1. Saarland

Mein Patenkind Mouhamed

Mein Patenkind Mouhamed

Was sage ich ihm, wenn er mir gegenübersteht? Wie reagiert er? Fragen schießen durch den Kopf. Bei mehr als 40 Stunden Anreise bleibt viel Zeit zum Nachdenken.

Zwei Tage unterwegs per Zug, Flugzeug, Auto, Moped, zu Fuß. Eine Anreise wie im Abenteuerfilm. Notlandung in Toulouse wegen eines Notfalls an Bord. Vierstündige Autopanne in der Pampa. Fahrer Mashoudou Ashanti hat bei einem der unzähligen Straßenhändler billiges, aus Nigeria eingeschmuggeltes und gepanschtes Benzin getankt. Das macht in Westafrika jeder. Normales Benzin ist hier in Benin, in einem der ärmsten Länder der Welt (siehe "Hintergrund"), fast so teuer wie bei uns. Den Billigfusel hat Ashantis Toyota nicht verkraftet. Nun sind Elena Schäfer und ich aber in Bassila angekommen, der Partnerstadt von Sulzbach. Hier wohnt er. Dieser Waisenjunge namens Mouhamed Assa, dessen Geschichte in diesen Abenteuerfilm passt.

Sein Vater wurde 2003 vom Motorrad geschossen. Diebe brachten ihn um. Sie klauten sein Zweirad. Seine kranke Mutter starb 2009. Seither lebt der 15-Jährige mit fünf weiteren Kindern - darunter noch ein Patenkind - bei seinem Onkel Wahabou Assa. Der 62-Jährige sagt: "Die Patenschaften sind wichtig für die ganze Familie. Von sieben Kindern werden zwei unterstützt. Andernfalls könnten wir Schuldgeld und Essen nicht bezahlen." Mouhamed ist eines von 97 Kindern, die Elena Schäfer deutschen Paten schon vermittelt hat. Diese sichern mit 15 Euro im Monat das Überleben der Kinder, deren Ausbildung und medizinische Versorgung. Die 43-Jährige aus Kirkel leitet das 2008 von ihr und Anke Dunkel ins Leben gerufene Patenkinder-Projekt der Mellinschule Sulzbach. Sie war 2007 erstmals in Bassila, entwickelte damals die Idee für das Projekt. Letztmals war sie 2010 in Benin. Die Grundschullehrerin reist regelmäßig dorthin. Sie will sich ein Bild vom Zustand der Kinder machen, die in dem Projekt betreut werden, das dem Verein "Sulzbach hilft Benin" (siehe "Auf einen Blick") angegliedert ist.

"Bei der aktuellen Anzahl von Kindern war es leider nicht mehr möglich wie 2010, sich mit jedem Kind ausgiebig zu unterhalten und jedes Kind zu Hause zu besuchen", berichtet Schäfer von ihrer jetzigen Reise: "Aber es war eine unvergessliche Erfahrung. Viele Gesichter, viele Geschichten, unendlich viele Eindrücke und Emotionen."

Schäfer wird von Foussena Koudoro, 40, unterstützt. Die Soziologin arbeitet für die Gemeinde Bassila, koordiniert das Projekt vor Ort. "Sie hat eine ganz persönliche Beziehung zu jedem Kind. Sie kennt ihre Geschichten, Probleme, ihre Wünsche, sogar ihre Macken", sagt Schäfer: "Die Kinder sehen in ihr eine Autorität, Beraterin, Bezugsperson und oft eine Freundin oder Mama." So viel Herzblut und Energie Schäfer in Deutschland in das Projekt investiert, so engagiert und verlässlich ist und arbeitet Koudoro in Bassila. Schäfer erzählt: "Patenkinder, die in ihren Familien Schwierigkeiten haben, dürfen oft bei ihr Hilfe suchen, essen und manchmal sogar wohnen. Eins der älteren Patenkinder sagte mir: ,Ich bin allein auf der Welt. Ich habe niemanden, außer meiner Patin in Deutschland und Foussena.'"

Mouhamed hat in seiner Familie keine Probleme. Sein Onkel ist stolz auf ihn. Der 15-Jährige steht um 5 Uhr auf, geht zum etwa 100 Meter entfernten Brunnen Wasser für die Familie holen. Dann hilft er im Haushalt. Um 7 Uhr macht er sich auf den Fußmarsch zur Schule. Die beginnt um 8 Uhr. Wenn er von der Schule nach Hause kommt, arbeitet er oft noch mit dem Onkel auf dem Feld. Bis die Sonne untergeht. Die Familie muss mit dem Verkauf von Baumwolle ernährt werden. Danach macht er Hausaufgaben auf dem Boden. Einen Tisch gibt's in seinem Raum nicht, auch keinen Strom. Nur einen mit Stroh gefüllten Sack. Darauf schläft er.

Mouhamed ist trotz allem der beste unter fast 1000 Schülern. Er will Chirurg werden. Und in Deutschland arbeiten. Das sagt der Fußballfan, als er endlich vor mir steht - in einem Trikot des FC Chelsea. Ich bin Fan von Bayern München. . . Na ja, zumindest war dadurch schnell geklärt, was wir uns sagen, wenn wir uns erstmals treffen. Meine Ironie, dass ich ihn als Chelsea-Fan nicht leiden kann, versteht er nicht. Erst als Elena Schäfer einfühlsam meine Worte nochmals ins Französische übersetzt, lacht mein Patenkind. Und gibt dann zu: "Ich war sehr aufgeregt, als ich hörte, dass Sie kommen, um mich kennen zu lernen." Das kann ich umgekehrt genauso sagen. Trotz 40-stündiger, abenteuerlicher Anreise.

hilf-benin.de

 FoussenaKoudoro
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Mein Patenkind Mouhamed

Zum Thema:

Auf einen BlickDie Initiative "Hilf Benin!" des 2008 gegründeten Vereins "Sulzbach hilft Benin" fasst Aktivitäten der Mellinschule Sulzbach (Patenkinder-Projekt, Leitung Elena Schäfer), der ERS/GemS Schmelzerwald St. Ingbert (Kindergarten-Projekt, Thomas Müller und Gülhan Efkar), der ERS/GemS Sulzbach (Schulbau-Projekt), ein medizinisches Projekt (Elfriede Mohr) und ein Kulturaustausch-Projekt (Hartmut Groß) zusammen. Infos zu den Projekten gibt es per E-Mail an info@hilf-benin.de oder unter der Anschrift "Hilf Benin!", VHS/Kulturamt, Historische Salzhäuser, Auf der Schmelz, 66280 Sulzbach. Vorsitzender des Vereins ist Volker Rauch, Tel. (01 70) 8 34 40 68.Spenden können hier getätigt werden: Vereinigte Volksbank, Bankleitzahl 59 09 20 00, Kontonummer des Patenkinder-Projekts 80 47 71 02 01, des Schulbau-Projekts 80 60 08 00 12, des Kindergarten-Projekts 80 52 30 00 11, des medizinischen Projekts und des Vereins 80 52 30 00 03. mak