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Von der Kleineisenzeug-Fabrik zu Acument

Beckingen. Werkleiter Jörg Bosch stellte drei Namen an den Anfang seines Rückblicks in die Unternehmens-Historie: Johann Heinrich, Johann Braun und Nikolaus Kaiser waren die ersten Mitarbeiter, die 1869 bei der Firma eingestellt wurden. Hervorgegangen ist das Unternehmen aus der Kleineisenzeugfabrik Hetzler und Kolb, die am 4 Von SZ-Mitarbeiter Rolf Ruppenthal

Beckingen. Werkleiter Jörg Bosch stellte drei Namen an den Anfang seines Rückblicks in die Unternehmens-Historie: Johann Heinrich, Johann Braun und Nikolaus Kaiser waren die ersten Mitarbeiter, die 1869 bei der Firma eingestellt wurden. Hervorgegangen ist das Unternehmen aus der Kleineisenzeugfabrik Hetzler und Kolb, die am 4. Juli 1869 gegründet wurde und deren ursprünglicher Sitz die Herrenmühle war. Unter Nutzung der billigen Wasserkraft produzierte man Eisenkonstruktionen wie zum Beispiel eine Eisenbahnbrücke über die Saar sowie Dampfkessel. Mit dem Eintritt Friedrich Bernhard Karchers, der 1872 die kaufmännische Leitung des jungen Unternehmens übernahm, verlagerte man die Produktion immer stärker auf Schrauben. Als 1874 die Wasserkraft zum Antrieb der Maschinen nicht mehr ausreichte, wurde das Fabrikgebäude um ein Dampfmaschinenhaus erweitert. Mit dem Dampfkessel wurde eine 16-PS-Dampfmaschine angetrieben. 1882 schied Ludwig Kolb aus dem Unternehmen aus. 1885 ersteigerte Friedrich Karcher die Fabrik, die seinerzeit bereits 200 Mitarbeiter beschäftigte, für 505 000 Mark. Karcher war nun allein verfügungsberechtigt. Zusätzliche Gesellschafter wurden Carl Roth und Emil Schüler. Noch im selben Jahr wurde ein Schlafhaus für Arbeiter gebaut, da Friedrich Karcher erkannte, dass nur ein fester, bodenständiger und zufriedener Arbeiterstamm die beste Gewähr für eine gesunde Fortentwicklung des Unternehmens ist. Diese Einstellung spiegelt sich auch in den vielen sozialen Einrichtungen wider, die von Friedrich Karcher in den nächsten Jahren errichtet wurden: Krankenhaus, Nähschule, Arbeiterbibliothek, Haushaltsschule, Waschanstalt, Kindergarten, Fabrikkapelle sowie eine Arbeiter- und Pensionskasse, mit deren Hilfe bis 1953 rund 400 Häuser errichtet werden konnten. In den nächsten Jahren verdrängte neue Technik das alte Wasserrad, dessen Aufgabe eine Turbine übernahm. Das Maschineninventar umfasste 1888 bereits vier Mutternpressen, fünf Spindelpressen, vier Scheren, vier Bohrmaschinen, sieben Drehbänke, 60 Schrauben- und Mutterfräsmaschinen, 40 größere und kleinere Schmiedefeuer und einen Fallhammer. Nachdem ein Brand 1890 wichtige Teile des Werkes vernichtet hatte, folgte ein Modernisierungsschub. Verstärkt wurden Dampfmaschinen eingesetzt, und ein durchgehender Gleisstrang verband das neu errichtete Magazin mit dem Beckinger Bahnhof. Die Jahrhundertwende brachte den Abschied von der Dampfmaschine. Sie wurde von Gleichstrommotoren abgelöst, deren elektrische Energie von zwei zentralen Dampfmaschinen produziert wurde. Im Jahre 1900 waren bereits 900 Mitarbeiter in der Fabrik beschäftigt. Es wurden 18 000 Tonnen Draht verarbeitet und daraus zirka 70 Millionen Schrauben und 90 Millionen Muttern hergestellt. 1925 starb der Kommerzienrat Friedrich Karcher im Alter von fast 80 Jahren. 1944 wurden das Unternehmen in Karcher Schraubenwerke umbenannt. 1948 begann man bereits mit der Produktion hochfester Schrauben, die als so genannte Karo-Schrauben bei den Kunden sehr beliebt wurden. So wurden auch maßgebende französische Automobilhersteller Kunden des Werks in Beckingen. Eine der damals benutzten Schraubenpressen kann man im Dorfpark bewundern. 1974 übernahm Arbed Saarstahl die komplette Firma, 1980 kam der Zusammenschluss mit der Firma Bauer und Schaurte in Neuss zu Bauer und Schaurte Karcher. Mit Saarstahl ging auch das Beckinger Schraubenwerk 1993 in Konkurs und wurde ein Jahr später von der französischen Valois Industrie-Gruppe übernommen. Die gesamte Gruppe wurde 1996 an den amerikanischen Konzern Textron verkauft und in Textron Verbindungstechnik umbenannt. Textron wiederum verkaufte 2006 das Unternehmen an die Firma Platinium Aquiti. Seit 2007 heißen die ehemaligen Schraubenwerke Karcher nun Acument. Derzeit sind hier 345 Mitarbeiter beschäftigt, die jährlich zirka 19 000 Tonnen Stahl verarbeiten. Abschließend würdigte Werkleiter Jörg Bosch vor den zahlreichen Gästen, darunter Bürgermeister Erhard Seger, Acument-Deutschland-Chef Markus Sahner sowie Chief Operation Officer Jan-Peter Arp, die Leistung der Mitarbeiter, dank deren Einsatz das Unternehmen stets erfolgreich aus Krisen hervorgegangen sei. "Gestützt auf ihr Wissen und Können, aber auch erfüllt von Wagemut und ruhiger Zuversicht", so Bosch wörtlich, " können wir auch die heutige Wirtschaftskrise überstehen und gestärkt aus dieser hervorgehen." "Seit 2007 heißen die ehemaligen Schraubenwerke Karcher nun Acument."Aus der Chronik