis als auf einem E-Book-Reader oder am Computer zu lesen.

Selzer: Bücher haben außerdem immer was mit Kommunikation zu tun. Man redet ja auch gerne über Bücher und geht deswegen dann auch gerne in eine Buchhandlung. Bei uns kommen auch oft die Kunden untereinander ins Gespräch. Das ist wirklich phänomenal.

Wie kann eine inhabergeführte Buchhandlung neben großen Ketten bestehen?

Selzer: Profil zeigen. Individualität ist auch ganz wichtig. Man muss sich abheben, aber man muss gleichzeitig auch Bücher haben, die die Leute haben wollen. Man muss dazu noch anderes bieten und zeigen. Auf der anderen Seite gehört wirtschaftliches Arbeiten mit dazu. Ohne wirtschaftliches Arbeiten kann man natürlich nicht überleben. Das mussten wir im Laufe der ersten Jahre erst mal lernen.

Röder: Es gibt Buchhandlungen, die nur ein kleines Sortiment haben und hauptsächlich nur die Bestseller. Davon kann man leben, aber es ist einfach nicht spannend und wirklich nichts für die Zukunft. Die Bestseller bekommt man überall, sogar an der Tankstelle.

Haben Sie Bedenken, dass durch die Digitalisierung irgendwann keine Bücher mehr gekauft werden?

Röder: Nein. Am Anfang dachte man, dass das Internet eine Bedrohung sei, aber das ist alles Quatsch. Es existiert nebeneinander her.

Selzer: Natürlich weiß ich auch, wie man was im Internet bestellt und spare dabei dann vielleicht ein paar Euro, aber mal ganz im Ernst: Was habe ich denn davon?

Wie sieht die Zukunft des Buchhandels aus in Bezug auf die Existenz von Amazon etc.?

Selzer: Das kann man nicht allgemein sagen. Natürlich haben wir leider auch Umsatzverluste ans Internet. Das ist so. Die hat jedes Geschäft. Im Internet einzukaufen ist einfach bequemer. Wir haben die Hoffnung, dass es den Leuten klar wird, dass sie die Geschäfte nicht veröden lassen dürfen. Der Buchhandel hat sich verändert und wird sich immer wieder verändern.

Röder: Die Konkurrenz war schon immer da. Als wir angefangen haben, gab es eine große Diskussion um Bücher in Supermärkten. Das ist heute völlig normal. Wir müssen damit leben, aber wir haben hier unseren Platz gefunden. Das ist eine ständige Auseinandersetzung und Entwicklung.

Lesen die Leute wirklich immer weniger?

Röder: Das ist schwierig zu sagen. Es gab schon immer einen Prozentsatz von Leuten, die gar nicht oder wenig gelesen haben. Das wird es immer geben. Ich glaube aber, dass die Konzentrationsfähigkeit bei den Leuten nachgelassen hat. Viele lassen sich nicht mehr für einen längeren Zeitraum auf einen Text ein. Kinder wachsen in der Beziehung heute ganz anders auf. Das Versinken in ein Buch, was eine absolut meditative Angelegenheit ist, hat sich ein Stück weit geändert. Die, die es aber auf einmal für sich entdecken, sind erstaunt von dieser Wirkung. Viele unserer Kunden haben als Kinder nicht gerne gelesen und es erst als Erwachsener für sich entdeckt. Lesen muss man entdecken, und das ist Arbeit, aber es lohnt sich.

Selzer: Wir verstehen uns als Leseförderer. Wir machen oft Sachen, die nicht rentabel sind. Bei diesen Aktionen geht es dann nicht ums Verkaufen, sondern darum Spaß am Lesen zu vermitteln.

Was lesen Sie zurzeit?

Röder: „Tyl“ von Daniel Kehlmann und einen Krimi.

Selzer: „Wir werden erwartet“ von Ulla Hahn und „Fever“ von Deon Meyer.