Vater erschießt Sohn in Beckingen: Prozess am Landgericht Saarbrücken

Kostenpflichtiger Inhalt: Prozessauftakt am Saarbrücker Landgericht : Vater (66) gesteht tödliche Pistolen-Schüsse auf seinen Sohn in Beckingen

Am Neujahrstag 2018 hat ein Familienvater in Beckingen-Haustadt seinen Sohn (29) erschossen. Nach eigener Aussage wusste der Mann nach jahrelangen Problemen mit dem Opfer nicht mehr weiter. Jetzt wird dem Rentner der Prozess gemacht.

Wegen Totschlags muss sich ein 66 Jahre alter Rentner aus Beckingen-Haustadt vor dem Landgericht Saarbrücken verantworten. Er soll am 1. Januar 2018 gegen 13.30 Uhr im Haus der Familie mit einer Pistole der Marke Beretta drei Mal auf seinen 29 Jahre alten Sohn geschossen haben.

Der früher in der Kommunalpolitik seines Heimatortes aktive Angeklagte legte zum Prozessauftakt vor Gericht ein Geständnis ab. Nach jahrelangen Problemen mit dem Sohn habe er an jenem Tag nicht mehr weiter gewusst und geschossen. Aus heutiger Sicht sagte er dazu: „Das Schlimme ist, dass diese Schüsse so endgültig sind. Es hätte bestimmt eine (andere) Lösung gegeben.“ Und über seinen Sohn: „Er war ein hübscher, intelligenter Junge. Ein bisschen wild.“

Was genau der Angeklagte mit diesem „wild“ meinte, das schilderte der Mann ausführlich vor Gericht. Es war eine traurige Geschichte über einen jungen Mann und seine Familie, die so auch von der Ehefrau des Angeklagten und Mutter des Getöteten im Zeugenstand bestätigt wurde. Demnach lief alles gut mit dem Sohn, bis er aufs Gymnasium kam. In der Folgezeit kam er in Kontakt mit Drogen und wurde im Umgang zeitweise rebellischer, reizbarer und schwieriger. Ein falsches Wort habe genügt, und er sei explodiert. An manchen Tagen hätten die Eltern deshalb sehr genau überlegt, was sie sagen können und was nicht. Vielleicht deshalb, so die Mutter, hätten sie sich „nicht getraut, klare Ansagen zu machen.“ Als der junge Mann seinen Führerschein verlor, nachdem er ihn gerade erst seit vier Wochen hatte, wurde es nicht besser. Zur Arbeit fuhr er zwar mit dem Fahrrad. Aber er war in seiner Freizeit viel unterwegs. Also fuhren die Eltern ihn überall hin und holten ihn ab, wenn er sie anrief. Dazu sagte die Mutter: „Wir waren Tag und Nacht für ihn da. Wir haben alles für ihn gemacht. “ Das lief einige Jahre, in denen der Sohn auszog aber phasenweise immer wieder in sein früheres Zimmer im elterlichen Haus zurückkehrte.

Was schließlich zur Tat führte, das beschrieb die Mutter (59) so: „Im Jahr 2017 ist zu viel passiert für ihn.“ Erst habe es wegen einer Pfanne auf dem Herd einen Brand in der neuen Wohnung von ihm und seiner Partnerin gegeben. Die Wohnung war unbewohnbar. Die Schuld gab er sich selbst und seiner Partnerin. Die Beziehung zerbrach und er kam zurück ins Elternhaus. Dann sei ein Freund mit 30 Jahren einen plötzlichen Herztod gestorben, womit ihr Sohn wohl nicht fertig wurde. Er habe den Freund mehrfach um Mitternacht auf dem Friedhof besucht, erzählten die Eltern. Von dort aus habe er die Mutter angerufen und sie habe ihn mit dem Auto abgeholt. Er sei extrem reizbar gewesen, habe seine Arbeit verloren und die neue Wohnung demoliert. Dann sei sein Großvater, eine wichtige Bezugsperson, im Alter von 93 Jahren gestorben. Ihr Sohn habe sich vom Opa verbschiedet und sei nach Amsterdam.

Nach 14 Tagen sei er zurückgekommen – völlig abgemagert und kaum wiederzuerkennen. Er habe sein Geld ausgegeben, seine Kleider und Wertgegenstände aus dem Gepäck und dem Haushalt der Eltern seien weg gewesen. Außerdem habe der junge Mann – so der Angeklagte – nun davon gesprochen, dass er „Zuhälter und Drogendealer in Amsterdam" werden wolle. Er sei fast nur noch gereizt und aggressiv gewesen. Die Mutter meinte dazu: „Ich glaube, er war mit sich selbst nicht zufrieden.“ Für den Vater sind die Drogen schuld an den wechselhaften Stimmungen des Sohnes und dessen Aggressionen.

Die Eheleute waren zu dieser Zeit nach eigener Aussage am Limit. Ihr Sohn galt für die Behörden zwischenzeitlich als drogenabhängig und psychisch auffällig. Er war zwei Mal kurzzeitig in einer psychiatrischen Klinik. Als seine Eltern ihn besuchten, beschimpfte und bespuckte er sie. Bei der Silvesterfeier im Kreis der Familie eskalierte die Situation und er wurde im Haus einer Verwandten aggressiv. Er habe seinen Vater ins Gesicht geschlagen und die Mutter mit den Füßen vom Sofa gestoßen, weil er sich hinlegen wollte. Die Familie rief die Polizei. Die kam und sprach einen Platzverweis gegen den Sohn aus. Der ging weg. Wenig später war er wieder da und klingelte. Die Familie öffnete und ließ ihn wieder hinein. Und die Mutter kochte ihm noch extra etwas, weil er Hunger hatte.

Am Tag darauf stand er früh morgens wieder vor der Tür der Eltern. Die Mutter öffnete. Wieder habe es Streit gegeben und Dinge seien durch die Küche geflogen. Die Mutter ließ sich daraufhin von Verwandten abholen – sie konnte nach eigener Aussage nicht mehr. Der Vater blieb allein im Haus zurück, nachdem der Sohn gegangen war. Er verschloss alle Türen, weil er ihn nicht wieder hinein lassen wollte. Und er legte eine geladene Pistole – die er vor einiger Zeit im Zimmer des Sohnes gefunden habe – aufs Regal im Wohnzimmer: „Ich hatte das Gefühl, dass sie mich schützen könnte.“

Gegen 13 Uhr sei sein Sohn über den Balkon ins Haus gekommen. Er habe sich ihm mit der Pistole in den Weg gestellt. Daraufhin habe der Sohn die Polizei angerufen und sinngemäß gesagt: „Mein Vater will mich erschießen.“ Dann habe er aufgelegt und sei nach oben in sein Zimmer, um Sachen zu holen. Nach einigen Hin und Her standen sich die beiden schließlich im Treppenhaus gegenüber. Dazu der Angeklagte: „Ich sagte: Geh jetzt. Er sagte: Schieß doch. Hin und Her. Eine festgefahrene Situation. Es ging nicht weiter. Und ich konnte nichts machen.“ Gut fünf Minuten habe das gedauert. „Und dann habe ich irgendwann ….. abgedrückt.“ Ein Schuss. Ein Augenblick. Und dann noch zwei Schüsse. Der 66-Jährige weiter: „Ich sah meinen Sohn zusammensinken. Er hatte einen starren Blick. Und dann war die Geschichte zu Ende. So wie er zusammensackte, wusste ich, dass er tot ist.“ Der Angeklagte ging zurück ins Wohnzimmer und legte die Waffe ab. Als wenig später die Polizei nach dem Anruf des Sohnes zurückrief, sei er ans Telefon und habe den Beamten gesagt: „Ich habe meinen Sohn erschossen.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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