Gedenken an verfemte Liebe

Ein Platz in der Ortsmitte ist ab heute der Beckingerin Aline Söther und anderen Opfer des NS-Regimes gewidmet. „Unsere Broschüre gab den Impuls dazu“, sagt Wolfgang Johann von der Aktion 3. Welt Saar.

Ein Ort gegen das Vergessen wird der bislang namenlose Dorfplatz zwischen Talstraße und Borngarten. So wollte es die Mehrheit im Beckinger Ortsrat. Das Terrain, im Rahmen der Ortskernsanierung geschaffen, trägt ab heute den Namen des NS-Opfers Aline Söther - stellvertretend für alle Beckinger, die unter dem Schreckens-Regime litten. Mit der Einweihung ab 17 Uhr widmen die Beckinger den Platz der einstigen Einwohnerin, die im KZ Ravensbrück starb. Eine Tafel soll, so Beckingens Bürgermeister Erhard Seger , an die Frau erinnern.
Antrag der Linken

Es war der stellvertretende Ortsvorsteher Elmar Seiwert, der für seine Linkspartei den Antrag in den Ortsrat eingebracht hatte - eine Initiative für ein Gedenken an eine verfemte Liebe unter dem Hakenkreuz und andere traurige Schicksale (wir berichteten).

Die späte Ehrung für das NS-Opfer imponiert Wolfgang Johann von der Aktion 3.Welt Saar. "Ich freue mich, dass unsere Aussage, in Beckingen erinnert nichts an Aline Söther ab sofort Geschichte ist", sagt er. In der Broschüre der 3. Welt Saar mit dem Titel "Gegen das Vergessen: Orte des NS-Terrors und Widerstandes im Landkreis Merzig-Wadern" haben Johann und Roland Röder der Beckingerin und weiteren Menschen, die bei uns unter dem Nazi-Regime litten und starben, ein Denkmal gesetzt.

Sie wurde nach Worten von Johann mit denen von den Kreisen Saarlouis und St. Wendel in die Lehrpläne an saarländischen Gemeinschaftsschulen aufgenommen und vom Kultusministerium an alle weiterführenden Schulen im Saarland verschickt.

Das Kapitel, unter dem Röder und Johann das traurige Schicksal der Frau erzählen, trägt den Titel "Aline Söther: Verfemte Liebe unterm Hakenkreuz". Die Publikation benennt laut Johann Täter und Opfer aus der Region, schafft nach seiner Darstellung Lernorte der Erinnerung, an denen Geschichte erfahrbar wird. "Terror und der Widerstand hatten ganz konkrete Orte, an denen heute Geschichte erfahrbar ist, einer ist in Beckingen in der Talstraße." Für ihn steht fest: "Die Broschüre gab einen wichtigen Impuls für die späte Ehrung."

Der jungen Frau, geboren am 10. September 1923 in Beckingen , wurde ihre Liebe zu einem polnischen Kriegsgefangenen Myrtek Stanovitsch. Ihn lernte sie auf einem Bauernhof in Vigy-Altrofin im ehemaligen Departement Moselle kennen. In diese Region war ihr Vater, ein Bergmann und seit 1923 KPD-Mitglied, dienstverpflichtet worden. "Wegen Rasseschande geriet die damals 20-Jährige in den Fokus des nationalsozialistischen Terrors", hat Johann herausgefunden. Söther erwartete kurz darauf von ihrem polnischen Freund ein Kind. In dem kleinen Ort blieb dies nicht unbemerkt. So erfuhr schließlich auch der NSDAP-Gruppenleiter davon. Er bedrohte Stanowitsch mit den so genannten Polen-Erlassen und der Anordnung Hitlers, nach der ein Kriegsgefangener, der sich mit einer deutschen Frau oder einem deutschen Mädel eingelassen hat, erschossen wird. Die Strafe für die Frau lautete in diesem Fall: eine öffentliche Anprangerung und die Deportation in ein Konzentrationslager .
Verstorben in Ravensbrück

Gedenken an verfemte Liebe
 Nazigegner: Der frühere saarländische Minsterpräsident Johannes Hoffmann.
Nazigegner: Der frühere saarländische Minsterpräsident Johannes Hoffmann.

Am 5. April 1943 setzte Stanovic auf diesen Druck hin seinem Leben auf der Eisenbahnstrecke von Metz nach Hayange ein Ende, Söther war im fünften Monat schwanger. Am 23. August 1943 wurde ihre Tochter Rita geboren. Ein halbes Jahr lang durfte sie sich um ihr Kind kümmern. Dann erhielt sie eine Vorladung zum Vormundschaftsgericht, wurde dort festgenommen und kam nie wieder zurück.

Über Metz wurde sie ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie kurz vor der Befreiung des Lagers starb. Das Gericht setzte später den 8. Mai 1945 als ihren Todestag fest. Söthers Eltern zogen ihr Enkelkind nach dem Tod der Mutter groß.

"Wir möchten zeigen, dass die große Politik auch an Orten im Grünen Kreis stattgefunden hat", nennt Wolfgang Johann ein Ziel der Broschüre, die er mit Roland Röder den Menschen gewidmet hat, die Opfer des Nazi-Regimes wurden oder Widerstand gegen den NS-Terror leisteten. Johannes Hoffmann, der erste Ministerpräsident des Saarlandes, aus Düppenweiler war ebenso ein entschiedener Gegner der Nazis wie der Schriftsteller Gustav Regler , der katholische Lehrer Heinrich Graach und der kommunistische Bergmann Josef Wagner. In einer Auflage von 12 000 Stück ist sie erschienen. "Unser Anliegen ist es, durch die Broschüre Erinnerungsorte anzuregen, um das Gedenken in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. So kann eine aktive und lebendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein Beitrag zur zivilgesellschaftlichen Gestaltung der Gegenwart sein", sagt Wolfgang Johann.

Eine Besonderheit haben er und Röder herausgearbeitet: den Grenzverlauf zwischen dem Deutschen Reich und dem damaligen Saargebiet. "Der ging quer durch den heutigen Landkreis", berichtet Johann. "Nicht nur intensive Schmuggeleien gab es dort, sondern Teile des Kreises waren bis vor dem Anschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich im März 1935 das letzte Stück Freiheit auf deutschem Boden."

Die Broschüre ist kostenlos, liegt an öffentlichen Stellen aus, ist online verfügbar und kann direkt bestellt werden: Aktion 3. Welt Saar, mail@a3wsaar.de, Telefon (0 68 72) 99 30 56.