Mediziner aus dem Saarland diskutieren Chancen und Risiken von Cannabis

Hanf als Heilmittel? : Cannabis bleibt bei Saar-Medizinern umstritten

Obwohl Hanfprodukte seit dem Jahr 2017 bei bestimmten Erkrankungen verschrieben werden dürfen, wird ein Drittel der Anträge abgelehnt.

Cannabis, bekannt als Rauschmittel und Freizeitdroge, gibt es seit gut zwei Jahren auch vom Arzt auf Kassenrezept als Mittel gegen starke Schmerzen, Spastiken und andere Erkrankungen. Mehr als Tausend Saarländer haben nach Schätzungen von Gesundheitsstaatsekretär Stephan Kolling (CDU) solche Cannabis-Kassenrezepte seit Inkrafttreten eines entsprechenden Bundesgesetzes im März 2017 schon beantragt, aber nur knapp zwei Drittel von ihnen haben sie laut Krankenkassenangaben genehmigt bekommen.

Während Kolling in der Vergangenheit den Ärzten an der Saar vorwarf, zu oft Cannabis (in Form von Blüten, Blütenextrakten oder Fertigarzneimitteln) zu verschreiben, beklagen sich umgekehrt etliche von den Kassen abgelehnte Patienten. Ärzte sind verunsichert, weil es an präzisen Indikationsvorgaben für die Rezeptur ebenso fehlt wie an wissenschaftlichen Studien zu Wirkung und Nebenwirkungen von Cannabis.

„Wir begrüßen es, dass die Ärzte mit Cannabis eine zusätzliche Therapiemöglichkeit haben, aber es gibt viele Probleme“, sagte Saar-Ärztekammer-Präsident Sanitätsrat Dr. Josef Mischo am Samstag auf einem Fachkongress „Cannabis in der Medizin“ im Saarbrücker Ärztehaus. „Medizinisch-fachlich ist die Wissenslage ausgesprochen dünn. Es gibt keine klare Indikationsliste für den Cannabis-Einsatz in der Medizin – im Gegensatz zur Kardiologie oder der Antibiotika-Therapie.“ Zudem habe der Gesetzgeber zur Cannabis-Verordnung ein kompliziertes Antragsverfahren vorgegeben und eine ganze Reihe von Anträgen müssten abgelehnt werden, weil die formalen Voraussetzungen fehlten. Somit seien Ärzte wie Patienten verunsichert. „Wir brauchen vom Gesetzgeber mehr Klarheit und in dieser und jener Frage noch deutlich mehr Forschung und wissenschaftliche Studien“, betonte Mischo.

Der Arzt Dr. Benjamin Gronwald vom Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie Homburg spielte auf dem Kongress ein Video ab, das zeigte, wie ein stark zitternder Parkinson-Patient nach Cannabis-Medikation mit fast ruhiger Hand wieder die Tasten seines Smartphones bedienen konnte. Laut Gronwald gibt es bei medizinisch eingesetztem Cannabis keine bekannte tödliche Dosis und „die Suchtgefahr ist gering“, wie es auf einem Schaubild hieß. Prof. Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken verwies darauf, dass das 2700 vor Christus erstmals erwähnte und im Jahr 1099 mit den Kreuzfahrern nach Europa gelangte Cannabis schon im 19. Jahrhundert zu den am meisten verordneten Medikamenten gehört habe, ehe es nach den 1960/70er-Flower-Power-Jahren mit der Aids-Problematik in Verbindung gebracht und bei der UN-Gesundheitsorganisation WHO zusammen mit Opiaten auf die Liste der Betäubungsmittel mit höchster Gefährdungsstufe geraten sei. Das habe die medizinische Forschung extrem behindert. Inzwischen sei aber eine Herabstufung seitens der WHO erfolgt und das Bundesverwaltungsgericht sowie der Gesetzgeber hätten die Cannabis-Medikation (bis 2017 nur auf Privatrezept, jetzt auch auf Kassenrezept) abgesegnet.

Gesundheitsstaatsekretär Kolling, zugleich Landesdrogenbeauftragter, sagte, aus Patientensicht sei die Neuregelung sicher ein immenser Fortschritt, aber damit stiegen auch die Ausgaben der Krankenkassen und die bisherigen 60 Indikationen für Cannabis-Verordnungen seien zu schwammig. Kolling forderte ein Nachbesserung beim Bundesgesetz sowie ein Cannabis-Zulassungsverfahren mit Nutzenbewertung. Zudem verwies er auf eine noch laufende bundesweite Pilotstudie am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik der Saar-Universität zur ärztlichen Verschreibungspraxis von medizinischem Cannabis. Erstes Ergebnis: „Die Tagesdosierung von zwei Drittel der Patienten kann auf unter 1,5 Gramm eingestellt werden“. Ein Gramm Cannabis, so Landesgeschäftsführerin Christiane Firk von der AOK Rheinland-Pfalz-Saarland, koste die Kassen etwa 40 bis 50 Euro, was sich auf Jahrestherapiekosten zwischen 5500 und 27 000 Euro (mit Cannabis-Blüten) summiere.

Dazu Kolling: „Ich bin für die Vergabe von medizinischen Cannabispräparaten, allerdings mit der Einschränkung, dass es begründete Fälle sein müssen und andere Therapieformen ausgeschöpft sind.“ Einer generellen Legalisierung von Cannabis werde die Saar-Regierung nicht zustimmen, sagte Kolling: „Daran wird sich auch in den nächsten Monaten und Jahren nichts ändern“.

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