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Wort zum Alltag
Das alte ist vergangen – das neue angefangen

Das neue Jahr ist gerade 10 Tage alt. Zum Jahreswechsel hatte jeder seine guten Vorsätze, etwa: Weniger essen, sich mehr bewegen, nicht mehr rauchen.... Aber wenn wir uns ansehen, was aus unserem Vorhaben fürs neue Jahr geworden ist, scheinen wir jetzt schon hinter unseren Ansprüchen her zu hängen.

Hinzu kommen die Anforderungen in Beruf und Familie. Wir haben den Eindruck immer mehr arbeiten zu müssen. Wir müssen ständig wachsen und sind, besonders beruflich, zu permanenten Leistungssteigerungen herausgefordert. Auch privat überfordern wir uns oft. Unsere To-do-Listen werden immer länger und sind kaum abzuarbeiten.


Der Soziologe Hartmut Rosa hinterfragt diesen scheinbaren Zwang. Er sagt, dass man nicht nur bei der Arbeit Entfremdung durch Überforderung erfahren kann. Genauso kann es uns in der Familie ergehen, wenn wir versuchen unsere selbst gesteckten Wünsche und Ziele, jeder für sich allein umzusetzen.

Rosa eröffnet einen anderen Zugang. Er fragt: Wie sind wir in die Welt gestellt und wie sind wir mit dem Umgreifenden verbunden? - letztlich die religiöse Grundfrage. Es ist die Frage nach dem Leben selbst, oder der Welt, der Schöpfung oder auch Gott, allem, was uns umgibt. In welcher Beziehung leben wir dazu oder wie Rosa sagt: wie treten wir damit in Resonanz?

Mit den Menschen und der Umwelt in Resonanz treten, entzieht sich unserer Vorstellung, dass alles machbar ist. Resonanz können wir eigentlich nur zulassen und uns dafür öffnen, in der Hoffnung, dass die Welt zum Sprechen kommt. So können sich auch unsere Beziehungen in der Familie, zu Arbeitskollegen, zu Freunden verändern. Dann will ich dem anderen nicht mehr nur meine Vorstellungen überstülpen oder ihn von etwas überzeugen. Es geht dann stärker um das Hören und das sich Einschwingen auf die Mitmenschen und die Umwelt.

Die Lyrikerin Hilde Domin beschreibt dieses „Hörend in der Welt sein“ in einem schönen kleinen Text: „ Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel die Hand hinhalten“.



Wolfgang Drehmann,
Diakon in Losheim