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Natur schützen und nutzen

Die Vielfalt der Flora und Fauna ist in der grünen Idylle am Wolferskopf zum Greifen nah. Fotos: Axel Didion
Die Vielfalt der Flora und Fauna ist in der grünen Idylle am Wolferskopf zum Greifen nah. Fotos: Axel Didion
Beckingen. Die Naturlandstiftung Saar feiert dieses Jahr 40-jähriges Bestehen. Damit ist sie die älteste Naturschutzstiftung Deutschlands. Viele ihrer Schutzgebiete liegen im Grünen Kreis. Einige davon haben wir erkundet und stellen sie in einer Serie vor. Teil 3: das Naturschutzgebiet Wolferskopf bei Beckingen. Patricia Heine

Es stinkt nach Ziegenbock. Aber weit und breit ist keine Ziege zu sehen. Der Übeltäter: die Bocks-Riemenzunge. Sie meckert nicht und ist an einem festen Platz verwurzelt. 50 bis 60 Zentimeter hoch kann sie werden und gehört damit zu den auffälligen Orchideen-Arten., die im Saarland wild wachsen. Am Wolferskopf, dem mit 337 Hektar größten Naturschutzgebiet im Saarland, kommen alleine 20 verschiedene Arten von Orchideen vor und 450 verschiedene Pflanzenarten. Dass die im Saarland früher sehr seltene Bocks-Riemenzunge wieder bei uns heimisch geworden ist, habe sie der Klimaerwärmung zu verdanken, erklärt Axel Didion von der Naturlandstiftung Saar .


"Der Wolferskopf - das etwas andere Naturschutzgebiet": Damit lädt das "Sahnehäubchen" Natur, wie Didion diesen grünen Fleck liebevoll nennt, Naturliebhaber ein. Was das etwas Andere ist? Für den Menschen wird die Vielfalt der Fauna und Flora zum Greifen nah. Schilder wie "Naturschutzgebiet - Betreten verboten" gibt es am Wolferskopf nicht. "Hier soll keine Käseglocke übergestülpt werden und dann darf keiner mehr rein", sagt Didion.

Vielmehr solle den Menschen klar werden, wie vielfältig und wunderbar die Natur direkt vor ihrer Tür sein kann. Und die wird nicht nur geschützt, sondern das Land auch genutzt. Nachdem sich die Kleinbauern seit den 60er Jahren nach und nach aus der Landwirtschaft am Wolferskopf zurückgezogen hatten, verbrachte die Landschaft. Pflanzen- und Tierarten verloren ihre Lebensräume, weil sich überall Sträucher und Bäume ausbreiteten.

Das änderte sich, als der Wolferskopf 1989 als erstes saarländisches Naturschutzprojekt Unterstützung vom Bund erhielt. Damit konnten die Sträucher und Bäume großflächig beseitigt, Obstbaumwiesen und aufgelassene Steinbrüche wieder freigestellt werden. Damit das auch so bleibt und sich nicht wieder überall Bäume und Sträucher breit machen, mähen zwei Bioland-Betriebe ein- bis zweimal im Jahr die Wiesen.

Auf 15 Hektar Land bauen sie Getreide an und beweiden einen Teil der Grünflächen mit Vogesenrindern. Die vom Aussterben bedrohte Haustierrasse wird so nicht nur geschützt, sondern ist aufgrund ihres zierlichen Körperbaus optimal an die Hanglage angepasst.



Und auch die Obstbäume stehen nicht einfach nur in der Landschaft. Obstbauern bewirtschaften rund 2000 Obstbäume auf dem Wolferskopf und stellen aus den reifen Früchten zum Beispiel Apfelsaft her. Arbeiten, die darüber hinaus am Wolferskopf anfallen, finanziert der Zweckverband Wolferskopf. Er besteht aus dem Landkreis Merzig-Wadern, der Stadt Merzig, der Gemeinde Beckingen und der Naturlandstiftung Saar .

Zwischen all den grünen Gräsern entdecken wir bei unserem Rundgang durch das Naturschutzgebiet auf einmal weißen Schaum am Blumenstängel. Hier wird ja wohl niemand hingespuckt haben? Aber Didion gibt Entwarnung. Unter dem Schaum versteckt sich die Larve der Wiesenschaumzikade. Die Schaumhülle sondert die Larve selbst ab, als Schutz.

Dass die Natur im Frühling aufblüht und Tiere und Pflanzen aus ihren Schlupflöchern gekrochen kommen, erlebt man dieser Tage am Wolferskopf mit allen Sinnen. Überall zwitschern die Vögel in den Sträuchern und auf den Bäumen. "Oh, da hört man etwas Tolles", ruft Didion begeistert. Er meint die Rufe des Wendehalses, einer Rarität unter den Spechtarten. Der Vogel brütet in Baumhöhlen. Die seien in vielen Gebieten aber äußerst schwer für ihn zu finden, erklärt Didion. Die alten Obstbäume am Wolferskopf sichern ihm glücklicherweise seine Brutstätten. Wenn Didion die Rufe des Wendehalses wahrnimmt, zückt er direkt sein Smartphone. Denn auch in der Natur ist die moderne Technik angekommen. Mithilfe einer App kann er den genauen Punkt auf einer Karte markieren, an dem er das Tier vermutet. Die Daten werden gespeichert. Eine moderne Bestandsaufnahme ist das - ein Teil, der zu Didions Aufgaben als Biologe bei der Naturlandstiftung gehört.

Die einen machen Werbung, um Insekten anzulocken, die anderen täuschen sie, um bestäubt zu werden. Die Pflanzen- und Tierwelt ist nicht nur vielfältig, sondern auch manchen menschlichen Eigenschaften gar nicht so fern. Der Wolferskopf - ein Ort, an dem all das zum Ausdruck kommt. Und der Mensch kann mittendrin sein.

Die Naturlandstiftung Saar setzt sich seit dem Jahr 1976 dafür ein, das saarländische Naturerbe zu erhalten. Der Schwerpunkt der Stiftungsarbeit liegt darin, Grünflächen extensiv zu bewirtschaften und alte bedrohte Haustierrassen, wie das Hinterwälder Rind, das Bayerische Waldschaf oder das Konik-Pferd und auch andere zu schützen.

Die Naturlandstiftung erwirbt ökologisch wertvolle Flächen, um die Lebensräume bedrohter Tiere und Pflanzen zu sichern, zu pflegen und zu entwickeln. 108 Schutzgebiete besitzt und betreut die Stiftung mittlerweile. 1700 Hektar Fläche sind inzwischen ihr Eigentum.

Alle landwirtschaftlichen Aktivitäten der Naturlandstiftung und ihrer Tochtergesellschaft, dem Naturland Ökoflächen-Management (ÖFM) sind in der Imsbach Verwaltungs- und Entwicklungsgesellschaft gebündelt. Diese wiederum ist eine Tochter der ÖFM. Im Stiftungsrat sind 19 Mitglieder, darunter der Naturschutzbund, der Bauernverband, das Umwelt-Ministerium und der Landkreistag des Saarlandes. Die Naturlandstiftung arbeitet außerdem eng mit Partnerorganisationen in Frankreich, Luxemburg, Belgien, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein zusammen.

< Wird fortgesetzt.

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