"Mein Verzicht ist prinzipieller Art"

"Mein Verzicht ist prinzipieller Art"

Sie treten nicht zur Wahl an. Sind sie nach der ganzen Aufregung der vergangenen Monate enttäuscht oder erleichtert?Gestier: Ich habe mir gewünscht, Kandidat der CDU zu werden. Schwer gefallen ist mir, den vielen Leuten zu erklären, dass ich nicht antrete. Es gab viele, die darauf gehofft hatten, die sagten, sie unterstützen mich

Sie treten nicht zur Wahl an. Sind sie nach der ganzen Aufregung der vergangenen Monate enttäuscht oder erleichtert?Gestier: Ich habe mir gewünscht, Kandidat der CDU zu werden. Schwer gefallen ist mir, den vielen Leuten zu erklären, dass ich nicht antrete. Es gab viele, die darauf gehofft hatten, die sagten, sie unterstützen mich. Es gibt aber auch diejenigen, die sagen, sie haben jetzt keine politische Heimat mehr. Mit diesen Freunden bin ich weiterhin im Gespräch.

Warum jetzt der Rückzug? Sie sprachen von politischer und persönlicher Unterstützung und Aufmunterung, als Kandidat anzutreten. Sind die Unterstützer - auch die finanziellen - weggebrochen?

Gestier: Es ist eine unsichere Geschichte, als Unabhängiger anzutreten. Man hat keinen Parteiapparat hinter sich und das notwendige Geld - ich schätze mal, CDU und SPD geben für die OB-Wahl um die 40 000 Euro aus - muss zusammenkommen. Als Privatmann ist die Finanzierung sicher schwierig, obwohl es auch etliche Geschäftsleute gab, die finanzielle Hilfe angeboten haben. Aber die Gründe für meinen Verzicht auf eine Kandidatur als Unabhängiger sind prinzipieller Art.

Im Detail heißt das?

Gestier: Es gab Leute, die haben gesagt, sie stellen sich für mich an den Wahlstand, tragen Flyer aus, kümmern sich um einen Internet-Auftritt und sammeln Spenden. Dies gegen die eigene Partei. Es ist ja auch klar, dass man bei einer Kandidatur als Unabhängiger gegen einen Parteikandidaten vor einem Parteiausschlussverfahren steht. Ich habe gewiss inhaltlich den einen oder anderen Reibungspunkt mit der CDU. Aber die Partei ist nicht mein Gegner. Ich bin gegen eine Person als Alternative angetreten, weil ich mich für den besseren Kandidaten halte - ich bin nicht gegen meine Partei angetreten.

Hatten Sie letztlich doch auf mehr Zuspruch bei der Delegiertenkonferenz gesetzt?

Gestier: In dem Moment, wo der Parteivorstand meinen Antrag ablehnte, die Mitglieder befragen zu lassen, war für mich klar, wie die Delegierten entscheiden werden. Ich fand es schade, dass meine Partei, die CDU, nicht den Mut hatte, wie SPD, Grüne und FDP die Mitglieder über diese wichtige Frage mitentscheiden zu lassen. Bei einer Mitgliederversammlung entscheidet der Einzelne viel freier. Die Delegierten stehen in einer ganz anderen Abhängigkeit zum Amtsinhaber.

Jetzt tritt Georg Jung für die CDU an. Sie haben den Bürgern öffentlich empfohlen, anhand von Wahlprüfsteinen eine Entscheidung zu treffen. Steckt in Prüfsteinen wie "Menschen ernst nehmen" und "Mitarbeiter als Dienstherr achten" Kritik an der Amtsführung des OB?

Gestier: Jeder Wähler muss für sich selbst entscheiden, wem er seine Stimme gibt. Meine Wahlprüfsteine gelten für alle fünf Bewerber. Insbesondere auch die finanzielle Verantwortung für künftige Generationen ist mir wichtig. Es ist eine Persönlichkeitswahl, keine Parteienwahl - Köpfe, nicht Parteien kandidieren!

Sie wollen Fraktionschef bleiben. Ist das realistisch?

Gestier: Der CDU-Fraktionsvorsitzende wird für fünf Jahre gewählt. Ich bin 2009 ohne Gegenstimme gewählt worden. Ich habe noch gut die Dankreden am Nominierungsparteitag im Ohr, als gesagt wurde, die Partei brauche mich weiterhin als Fraktionsvorsitzenden. Ich stehe als Fraktionsvorsitzender im Stadtrat für eine gute Zusammenarbeit mit allen anderen Parteien. Nach der OB-Wahl muss der Rat ein neues Miteinander finden. Zwischen den sieben Fraktionen gibt es keine unüberbrückbaren Gegensätze. Die Konflikte laufen zwischen Verwaltung und Rat. Meinungsvielfalt sollte man respektieren. Das ist mir wichtig. Der künftige OB sollte die Fraktionen im Stadtrat als Vertreter der Menschen unserer Stadt ansehen und politische Lösungen im Konsens suchen. Ich bin mir sicher, es geht auch menschlich. Ich bin jetzt seit 26 Jahren Mitglied der CDU - ich habe viele kommen und gehen gesehen, mittlerweile sehe ich vieles sehr gelassen.

Wer wird OB?

Gestier: (lacht) Ich würde sagen, das ist im Moment ganz schwierig einzuschätzen. Es wird ein spannender Wahlkampf werden - hoffentlich menschlich fair. Es kann noch viel passieren in den nächsten Wochen.