Als Hargarten ein Grenzort warWilli Jung war Wahl-BeobachterSchmuggel-Flöße auf dem HahnenbachSaarbrücker Zeitung sammelt Bilder aus dem Jahr 1935

Als Hargarten ein Grenzort warWilli Jung war Wahl-BeobachterSchmuggel-Flöße auf dem HahnenbachSaarbrücker Zeitung sammelt Bilder aus dem Jahr 1935

Hargarten. Vor 75 Jahren, im Januar 1935, fielen die Zollschranken zwischen dem Saargebiet und dem Deutschen Reich, so ebenfalls in Hargarten

Hargarten. Vor 75 Jahren, im Januar 1935, fielen die Zollschranken zwischen dem Saargebiet und dem Deutschen Reich, so ebenfalls in Hargarten. Aber auch nach so langer Zeit sind noch die Erinnerungen daran wach und sollen auch weiterhin wach gehalten werden, wie der zweite Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, Herbert Dewes, erklärt und auf Buchveröffentlichungen von Volkmar Schommer und anderen sowie Berichte noch lebender Bürger als Zeitzeugen verweist. So bekamen die Saarländer die Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs besonders nachhaltig zu spüren. Zwischen dem Waffenstillstand und dem Friedensvertrag zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich am 28. Juni 1919 war für die Bevölkerung eine unruhige Zeit, da man nicht den Ausgang der Friedensverhandlungen kannte. Mit dem Friedensvertrag wurde das Schicksal des Saarbeckens für die nächsten 15 Jahre besiegelt. Näheres über Hintergründe und Fakten dieser Zeit sollen nach den Worten von Dewes den Historikern und Geschichtsforschern überlassen bleiben. Seine Aufmerksamkeit gehört den Geschehnissen um seinen Heimatort Hargarten. Auch das obere Haustadter Tal war von der neuen Grenzlage betroffen. Hargarten im SaargebietWährend Hargarten und Reimsbach zum Saargebiet gehörten, waren der heutige Gemeindebezirk Oppen und der zu Losheim gehörende Gemeindebezirk Rissenthal beim Deutschen Reich geblieben. Hargarten wurde nach 120 Jahren Zugehörigkeit zu Preußen wieder Grenzort gegenüber Rissenthal und Rimlingen. Anfang des Jahres 1920 kamen französische Zollbeamte nach Hargarten und Reimsbach. Sie wurden seinerzeit in Privatquartieren untergebracht, bis die Zollhäuser fertig waren. In Hargarten wurde ein Teil der Lehrerwohnung in der alten Schule in ein Zollbüro umgewandelt und ebenso dort, als Grenzort zum Reich, wie man damals sagte, im Jahre 1924 mit dem Bau von zwei aneinander gereihten Zollhäusern mit insgesamt vier Wohnungen und einem kleinen Bürogebäude begonnen. Das neue Zollhaus wurde 1925 bezogen. Die Wasserleitung, die in Hargarten nur bis ins Mitteldorf führte, wurde eigens für die Wasserversorgung des Zollhauses bis ins Unterdorf weitergebaut, wovon auch die Wohnhäuser "Auf Schwierz" profitierten, die bis dahin ihren Wasserbedarf aus Brunnen und Quellen decken mussten. Hargarten war Zollstation gegenüber Rissenthal, allerdings nur für den kleinen Grenzverkehr. Während dieser Zeit blühte das Schmuggelgeschäft. Einige Bürger lebten sogar vom Schmuggeln, da sie in dieser wirtschaftlich schweren Zeit erwerbslos waren. Im "Reich" hatte man genügend Lebensmittel, im Saargebiet mangelte es daran, dafür gab es aber Genussmittel, Kaffee, Tabak, Zigaretten, Seidenstrümpfe und Süßigkeiten. Im kleinen Grenzverkehr war aber nur die Mitnahme von zwei Kilo Lebensmitteln in das Saarland erlaubt, so dass es oft zu scharfen Kontrollen kam.Hargarten. Noch heute wird manche Schmuggelgeschichte erzählt. Erika Wagner, geborene Göttert (87 Jahre), wohnt noch immer in ihrem Geburtshaus, wo sich in unmittelbarer Nähe das französische Zollhaus befand. Vor dessen Bezug hatte eine französische Zöllnerfamilie aus Sedan mit zwei Kindern in ihrem Haus gewohnt. "Der kleine Max war in unsere Familie integriert. Er saß bei uns am Mittagstisch und trieb mit meinem Bruder Josef so manchen Schabernack", erzählt sie. Als junges Mädchen sei man einem professionellen Schmuggler aus Hargarten "behilflich" gewesen, bis ihre Mutter dies untersagt habe. Sie erinnert sich noch an eine Schmuggelgeschichte, als ihr Onkel aus Zwalbach ein Ferkel in einem Handwagen bis zur Grenze auf dem Hargarter Bann brachte: "Dort wartete bereits meine Mutter. Sie übernahm das Ferkel mit dem Handwagen, deckte es mit Gras zu und brachte es nach Hause." Auch die 84-jährige Anna Schuler, geborene Vetter, die heute bei ihrer Tochter in Illingen wohnt, kann sich noch gut erinnern. "Mädchen und Frauen wurden eigens Taschen auf der Innenseite der Kleidung zum Schmuggeln von Waren eingenäht, da keine Zöllnerinnen vor Ort waren, um eine Leibesvisitation vorzunehmen", berichtet sie. Mathilde Dewes, geborene Schuler (91 Jahre alt), weiß noch, dass die Bauern Lebensmittel, wie zum Beispiel Kartoffeln, die sie nach Rissenthal verkaufen oder liefern wollten, mit dem Fuhrwerk über die Zollstation in Reimsbach fahren mussten, um dann weiter über Oppen und Wahlen nach Rissenthal zu gelangen. "Um auf ihre auf Rissenthaler Bann gelegenen Acker- und Wiesengrundstücke zu gelangen, konnten die Hargarter Bauern allerdings direkt über die Grenze fahren", erinnert sie sich, ebenso an Unterstellhäuschen mit Kontrollen französischer Zöllner am Ausgang des Stederwaldes und gegenüber dem Kalkofen am Merziger Weg. Josef Rein (82) weiß noch zu berichten, dass zum Schmuggeln auch kleine Flöße mit Schmuggelware in Rissenthal beladen wurden, die man dann auf dem Hahnenbach Richtung Hargarten treiben ließ. Übereinstimmend sagen die Zeitzeugen, dass zwischen der Hargarter Bevölkerung und den französischen Zöllnern ein gutes Verhältnis bestand, schließlich hatte man sich im Laufe der Jahre aneinander gewöhnt. Wenige Tage nach der Saarabstimmung am 13. Januar 1935, bei der sich die Menschen des Saargebietes für den Anschluss an das Deutsche Reich entschieden, wurden die Zollgrenzen aufgehoben, und dieses lästige Ärgernis war beendet. Die vorhandenen Zollhäuser wurden an Privatpersonen verkauft oder anders genutzt. nbMerzig. "Ich bin durch Zufall in unserem Familienarchiv auf zwei Fotos von der Saarabstimmung am 13. Januar 1935 gestoßen", schreibt uns SZ-Leser Michael Jung. Die Bilder entstanden im Wahlbüro in der Turnhalle des früheren Gymnasiums, wo heute das Neue Rathaus steht. "Mein Großonkel Willi Jung war als Delegierter für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Wahltag dabei. Das IKRK begleitete die Saarabstimmung. Wer Onkel Willi ist, weiß Leser Jung: "Er trägt eine Mütze und hat an seinem Kragen zwei weiße, runde Abzeichen mit Kreuz." Aber wer sind die anderen Personen? Vielleicht erkennt sie ja ein anderer SZ-Leser und schreibt der Redaktion, die die Infos dann weiter gibt: Saarbrücker Zeitung, Stichwort Saarabstimmung, Poststraße 47, 66663 Merzig. Sie können auch mailen an: redmzg@sz-sb.de. Sie können die Redaktion anrufen: (06861) 939 66 50. Oder Sie können ein Fax senden an (06861) 939 66 59. Merzig-Wadern. Wie SZ-Leser Jung geht es bestimmt vielen anderen Lesern: Daheim im Familienalbum oder im legendären Schuhkarton schlummern Fotos von der Saarabstimmung, die überall im Kreis Monate zuvor und auch in den Wochen danach für viel Aufregung gesorgt hat. Lassen Sie uns doch Ihre Fotos zukommen (Adressen siehe nebenstehenden Artikel), und vielleicht gibt es zum Bild auch noch eine kleine nette, historische Geschichte. Beides zusammen veröffentlichen wir dann im Rahmen einer Serie, deren einzelne Folgen dann bestimmt zahlreiche Leser ausschneiden und sammeln werden. So machen wir unser lokales Geschichtsbuch. red

HintergrundIn Erinnerung an die Aufhebung der Zollgrenze vor 75 Jahren feiert der Heimat- und Kulturverein Hargarten am Sonntag, 6. Juni, gegenüber dem ehemaligen Zollhaus (Ecke Hargarter Straße/Rissenthaler Straße) ein Zöllnerfest mit französischem Flair. Wie in Hargarten schon Tradition, wird das Fest mit einem Spektakel mit Schlagbaum, Zöllnerhäuschen, Zöllnern und Schmugglern zu einem unterhaltsamen Erlebnis werden. Noch werden Details fast gehandelt wie ein Staatsgeheimnis. Wer jedoch die umtriebigen Hargarter mit Herbert Dewes kennt, kann sich vorstellen, dass ein Event in Planung ist, von dem man noch lange reden wird. nb