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Werden jugendliche Flüchtlinge überwacht?

Das Haus im Beckinger Keltenweg, in dem jugendliche Flüchtlinge leben. Fotos: Rolf Ruppenthal
Das Haus im Beckinger Keltenweg, in dem jugendliche Flüchtlinge leben. Fotos: Rolf Ruppenthal
Beckingen. 16 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) leben zurzeit in der Unterkunft in Beckingen. Kameras würden sie überwachen, lautet der Vorwurf von proVoce. Die SZ hat beim Jugendamt nachgefragt. Jana Freiberger

Jugendliche Flüchtlinge , die alleine nach Deutschland kommen, legen ihr Schicksal zunächst in die Hände Fremder. Provisorische Unterkünfte ersetzen in der ersten Zeit ihr Zuhause - in Beckingen wurde dieses Zuhause kürzlich mit Kameras ausgestattet. Zu ihrem Schutz, sagt das Saarlouiser Jugendamt. Zur Überwachung der Jugendlichen, sagt der Verein proVoce, der die Initiative "Hilfe für Flüchtlinge " ins Leben gerufen hat.


Seit neun Monaten leben 16 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) in der Flüchtlingsunterkunft in Beckingen . Nun klagt proVoce nach einem Besuch in der Unterkunft über "chaotische Zustände" vor Ort: Kameras in Flur, Küche und Gemeinschaftsräumen würden die Jugendlichen überwachen, einige seien von den Jugendlichen aus Protest zerstört worden. Das hätten sie dem Verein bei einem Treffen vergangene Woche berichtet. Die Flüchtlinge selbst hätten zu proVoce Kontakt aufgenommen. Deutschunterricht finde seit Monaten nicht mehr statt, der Vermieter verhänge drastische Strafen - seit zwei Wochen hätten die Jugendlichen keinen Internetzugang mehr, da sie nicht abgespült hätten.

"Die Anschuldigungen laufen ins Leere", schreibt das Jugendamt Saarlouis in einer schriftlichen Stellungnahme auf Anfrage der Saarbrücker Zeitung. Die Kameras seien auf Wunsch der Flüchtlinge installiert worden. Da die einzelnen Räume des Hauses aufgrund spezieller Brandschutzvorschriften nicht abgeschlossen werden dürften, hätten sich einige Jugendliche in der Vergangenheit über Diebstähle beklagt. Um weitere Vorkommnisse dieser Art und die damit verbundenen Auseinandersetzungen zu vermeiden, sei der Gebäudeteil, in dem sich die abschließbaren Spinde befänden, vom Vermieter mit Kameras versehen worden. Dieses Vorgehen sei mit den Jugendlichen abgesprochen worden. Die Kameras seien also keine Maßnahme zur Überwachung, sie dienten lediglich dem Schutz des Eigentums der Jugendlichen. Dass dies keine optimale Lösung darstelle, sei ihnen bekannt. Die bisherige Unterkunft sei nur als Übergangslösung gedacht. Sobald in regulären Einrichtungen der Jugendhilfe im Landkreis Saarlouis entsprechende Platzkapazitäten frei würden, könnten die Jugendlichen aus dem Haus ausziehen.



Außerdem verfügten die Bewohner über einen Internetzugang. Lediglich in der Nacht werde das sonst zur Verfügung stehende WLAN abgeschaltet. Es bestehe also durchaus die Möglichkeit, Kontakt mit Familie und Freunden im Ausland aufzunehmen. Auch werde, wie in allen Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge , ein regelmäßiger Sprachunterricht angeboten. Vermieter Peter Brandstätter schließt sich den Aussagen des Jugendamtes an, die Installation der Kameras sei mit den Jugendlichen abgesprochen worden.

ProVoce plant den Ereignissen in der Flüchtlingsunterkunft auf den Grund zu gehen und steht nach eigenen Aussagen in engem Kontakt mit dem Kinderschutzbund Kreis- und Landesverband.

Videokamera an der Wand.
Videokamera an der Wand.