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Bildung
Mehr Schüler wechseln auf die Förderschule

Der neunjährige, mehrfach behinderte Lukas (rechts) und der acht Jahre alte Max lernen gemeinsam in einer Grundschule. Während die soziale Anbindung von Kindern mit Behinderung in der Grundschule noch gut funktioniert, wird es laut Experten ab der fünften Klasse schwieriger.
Der neunjährige, mehrfach behinderte Lukas (rechts) und der acht Jahre alte Max lernen gemeinsam in einer Grundschule. Während die soziale Anbindung von Kindern mit Behinderung in der Grundschule noch gut funktioniert, wird es laut Experten ab der fünften Klasse schwieriger. FOTO: picture alliance / dpa / Jens Büttner
Saarbrücken. Die Zahl der Kinder, die zunächst eine Regelschule besucht haben, dann aber eine Förderschule, ist in den letzten zwei Jahren im Saarland gestiegen. Von Ute Kirch
Ute Kirch

Die Entscheidung, ihren Sohn an eine Förderschule zu schicken, ist Saschas Eltern (Name geändert) nicht leicht gefallen. Doch der 15-Jährige, der Trisomie 21 hat, war sozial in seiner Klasse nicht gut integriert, erinnert sich die stellvertretende Landesvorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (SLLV), Michaela Günther, die die Familie kennt. „Wir erleben häufiger, dass die soziale Anbindung von Kindern mit Behinderung in der Grundschule noch gut funktioniert, sie in Spiele integriert werden und sich die anderen Kinder gerne um sie kümmern“, sagt Günther. Ab der fünften Klasse werde das schwieriger, die Schüler mit Behinderung hätten oft keine Bezugsgruppe, sondern seien für sich und sich so ihres Andersseins deutlicher bewusst. „Hinzu kommt, dass oft Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf  mit dem häufigen Lehrerwechsel an der weiterführenden Schule nicht zurechtkommen. In der Grundschule hatten sie mit dem Klassenlehrerprinzip feste  Bezugspersonen“, sagt die Förderschullehrerin. Gefehlt habe es im Fall von Sascha aber auch an individueller Förderung.


Inzwischen gehe er wieder gern zur Schule, habe Freunde gefunden, mit denen er sich auch nach der Schule trifft. „Anfangs fällt Eltern der Schritt von der Regel- zur Förderschule schwer, es geht für sie ein Stück Normalität verloren“, sagt Günther. Doch viele seien anschließend erleichtert, wenn sie sehen, wie ihre Kinder an der Förderschule auflebten. „Sie können ihre eigenen Stärken entwickeln ohne sich permanent zu vergleichen.“

Wie Saschas Eltern geht es im Saarland immer mehr Familien. Wie das Bildungsministerium auf SZ-Anfrage mitteilt, ist die Zahl der Kinder, die zunächst eine Regelschule besucht haben, dann aber auf eine Förderschule umgeschult werden, in den letzten zwei Jahren gestiegen: Waren es im Schuljahr 2015/16 noch 336 Schüler (davon entfallen 270 Umschulungen auf die Grundschulen und 66 auf die Gemeinschaftsschulen), waren es im Schuljahr 2016/17 397 Kinder (Grundschüler: 271, Gemeinschaftsschüler 126) und im Schuljahr 2017/18 insgesamt 497 Kinder (Grundschüler: 341, Gemeinschaftsschüler 156). Ein Anstieg von 47,9 Prozent in zwei Jahren.



Um die Aussagekraft dieser Zahlen eindeutig bewerten zu können, müsste es eine Erhebung geben, wie sich die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf insgesamt entwickelt. Doch das Saarland erfasst seit der Einführung der Inklusionsverordnung im Jahr 2015 nicht,  wie viele Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule besuchen, also auch nicht, ob es mehr Schüler mit Förderbedarf gibt. Inklusion setze voraus, keine „Etikettierung“ von Schülern nach Förderschwerpunkten vorzunehmen, meint das Ministerium.  Erfasst werden hingegen die Schüler, die eine Förderschule besuchen.  Besuchten im Schuljahr 2016/17 3165 Kinder eine Förderschule im Saarland, waren es ein Jahr später 3071. Im laufenden Schuljahr (Stichtag 22. August) sind es 3142.

„Für mich sind die Zahlen aussagekräftig“, sagt SLLV-Vertreterin Günther. „Es ist ein enormer Zuwachs an Fällen, egal, wie diese im Zusammenhang zu den absoluten Zahlen stehen. Vor diesen Zahlen sollte keiner die Augen verschließen.“ Sie fordert das Ministerium dazu auf, die genauen Gründe für den Anstieg der Umschulungen herauszufinden, um dann passgenau reagieren zu können. Ihrer Einschätzung nach hängt der Anstieg auch damit zusammen, dass Regelschulen nicht ausreichend mit Sonderpädagogen ausgestattet sind, die auf die individuellen Bedürfnisse der Förderschüler eingehen. Die konstanten Zahlen für die Förderschulen zeigten, dass durch die Inklusion der von Kritikern der Förderschulen erwartete Schülerrückgang an diesen Schulen nicht eingetreten sei. „Viele Eltern entscheiden sich immer noch – aus guten Gründen – für die Förderschule. Wir sehen das nicht als Nachteil, denn die Förderschule ist aus unserer Sicht nicht die schlechtere Alternative“, sagt Günther. Dass in den Regelschulen nicht mehr der Förderbedarf festgestellt werde, kritisiert der SLLV.  „Wir sehen darin keine Stigmatisierung“, sagt Günther. Im Gegenteil biete eine Feststellung Vorteile: Regelschulen könnten so am konkreten Bedarf orientiert Hilfen fordern. Derzeit sei es schwammig, ob eine Schule gut oder schlecht mit Förderschullehrern ausgestattet sei.

Wie es um die Inklusion an vielen Schulen bestellt ist, machen die als Hilferufe bekannt gewordenen Schreiben von mehreren Gemeinschaftsschulen im Saarland deutlich, in denen die Lehrerkollegien über eine mangelhafte Umsetzung der Inklusion klagen. Es fehlten  Förderschullehrer sowie weitere pädagogische Fachkräfte, die Klassen seien zu groß. Insbesondere die verhaltensauffälligen Schüler mit sozial-emotionalem Förderbedarf machten durch ihr aggressives Auftreten Lehrern und Mitschülern gegenüber den Unterricht teilweise unmöglich. Das Ministerium verzeichnet jedoch einen Mangel an Förderschullehrern. Wegen des leichten Anstiegs der Schüler an Förderschulen wurden Neueinstellungen zu Schuljahresbeginn nach Auskunft des Ministeriums den Förderschulen zugewiesen.

Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Förderschwerpunkten verzeichnet das Ministerium insbesondere bei den Schülern mit sozial-emotionalem Förderbedarf einen Anstieg bei den Umschulungen. Dies betreffe die Standorte in Saarbrücken, Saarlouis und Neunkirchen.

Einen Schülerzuwachs verzeichneten auch die Förderschule Geistige Entwicklung im Regionalverband sowie im Landkreis Saarlouis und die Förderschule Körperliche und motorische Entwicklung Püttlingen.

Bundesweit steigt laut Ministerium die Zahl der Schüler, die „in einem erheblichen Maße Unterstützungsbedarf in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung aufweisen“. Die Gründe dafür lägen zum einen im Anstieg der von Armut betroffenen Kinder, zum anderen aber auch darin, dass immer mehr Erziehungsberechtigte ihrem Erziehungsauftrag nicht hinreichend nachkämen, bis hin zu dem zunehmenden Trend gesellschaftlicher Verrohung insgesamt. Die Zahl der davon betroffenen Kinder nehme deshalb sowohl an den Regel-, als auch an den Förderschulen zu.

Die Zuwächse in den Förderschulen bei der geistigen Entwicklung und der körperlich-motorischen Entwicklung lägen zum einen im medizinischen Fortschritt vor, während und nach der Geburt als auch am „Nachzug von beeinträchtigten Kindern im Rahmen der Familienzusammenführungen von Flüchtlingen“.

Um der gestiegenen Nachfrage nach Förderschulen zu begegnen, plant die Landesregierung zwei neue Förderschulen, je eine mit  Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung und geistige Entwicklung.

Michaela Günther, stellvertretende Landesvorsitzende des Lehrerverbands.
Michaela Günther, stellvertretende Landesvorsitzende des Lehrerverbands. FOTO: Winfried_Becker / WIB