Beckingen : Was Beckinger jüdische Familien in den 1930er Jahren mitmachten

Alice Hornung berichtete über das Schicksal ihrer Angehörigen unter den Nazis.

Alice Hornung, betagte, aber geistig jugendlich frisch gebliebene Nachfahrin der Beckinger jüdischen Familie Bernard, hat im Rahmen der „Beckinger Gespräche“ in der Kulturwerkstatt Beckingen über das Schicksal ihrer Familie während der Nazi-Zeit im Saarland und ihres Exils in Frankreich berichtet.

Einige Mitglieder ihrer weitgestreuten Familie konnten sich vor dem Naziregime durch Emigration ins Ausland– wie nach Frankreich oder in die USA – in (oft prekäre) Sicherheit bringen; andere wurden Opfer des Holocaust. In den 30er Jahren gab es in Beckingen und im Haustadter Tal  – im Vergleich zu den Nachbargemeinden – relativ wenige jüdische Mitbürger, auch keine eigene Synagoge. Den letzten vier Familienmitgliedern gelang es Mitte 1938, sozusagen auf den letzten Drücker, nach Detroit (Michigan, USA) auszuwandern.

Die Familie Bernard, Leander und Irene mit drei Kindern, hatte auf Umwegen das Glück, als Antifaschisten die überlebensnotwendige Solidarität bei Gleichgesinnten in Frankreich zu finden. Die Bernards engagierten sich in der Résistance gegen die deutschen Besatzer, womit sie sich immer wieder in Lebensgefahr begaben und manche „schwere Stunde“ erleben mussten. Alice Hornung hat die Erlebnisse ihrer Familie in bewegenden Worten wiedergegeben.

 Vater Leander Bernard wollte nach Ende des Krieges „in die Heimat“, nach Deutschland, ins Saarland zurück. In Saarbrücken hat die Familie ihre „antifaschistische Tätigkeit“ weitergeführt.

Im Vorspann und während der anschließenden Diskussion wurde von den Anwesenden für die Gemeinde Beckingen und die Gemeinden des Haustadter Tales die bis heute immer wieder geleugnete beziehungsweise verdrängte Verstrickung in das verbrecherische Nazi-Regime thematisiert. Der Gemeinderat  Beckingen etwa  ist noch vor dem Anschluss am 13. Januar 1935 mit 19 von 21 Stimmen zur faschistischen Deutschen Front übergetreten. Die Beckinger wählten bei der Abstimmung zu 96 Prozent den Anschluss an Hitler-Deutschland. Fabrikbesitzer Bodo Karcher stand ganz vorne an der Deutschen Front, natürlich nur aus patriotischen Gründen…

Ab Mitte 1938 war Beckingen und das Haustadter Tal, wie es im „Wannseekonferenz-Jargon“ heißt, „judenfrei“. Die wenigen Juden, die hier in äußerst bescheidenen Verhältnissen als Metzger und Kleinviehhändler gelebt hatten, waren rechtzeitig ausgewandert, vertrieben oder ermordet worden. „Hätte es im November 1938 auch in Beckingen noch jüdische Bewohner, jüdische Geschäfte oder eine Synagoge gegeben, es wäre ihnen wohl das gleiche Schicksal wie denen in Saarlouis, Merzig, Dillingen beschieden gewesen, schreibt Volkmar Schommer dazu in seinem Buch „Bewegte Jahre“ (1994). In der Pogromnacht brannten die Synagogen, wurden jüdische Mitbürger misshandelt.

Alice Hornung hat diese Zeit in Beckingen, im Saarland und im Exil in Frankreich unaufgeregt und mit vielen Fakten belegt bei ihrem Vortrag dem Beckinger kollektiven Bewusstsein zurückgegeben. Die Anwesenden waren vom Schicksal der Familie Bernard sehr betroffen und von der Persönlichkeit von Alice Hornung sehr beeindruckt.

Die „Beckinger Gespräche“ sollen in diesem erinnerungserhaltenden bzw. –wiederaufbauenden Sinne fortgeführt werden.