1. Saarland

Marpingen und der Kulturkampf

Marpingen und der Kulturkampf

Im Sommer 1876 behaupteten drei Kinder, ihnen sei im Härtelwald die heilige Maria erschienen. Marpingen wurde dadurch zu einem exemplarischen Beispiel des Kulturkampfs. Darüber sprach der Historiker Johannes Naumann.

Marpingen war in aller Munde. Selbst bis in die Neue Welt drang die Kunde von den Ereignissen. Auch die überregionale Presse berichtete, nicht selten fiel dabei das Schlagwort vom Schwindel. Die Sache entwickelte sich zu einem Politikum, die Gerichte ermittelten. Massen strömten in das kleine Dorf, das Militär griff ein. Manch einer hoffte, ein deutsches Lourdes würde im beschaulichen St. Wendeler Land entstehen. Daraus wurde allerdings nichts. Was war geschehen? Darüber sprach der Historiker Johannes Naumann im Marpinger Kulturzentrum Alte Mühle. Sein Vortrag war Teil einer Reihe der Kulturlandschaftsinitiative St. Wendeler Land, die die Geschichte der Region beleuchtet.

Aufruhr durch drei Mädchen

3. Juli 1876: Einige Marpinger Kinder streifen durch den Härtelwald, auf der Suche nach Beeren. Drei von ihnen behaupteten nach ihrer Heimkehr, sie hätten eine weiße Gestalt gesehen: die Muttergottes. Die Erscheinungen dauerten die folgenden Tage an. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von der vermeindlichen Marienerscheinung. Und dies in der Hochphase des sogenannten Kulturkampfes im Deutschen Reich, der Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und Staat, der in frommen Katholiken Reichsfeinde sah. "Im 19. Jahrhundert wurde die jahrhundertealte dörfliche Agrarstruktur der eingreifenden Industrialisierung, dem Handel und der Spekulation ausgesetzt", erklärte Naumann. Bevölkerungswachstum, Pauperismus und der erwachende Staat, der seine Bürger nun kontrollieren wollte, prägten die Epoche. Dieser Staat nannte sich seit 1871 Deutsches Reich, dominiert wurde er allerdings vom protestantischen Preußen. Das gingen mit offenem Visier gegen die katholische Kirche vor.

Die Volksfrömmigkeit, insbesondere in ländlichen Regionen wie dem St. Wendeler Raum, konnte die geballte Faust des Gesetzes jedoch nicht so leicht bezwingen. Naumann: "Marpingen hat eine weit zurückreichende Marientradition. Dies bezeugen die ersten schriftlichen Quellen, ebenso wie Marienbrunnen und Mariensäule." Oder die Wallfahrten nach Marpingen, die im 17. Jahrhundert begannen.

Die Fronten waren klar: hier das einfache katholische Volk in ungewisser Zeit, dort die Macht des Gesetzes. In dieser angespannten Lage dann die Ereignisse im Härtelwald. Von nah und fern kamen Menschen, wollten den Ort der Erscheinung sehen. "Selbst das Who-is-who der katholischen Oberschicht Europas fand sich in Marpingen ein", erläuterte Naumann. Hier nämlich konnte ein deutsches Lourdes entstehen. Im französischen Lourdes soll einige Jahre zuvor Maria erschienen sein. Hier wie dort behaupteten Pilger, auf wundersame Weise von Krankheiten geheilt worden zu sein. Eine katholische Bastion in Preußen? Dagegen musste der Staat einschreiten.

Aus dem nahen Saarlouis wurde Militär angefordert, um im von Menschen überlaufenen Dorf für Ordnung zu sorgen. Die Kompanie schritt zur Tat, riegelte den Härtelwald ab, verjagte die Pilger. Schützenhilfe anderer Art lieferte liberale und national gesinnte Presse, die nur Spott für die Ereignisse übrig hatten. Die Beamtenmaschinerie lief heiß, Untersuchungen und Verhaftungen folgten. Die drei Mädchen, mit denen alles begann, kamen für kurze Zeit in eine Saarbrücker Besserungsanstalt.

Der Sturm flaute jedoch bald schon wieder ab, auch die politische Lage entspannte sich. "Beide Seiten, das Deutsche Reich und der Vatikan, wollten den Kulturkampf beenden, mussten daher zurückrudern. Ein deutsches Lourdes lag nicht mehr im politischen Sinne", sagte Johannes Naumann bei seinem Vortrag. Ein Dekret der Kirche zu Marpingen wurde jedoch vorerst nicht bekannt. Dennoch: Durch die Ereignisse etablierte sich der Härtelwald als Marien-Erscheinungsstätte.

1999 war Marpingen wieder in aller Munde: Drei Frauen soll Maria erschienen sein. Es folgten Pilgerströme, Medienrummel. Schließlich gab der damalige Trierer Bischof Marx 2004 ein Dekret heraus. Darin heißt es: "Es bestehen schwerwiegende Gründe, die es nicht erlauben, sie als übernatürliches Geschehen anzuerkennen."