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Bei der Neuwahl des Gemeinderates Honzrath schrieb der Ort Geschichte

Wahl in Honzrath : Historischer Urnengang in Honzrath

Vor 50 Jahren durften erstmals in Deutschland 18-Jährige ihre Stimme abgeben – bei der Wahl zur Honzrather Ortsvertretung.

50 Jahre ist es her, dass Nikolaus Schreiner, Arbeitsdirektor der Dillinger Hütte, erneut als (Orts-) Bürgermeister von Honzrath bestätigt wurde – ein Urnengang, bei dem die Honzrather bundesweit Geschichte schrieben. Erstmals durften Wähler mit 18 Jahren ihr Kreuzchen machen. Die Bestätigung von Schreiner, einem gebürtigen Altenkesseler, zum Bürgermeister erfolgte wenige Tage nach dem historischen Urnengang. 1959 war der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete in die Gemeinde gezogen, die noch selbstständig war und zum Amt Beckingen gehörig war.

Bereits nach der Kommunalwahl am 28. Oktober 1968 war Schreiner von der Mehrheit des Gemeinderates (damals vergleichbar mit dem heutigen Ortsrat) als Nachfolger von Bürgermeister Eligius Müller (CDU) gewählt worden. Die fünf Sozialdemokraten votierten für ihn, ebenso wie das Ratsmitglied der FDP/DPS. Die Ratsmitglieder der CDU votierten mit Nein. Doch die Legislaturperiode des Honzrather Gemeinderates und die Amtszeit von Schreiner sollte nicht lange währen, denn die Kommunalwahl von 1968 wurde von dem CDU-Mitglied Manfred Kiefer angefochten. Der Grund für seinen Schritt: Es war ans Licht gekommen, dass die örtliche FDP/DPS ihre Kandidatenliste damals nicht geheim aufgestellt hatte.

Mitte des Jahres 1969 wuchs zunächst die SPD-Fraktion von fünf auf sechs Mitglieder an, da CDU-Ratsmitglied Waldemar Schumacher seinen Wechsel zu den Sozialdemokraten erklärte. Im Herbst 1969 gab allerdings die Kommunalaufsicht beim Innenministerium der Wahlanfechtung des CDU-Mitgliedes Kiefer statt. Die Folge: Friedrich Wirth vom Landratsamt Merzig wurde von der Landesregierung als Bevollmächtigter bestellt. Der Regierungsamtmann vom Landratsamt Merzig ersetzte die Gemeinderatsmitglieder, von denen nur noch Bürgermeister Schreiner im Amt blieb, bei einer Sitzung zur Aufstellung des Gemeindehaushaltes im Dezember 1969. Erneut zogen die Parteien in den Wahlkampf. Von der Möglichkeit, am 11. Januar 1970 zur Wahl zu gehen, machten die 18-Jährigen im Ort gerne Gebrauch, denn es war ja was Besonderes. „Das Wahllokal im ersten Geschoss der Grundschule glich teilweise einem Fernsehstudio, denn die deutsche Presse wollte in Wort und Bild über die Wahl mit den ersten, 18- bis 20-jährigen Jungwählern berichten“, erinnert sich der SZ-Mitarbeiter und Verfasser dieser Zeilen, der damals als junger Amtsangestellter die Funktion des Schriftführers ausübte.

Er weiß auch noch, dass es abends bei der mit Spannung erwarteten Auszählung für die FDP/DPS knapp zum Wiedereinzug in den Gemeinderat wurde. Lange zitterte sie, bis ihr Kandidat Gustav Gratz die erlösende 66. Stimme für seinen Sitz im Rat dennoch auf sich verbuchte. Die Erstwähler nahmen den ganzen Tag über freudig ihr Wahlrecht wahr, was sie heute noch stolz macht. Manche von ihnen, wie die damals 19-jährige Cäcilia Becker (verheiratete Baldes), wurden bei ihrer Stimmabgabe im Bild festgehalten, welches mit Text über die erste Wahl der 18-Jährigen in vielen Tageszeitungen im Bundesgebiet erschien. Sie kann sich heute noch bestens daran erinnern, wie sie unter Blitzlichterflackern ihr Stimmkuvert in die Urne warf. Erinnerungen werden auch bei Josef Müller (damals 18 Jahre und heute mit 68 VDK-Ortsverbandsvorsitzender) wach, der betont: „Klar waren wir alle froh, erstmals wählen zu dürfen.“

Knapp verpasst hat dagegen der seit über 20 Jahren in Honzrath amtierende Ortsvorsteher Joachim Gratz seine Chance zur Teilnahme an der historischen Wahl, da er erst am 15. Januar, also vier Tage nach dem Wahltag, das 18. Lebensjahr vollendete. „Ich weiß aber von der Bedeutung dieser Wahl für uns Jugendliche“, sagt er.

Das Wahlergebnis war jedoch für die Honzrather SPD, der er später beitrat, ein voller Erfolg, denn sie gewann gegenüber der Wahl von 1968 zwei Sitze hinzu und verfügte nun über sieben.

Der CDU brachte die Anfechtung ein Minus von zwei Sitzen auf nur noch drei. Damit stand, wie eingangs ausgeführt, einer Wiederwahl von Nikolaus Schreiner zum Bürgermeister nichts mehr im Wege, zumal er auch von der FDP/DPS unterstützt wurde. In der Gemeinderatssitzung am 27. Januar 1970 erhielt Schreiner als einziger Kandidat acht der elf Stimmen. Mit dem gleichen Ergebnis setzten sich auch Gustav Gratz (FDP/DPS) als erster und Wilhelm Seiwert (SPD) als zweiter Beigeordneter gegen die CDU-Kandidaten durch. Bürgermeister Schreiner hatte zu Beginn der Sitzung gesagt: „Ich stelle fest, dass es bei der Wahl eine Rekordbeteiligung insbesondere der Jugendlichen gab. Die Bevölkerung von Honzrath hat damit einen bedeutsamen Staatsbürgersinn an den Tag gelegt, wie man ihn bisher noch selten erlebt hat. Auch der starke Besuch der heutigen Gemeinderatssitzung zeugt außerdem davon, dass die Bürger an dem Gemeindegeschick interessiert sind, wofür ich meinen Dank ausspreche. Insbesondere erzeugt dies auch bei den Gemeinderatsmitgliedern ein gutes Gefühl, dass man unsere Arbeit respektiert.“

Schreiner übte sein Amt als Bürgermeister bis zur Gebiets- und Verwaltungsreform im Jahre 1974 aus, bei der Honzrath ein Gemeindebezirk der Gemeinde Beckingen wurde und Werner Reinert (CDU) das Amt des Ortsvorstehers errang. Altbürgermeister Nikolaus Schreiner verstarb am 5. Dezember 2007 im Alter von 92 Jahren und bleibt unvergessen.