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Beim Wahlkampf alte Beziehungen aufleben lassen

Beim Wahlkampf alte Beziehungen aufleben lassen

Wie steht Beckingen da, was werden Sie tun, was würden Sie anders machen? Mit dem freien Bewerber Michael Petto hat sich SZ-Redakteurin Margit Stark unterhalten.

Fast zwei Jahrzehnte lang wohnen sie nur wenige Meter voneinander entfernt, ohne es zu wissen. Erst der Wahlkampf bringt sie wieder zusammen. "Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor", begrüßt Gerhard Krummenacker Michael Petto. Der 44-Jährige, der als Einzelbewerber um das Amt des Bürgermeisters in der Gemeinde Beckingen antritt, stutzt einen Augenblick, überlegt, nennt seinen Namen. Wie aus der Pistole geschossen kontert der ehemalige Lehrer am Dillinger Gymnasium: "Dann waren Sie mein Schüler - in Mathematik oder Physik ." "In Physik ." macht Petto klar. "Das ist fast 30 Jahre her." "Sie gehen nicht mehr zur Schule, ich auch nicht mehr", schmunzelt der ehemalige Pädagoge. Im Wintergarten der Familie wird die Bekanntschaft aufgefrischt - einschließlich ein paar Details aus der Familie. Dass Tochter Joline (13 Jahre) in Papas ehemaliger Schule lernt, vernimmt der ehemalige Lehrer gerne, ebenso dass Colin (zehn Jahre) nach den Ferien das Albert-Schweitzer-Gymnasium besuchen wird. "Sie finanzieren ihren Wahlkampf selbst?", will Krummenacker wissen. "Ja, es steht ja keine Partei hinter mir", verrät der Unternehmer , der in Pachten Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft Q4 media AG ist, eine Firma, die im Bereich des Online-Fotoservices arbeitet. "In meiner Firma habe ich alles erreicht, was ich erreichen konnte. Wir haben noch nie so viel Geld verdient wie in diesem Jahr. Jetzt suche ich eine neue Herausforderung", gesteht er. Und: "Das Rückgrat des Bürgermeisters sind die Bürger. Die müssen mehr über alles informiert werden. Dafür werde ich mich einsetzen, sollte ich zum Verwaltungschef gewählt werden." So schwebe ihm ein Bürgerbeirat vor. Den habe es schon mal gegeben, der sei aber schnell abgesetzt worden.

Am Wahltag, so verraten die Krummenackers, sind sie in Urlaub. Wem sie ihre Stimme geben werden, bleibt ihr Geheimnis. Doch eines steht für sie fest. "Wir beantragen daher Briefwahl" - eine Aussage, die Petto mit Freuden hört. "Ich lasse mir bei meinen Hausbesuchen Zeit, rede gerne mit den Leuten, um zu erfahren, wo der Schuh drückt", sagt er. "Nur meine Flyer abgeben, ist nicht mein Ding", sinniert er. "Rüstige Rentner, das habe ich bei meinen Bürgersprechstunden erfahren, würden gerne ehrenamtlich für die Gemeinde arbeiten, Bänke in Stand halten, Wiesen mähen oder Hecken schneiden. Dafür müsste man ihnen mal Benzin oder Arbeitsmaterial an die Hand geben - und öfter mal Danke sagen", sagt er und drückt auf den Klingelknopf an der nächsten Haustüre. Elvira und Peter Lux ist der Kandidat bestens bekannt. "Vorstellen brauche ich mich ja nicht", lacht er. Die Trainerin des Tennisclubs Beckingen schüttelt den Kopf und fragt nach dem Sohnemann. Ein intensives Gespräch über den Sport, die Familie und das Ehrenamt folgt, bevor er sich verabschiedet - zur nächsten Tür. "Ich glaube, dass ich bis zum Tag der Wahl am 11. September nicht alle Häuser abgeklappert habe", sagt er. "Aber ich will zuhören und mit den Leuten gute Gespräche führen."Welche Probleme sind Ihrer Meinung nach die größten in Beckingen ?

Michael Petto: Wie in vielen Kommunen ist auch in Beckingen eine angespannte Haushaltslage für viele ausbleibenden Sanierungen und Investitionen verantwortlich. Zukünftige Investitionen müssen daher sehr wohl überlegt sein und weitere Fördermittel gesucht werden. Viel mehr Angst macht mir die Sorge der Bürger, von der Gemeindepolitik nicht gehört zu werden. Eine mangelnde Kommunikation und fehlende Transparenz sind die Hauptursache hierfür. Neben der fehlenden Bürgerbeteiligung mangelt es an politischen Visionen für Beckingen . Ohne realistische Visionen, wie zum Beispiel eine Agenda "Beckingen 2.0", hat man kein klares Ziel vor Augen, welches man ansteuern kann. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der demographische Wandel in Verbindung mit der besonderen Tallage der Gemeinde. Die Erhaltung der Nahversorgung und neue Verkehrskonzepte für Schüler, Jugendliche und Senioren sind überfällig. Zu nennen sind Mitfahrbänke, Einkaufs- und Arztfahrten für Senioren und Sammelbusse vom Bahnhof ins gesamte Tal für Jugendliche am Abend. Des Weiteren muss die Gemeinde Beckingen für junge Familien, die individuelle Bauwünsche haben, genauso da sein wie für ältere Menschen, die in ihren Wohnungen bleiben möchten oder Mehrgenerationen-Haushalte anstreben. Meine Idee: Ein "kommunaler Wohnungsbau" könnte eine Brücke schlagen zwischen Leerständen in den Ortskernen.

Welche Stärken hat Ihrer Meinung nach die Gemeinde?

Petto: Durch seine zentrale Lage ist Beckingen eine der attraktiven Wohnorte in der Region. Auch für Gewerbe, Mittelstand und Industrie ist diese Lage ideal. Durch viel Natur und unsere hervorragenden Wanderwege ist viel Potenzial für mehr sanften Tourismus. Als Bürgermeister möchte ich diese Stärken nutzen und wohnortnahe Arbeitsplätze durch Neuansiedlungen und gezielt durch den Ausbau der interkommunalen Zusammenarbeit den Tourismus ausbauen.

Was gab den Ausschlag, sich gegen den Windpark Primsbogen zu wehren?

Petto: Das Thema "Windkraft ja, aber nicht vor meiner Haustür" ist nicht einfach zu beurteilen. Als normaler Bürger war mir von der Kenntnis der Situation an klar, dass es zur Gegenwehr der Anwohner kommt, da ich dies gut nachvollziehen kann. Das Wohl der Bürger muss über die wirtschaftlichen Interessen gestellt werden. Als Gemeinde bin ich vorrangig dem Wohl der Bürger verpflichtet. Der Gemeinderat, zu dessen Mitgliedern meine beiden Mitkandidaten gehören, hätte hier vorausschauend handeln und die Bürger frühzeitig mit einbeziehen müssen. Erst nach den Protesten und der Interaktion der Bürgerinitiative zu handeln, zeigt die Ignoranz gegenüber dem Bürger und seinem Willen. Das löchrige Vertragswerk der EnBW hätte die Gemeinde viel Geld gekostet.

Wie wollen Sie den Haushalt der Gemeinde im Griff behalten? Der Ergebnishaushalt weist für 2016 ein Defizit von rund 1,659 Millionen Euro aus, für 2017 wird mit einer Lücke von etwa 1,639 Millionen Euro gerechnet.

Petto: Als normaler Bürger habe ich bis heute leider keinen Einblick auf die genauen Faktoren, die in unserer Gemeinde zu einer Verschuldung führen. Auf jeden Fall kann ich als einziger Kandidat behaupten, nicht dafür mitverantwortlich zu sein. Als Bürgermeister wird meine erste Aufgabe darin bestehen, mir mit meiner 25-jährigen kaufmännischen Erfahrung einen Überblick zu verschaffen, um die Haushaltskonsolidierung voran zu treiben. Da ich als Kaufmann immer erst die Kostenseite betrachte und optimiere, kommen für mich Steuererhöhungen nicht in Frage. Mein Motto "Mitarbeiter motivieren, um Kosten zu optimieren" wird sicherlich einen kleinen Teil zur Kostensenkung beitragen. Daneben müssen auf Gemeindeseite neue Einnahmequellen erschlossen werden. Als Unternehmer kenne ich die Bedürfnisse von Betrieben gut und werde deren Förderung sowie den Ausbau von Neuansiedlungen zur Chefsache machen, um die Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde zu steigern. Als langfristige Einnahmequelle möchte ich die Energiegewinnung in eigener, kommunaler Hand und die Einsparpotenziale bei der Abfallentsorgung schnellstmöglich angehen.

Was würden Sie anders als Ihr Vorgänger machen, wenn Sie Bürgermeister wären?

Petto: Mein oberstes Ziel ist es, neben mehr zukunftsorientierter und transparenter Politik die Bürger mit ins Boot zu nehmen. Als parteiunabhängiger Bürgermeister wäre ich erstmalig in Beckingen nicht einer Fraktion verpflichtet, sondern könnte ausschließlich für die Bürger handeln. Hierzu werde ich Bürgerbeiräte als Berater und eine regelmäßige Bürgerversammlung als feste Institution etablieren. Diese können als Kommunikationsschnittstelle in beide Richtungen fungieren und somit für mehr Empathie und Verständnis bei Entscheidungen sorgen. Nur damit, ergänzt durch unternehmerische Visionen, kann sich eine moderne Gemeinde weiterentwickeln.

Zum Thema:

Hintergrund "Meine Lieblingsorte sind meine Heimat Beckingen und unser schönes Saarland", schwärmt Michael Petto. "Ich freue ich mich immer wieder, die Umgebung zu Fuß oder mit dem Rad zu erkunden." Lesen bedeute für ihn Weiterbildung. "Neben Fachliteratur lese ich gerne Biografien, wie die von Steve Jobs ", nennt er seine Favoriten. Nachdem er den vielen Kohlenhydraten abgeschworen habe, greife er gerne zu "hochwertigem Fleisch und Fisch in allen Variationen", gepaart mit Salat oder Gemüse. "Als Ex-Sänger einer Cover-Rockband bin ich dem klassischen Rock meiner Jugend verfallen." Aus Zeitgründen komme er selten zum Kochen, bedauert er, genieße es aber hin und wieder, mit Freunden in netter Runde neue Rezepte auszuprobieren. mst

Zum Thema:

Auf einen Blick Michael Petto, 1972 geboren, besuchte das Dillinger Gymnasium. Nach dem Abitur 1992 und einem Jahr Zivildienst begann er 1993 sein Jura-Studium an der Uni des Saarlandes, im Zweitstudiengang kam ein Jahr später Informatik dazu. Im Jahr 1991 hatte eine Werbeagentur angemeldet. 2001 entschied er sich für sein Unternehmen und die Mitarbeiter und beendete sein Studium vorzeitig. Er gründete die Q4 media Aktiengesellchaft in Dillingen, deren Vorstandsvorsitzender er ist. Eine weitere Aktiengesellschaft und eine GmbH & Co. KG kamen für den zweifachen Familienvater dazu. mst