| 20:32 Uhr

Wort zum Alltag
Das Leben mal auf Zeitlupe schalten

Es mag Stimmen geben, die sagen „Fastenzeit, das war früher, passt nicht mehr in unsere Zeit.“ Aber ich glaube, in einer Zeit, die immer lauter, schneller und hektischer wird, aber auch oft unkontrollierter Überfluss an der Tagesordnung ist, bietet die Fastenzeit uns eine Chance, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Ob äußeres oder geistiges Fasten, beides wäre ein Gewinn, um künftig besser durchs Leben zu kommen. Schaffen wir uns Freiräume und nehmen wir uns die Zeit, uns selber zu besuchen, uns achtsam zu begegnen.

Die Fastenzeit ist die ideale Gelegenheit, alten Ballast abzuwerfen – nicht nur äußerlich. Auch die Seele braucht hin und wieder eine Verschnaufpause. Dahinter steht der Wunsch, dem Druck der ständigen Verfügbarkeit ein Ende zu setzen. Und auf Gewohnheiten zu verzichten, die der Seele den Weg versperren. Denn alles, was uns ablenkt, was uns in unserer Entwicklung hemmt, nährt unsere Seele nicht, sondern macht uns klein. So könnte die Fastenzeit uns auf unsere Spur und in Einklang mit uns selbst bringen. Als Regisseure unseres Lebens haben wir es in der Hand, mal auf Zeitlupe umzuschalten und gewohnte Wege im Schneckentempo zu gehen. Der Blick bleibt dann vielleicht an Dingen hängen, die wir so schon lange nicht mehr wahrgenommen haben. Unser Leben wird bunter und reicher. Eine Anekdote von einem Forschungsreisenden im afrikanischen Busch hilft uns in diesem Denken. Der Forscher hält die eingeborenen Träger zur Eile an, will möglichst schnell an sein Ziel. Am Abend des dritten Tages legen die Männer ihre Lasten ab, setzen sich hin, sind nicht mehr zum Weitergehen zu bewegen. Erst nach langem Nachfragen erklärt einer von ihnen: „Wir sind in den letzten Tagen viel zu schnell gewandert. Jetzt müssen wir warten, damit unsere Geister uns wieder einholen können.“ Ich wünsche Ihnen eine beseelte Fastenzeit


Christel Schmitt, Wadern, Ehrenamtliche in der Hospizarbeit