Marienhaus will keine weitere Klinik schließen

Interview mit Marienhaus-Chef Scheid : „Es gibt keine weiteren Schließungspläne“

Der Vorstandschef der Marienhaus-Stiftung verteidigt das Aus für das Krankenhaus Wadern – und verspricht Investitionen im Saarland.

Hinter Heinz-Jürgen Scheid liegen unangenehme Wochen. Die Marienhaus-Stiftung hat unter seiner Führung beschlossen, zwei Klinik-Standorte im Saarland aufzugeben. Der Protest in der Bevölkerung ist groß, aus der Landesregierung schlägt dem Krankenhausträger offenes Misstrauen entgegen. Vorstandschef Scheid (60) macht beim SZ-Interview in der Marienhausklinik in Saarlouis einen aufgeräumten Eindruck. Der promovierte Volkswirt ist im wörtlichen Sinne ein Mann der eher leisen Töne. Bevor der gebürtige Waldbreitbacher 2015 den Vorstandsvorsitz übernahm, arbeitete er im Bundeswirtschaftsministerium, beim Internationalen Währungsfonds, zu Helmut Kohls Zeiten in der Wirtschaftsabteilung des Kanzleramtes, bei der Europäischen Zentralbank und bei der Bundesnetzagentur, zwischendurch als Dezernent des Landkreises Neuwied.

Herr Scheid, die Fachklinik für geriatrische Rehabilitation in St. Wendel ist bereits zu, das Krankenhaus Wadern wird bis zum Jahresende geschlossen, der Standort Dillingen bis 2019. Drohen an Ihren fünf verbliebenen Krankenhaus-Standorten weitere Schließungen?

SCHEID Wir kämpfen für unsere kleineren Standorte. Wir haben jetzt eine Reihe auch schmerzhafter Konsolidierungsschritte machen müssen, aber es gibt keine weiteren Schließungspläne. Wir wollen jetzt den Blick nach vorne richten und investieren, auch in Losheim.

Aber eine Garantie können Sie nicht abgeben, oder?

SCHEID Die Rahmenbedingungen, die der Gesetzgeber absteckt, können wir selber nicht beeinflussen. Erklärtes Ziel des Krankenhausstrukturgesetzes, das 2015 auf Bundesebene beschlossen wurde, ist es, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland zu verringern. Wir haben beispielsweise schon sehr früh Verbünde gegründet, um Leistungen an bestimmten Standorten zu konzentrieren und Synergien zu heben. Wir trauen uns schon zu, dass wir unsere Standorte gut weiterentwickeln können.

Hat Sie das Ausmaß der Empörung über die Schließung in Wadern überrascht?

SCHEID Manche Dinge tun einem emotional weh, weil wir uns als christlicher Träger in der Verantwortung für unsere Mitarbeiterschaft sehen und unsere Entscheidungen nur nach reiflicher Überlegung treffen. Zum Beispiel wenn gesagt wird: „Jetzt kriegen die für die Schließung auch noch eine Prämie“ – das ist ja nicht so. Damit werden Bilder erzeugt, die bei den Menschen ganz tief sitzen.

Was genau ist daran falsch?

SCHEID Das Krankenhausstrukturgesetz hat die Rahmenbedingungen deutlich weiter verschärft und damit ein Haus wie Wadern wirtschaftlich in die Knie gezwungen. Mit dem Strukturfonds ist die Möglichkeit geschaffen worden, die schließungsbedingten Kosten abzufedern, zum Beispiel beim Personal, damit jemand früher in Ruhestand gehen kann, oder bei der Verlagerung von Planbetten oder dem Abriss von Krankenhaus-Immobilien. Damit werden nicht die Millionenverluste abgedeckt, die in den letzten Jahren aufgelaufen sind. Es werden nur tatsächlich nachgewiesene Kosten abgedeckt, und das auch nur teilweise. Außerdem müssen wir abwarten, wie das Bundesversicherungsamt über den Antrag entscheidet.

Ärgert es Sie nicht, dass sich kein verantwortlicher Politiker hinstellt und sagt: Die Schließung von Kliniken ist eigentlich politisch gewollt?

SCHEID Ich bin da eher Realist. Wir müssen die Dinge nehmen, wie sie sind. Ich kann nachvollziehen, dass es politische Zwänge gibt. Bürgermeister und die Politik insgesamt stehen in der Verantwortung und müssen sich ihren Bürgern stellen. Wir sollten jetzt gemeinsam den Blick nach vorne richten. Strukturelle Veränderungen sind notwendig, auch trägerübergreifend, und wir stellen uns diesen. Es kann nicht sein, dass überall über Trägergrenzen hinweg gleiche Angebote vorgehalten werden.

Warum gibt es diese Doppelstrukturen überhaupt?

SCHEID Wenn die Schrauben im Gesundheitssystem angezogen werden, schauen alle Träger, wo es Leistungsbereiche gibt, die wirtschaftlich attraktiv erscheinen. Dann ist logisch, dass viele Träger auf die gleichen Ideen kommen. Für die Gesamtversorgung macht das aber keinen Sinn.

Die Gesundheitsministerin fühlt sich getäuscht, weil es vor einem halben Jahr wohl ganz andere Sig­nale für Wadern gab. Haben Sie nicht mit offenen Karten gespielt?

SCHEID Wir haben Anfang 2016 ernsthaft den Versuch unternommen, im Klinikverbund Hochwald-Saar mit seinen vier Standorten Hermeskeil, Lebach, Losheim und Wadern Synergien zu heben, was auch bedeutet hat, dass wir bestimmte Angebote konzentrieren. Wir haben aber feststellen müssen, dass diese Anstrengungen nicht ausreichen. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben hat sich immer weiter geöffnet, so dass wir am Freitag vor Pfingsten in den Gremien die Entscheidung treffen mussten, Wadern zum Jahresende komplett zu schließen. Auf Dauer sind Verluste in dieser Größenordnung einfach nicht zu tragen.

Ist es richtig, dass Sie Investitionsmittel  des Landes in Millionenhöhe für Wadern bekommen, aber nicht ausgegeben haben, um den Standort „auszuhungern“, wie es ein SPD-Abgeordneter formulierte?

SCHEID Wir haben in den letzten Jahren immer in einer Größenordnung von im Schnitt rund einer halben Million Euro dort investiert. Wir haben versucht, den Standort weiterzuentwickeln. Aber die Lage spitzte sich immer weiter zu, so dass wir einfach überlegen und entscheiden mussten, wie es weitergehen soll.

Wie hoch waren die Defizite?

SCHEID Es zeichnete sich ab, dass das Defizit im Verbundkrankenhaus Wadern-Losheim in diesem Jahr auf 2,5 Millionen Euro angestiegen wäre. Etwa zwei Drittel davon entfallen auf den Standort Wadern.

War es eine Überlegung, Losheim zu schließen und dafür Wadern, das raumplanerisch sicher der bessere Standort ist, zu erhalten?

SCHEID Wir haben seinerzeit mit Erfolg die konservative Orthopädie in Losheim aufgebaut, sie ist dort hervorragend etabliert. Das ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Das zeigt, dass kleine Krankenhäuser erfolgreich sein können, wenn man eine gewisse Spezialisierung erreicht. Die bauliche Situation in Losheim ist in Ordnung. In Wadern war der Investitionsstau größer und das Haus ist mit seinen 69 Planbetten wesentlich kleiner.

Angesichts der Diskussion über die Schließungen machen sich Marienhaus-Mitarbeiter auch an anderen Standorten im Saarland Sorgen. Welche Botschaft haben Sie für sie?

SCHEID Wir wollen und werden auch künftig im Saarland stark präsent sein. Wir haben 4000 Mitarbeiter im Saarland, davon 3000 in den Krankenhäusern, 600 in der Altenhilfe und 400 in der Jugendhilfe. Das soll auch in Zukunft so sein. Unsere Mitarbeiter sind das Herz unseres Unternehmens. Sie leisten jeden Tag Außergewöhnliches für die Menschen, die sich uns in unseren Einrichtungen anvertrauen, und erfüllen unseren christlichen Anspruch mit Leben.

Wenn Sie ein Bekenntnis zum Saarland ablegen, wo wollen Sie dann in Zukunft konkret investieren?

SCHEID Wir werden in unseren Krankenhäusern ganz viel tun. Deshalb sparen wir auch Fördermittel an, um größere Investitionen tätigen zu können. In Saarlouis planen wir neue OPs und einen neuen Hubschrauberlandeplatz. Im Umfeld der Klinik wollen wir eine neue Zentral­sterilisation für die Aufbereitung der OP-Bestecke bauen, die alle anderen Krankenhaus-Standorte im Saarland mitversorgen soll. In St. Wendel wollen wir eine neue und größere Intensivstation bauen, am Kohlhof das sozialpädiatrische Zentrum erweitern. In Losheim wird die Innere Medizin ausgebaut. Der Bauantrag ist bereits gestellt. Auch im Bereich der Altenhilfe werden wir viel tun: In Wadern werden wir unsere Altenhilfe-Einrichtung, die ja auf dem Gelände des Krankenhauses liegt, erweitern. In Völklingen sind wir in konkreten Planungen für den Ersatzneubau unserer Altenhilfe-Einrichtung.

Das Gesundheitswesen hat sich in den letzten 15 Jahren stark in Richtung Markt entwickelt. Leiden Sie darunter, dass Sie sich den Gesetzen des Marktes unterordnen müssen?

SCHEID Die Bedingungen sind mit der Einführung der Fallpauschalen 2004 schwieriger geworden. In meinem Herzen bin ich Marktwirtschaftler, aber die marktwirtschaftlichen Gesetze können nicht eins zu eins auf das Gesundheitswesen übertragen werden, sondern hier geht es um Menschen. Allein schon der Begriff „Fallpauschalen“ – das sind Menschen, die medizinische Versorgung in Anspruch nehmen wollen und unsere Hilfe benötigen.

Ist es für einen katholischen Träger schwieriger als für einen privaten, ein Krankenhaus zu schließen?

SCHEID Selbstverständlich haben wir viel Herzblut für alle unsere Standorte, das gilt auch in besonderer Weise für Wadern, weil das Krankenhaus dort eine lange Tradition hat. Ich bin der festen Überzeugung: Ein privatwirtschaftlicher Träger hätte ganz sicher schon sehr viel früher einen solchen Einschnitt machen müssen.

Was wird aus den Mitarbeitern?

SCHEID Es wird eine Reduzierung der Mitarbeiterzahl geben. Ein Teil wird in Losheim weitere Beschäftigung finden. Wir sind in intensiven Gesprächen, um vernünftige Lösungen für jeden einzelnen Mitarbeiter zu finden. Wenn es eben geht, wollen wir auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

Viele Menschen im Nordsaarland fragen sich, wie es mit der medizinischen Versorgung weitergehen soll.

SCHEID Ich lebe selbst in einer ländlichen Region und kann die Sorge der Menschen nachvollziehen. Auch deshalb gilt es, den Blick nach vorne zu richten. Wir werden auf dem Gelände des Krankenhauses 2000 Quadratmeter für eine neue Rettungswache bereitstellen, unentgeltlich und mit 40-jähriger Vertragsbindung. Die Notärzte werden von uns gestellt. Die Leute machen sich ja Sorgen, ob der Rettungswagen und der Notarzt schnell genug kommen, wenn etwas mit ihnen ist. Deshalb ist das ein ganz wichtiger Schritt nach vorne.

Das Gesundheitsministerium lässt untersuchen, ob in Wadern eine Nordsaarlandklinik angesiedelt werden kann. Eine gute Idee?

SCHEID Ich begrüße ausdrücklich, dass es zu dieser Frage ein Gutachten geben wird. Mir ist wichtig, dass rasch Ergebnisse vorliegen. Dann wird man auch über die Frage sprechen müssen, was ein neues Krankenhaus für die bestehenden Standorte in Losheim, Lebach und Hermeskeil bedeuten würde. Unsere Investitionsentscheidungen in Losheim hängen natürlich davon ab, ob ein neues Krankenhaus mit 180 oder 200 Betten gebaut wird. Irgendwo müssen die Patienten für die neue Klinik ja herkommen. Das kann nur zulasten anderer Standorte gehen. Ich möchte es klar sagen: Mit dem Bau einer neuen Klinik würde man Losheim, Lebach und Hermeskeil letztlich infrage stellen.

Ist das auch der Grund, warum Sie das Gebäude in Wadern nicht an einen anderen Träger verkaufen wollten, wenn es einen gegeben hätte?

SCHEID Es gab keinen Träger und es gibt keinen Träger, der das Krankenhaus in der Konstellation mit den 69 Planbetten übernehmen will. Natürlich kämpfen wir für die anderen Standorte in Losheim, Hermeskeil und Lebach. Deshalb muss bei den Entwicklungsideen für Wadern im Blick behalten werden, was das für die anderen Standorte bedeutet.

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