1. Saarland

Mangelware: Gesunde Schulkost

Mangelware: Gesunde Schulkost

Saarbrücken. Übergewicht ist eine erlernte Krankheit. Wer sich heute falsch ernährt, wird ein kranker Erwachsener. 15 Prozent aller Kinder sind zu dick, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Das Gesundheitssystem ächzt unter ernährungsbedingten Erkrankungen (70 Mrd. Euro). Sind daran vielleicht auch die Schulen schuld? Davon ist die SPD-Landtagsabgeordnete Isolde Ries überzeugt

Saarbrücken. Übergewicht ist eine erlernte Krankheit. Wer sich heute falsch ernährt, wird ein kranker Erwachsener. 15 Prozent aller Kinder sind zu dick, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Das Gesundheitssystem ächzt unter ernährungsbedingten Erkrankungen (70 Mrd. Euro). Sind daran vielleicht auch die Schulen schuld? Davon ist die SPD-Landtagsabgeordnete Isolde Ries überzeugt. Hartnäckig hat sie Angaben der Landesregierung über die Schulernährung eingefordert. Nun ist sie alarmiert. Denn nur in 30 von 330 Schulen, die Mittagessen anbieten, wird selbst gekocht. Der Rest behilft sich mit Caterern, Metzgereien, Partyservice-Lieferanten. Ries: "Oft wird das Essen morgens um 9 Uhr gebracht und über Stunden warmgehalten. Diese Pampe enthält keine Vitamine mehr, schmeckt nicht und sieht genau so aus." Besonders beunruhigt sie, dass 22 Schulen von Altenheimen beliefert werden: "Kaum vorstellbar, dass diese Küchen für die Schüler ein anderes Essen liefern. Dabei weiß man, dass Senioren anders ernährt werden müssen wie junge Menschen." Eine Aussage, die Christoph Bier von der Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung des Saarlandes e.V. (LAGS) bestätigt: "Senioren haben einen geringeren Energiebedarf bei gleichbleibendem Nährstoffbedarf, weshalb ihre Ernährung nährstoffdichter sein muss." Für Ries steht fest: Die Qualität des Schulessens ist grundsätzlich mangelhaft. Und zwar deshalb, weil es keine Standards und keine Kontrollen gebe. Sie fordert verbindliche Vorgaben, einen Stopp der gesundheitsschädlichen Koch-Autonomie. Der könnte bald kommen. Nach den Osterferien wird es eine neue "Vernetzungsstelle Schulverpflegung Saarland" geben. Ausgestattet mit 1,5 Stellen (80 000 Euro), finanziert von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, mitgetragen vom Land. Angebunden wird sie bei der LAGS, die Steuerung übernimmt Katja Prinz vom Umweltministerium. Sie schildert Ziele und Aufgaben wie folgt: Verbesserung der Nahrungsmittelqualität, Integration regionaler Produkte, Schulungen. "Wir werden mit 1,5 Kräften nicht in allen Schulen probe-essen können", sagt Prinz. "Aber wir werden Strukturen schaffen, die Transparenz ermöglichen. Wir wollen überzeugen, nicht verdonnern." Einen ersten Schritt sieht sie getan: Das Kultusministerium habe in seinem Förderprogramm "Freiwillige Ganztagsschule plus" für eine gesunde Mittagsverpflegung Bedingungen formuliert. Die lauten: mindestens 45 Minuten Pause, Benennung eines für die Speisepläne Verantwortlichen, Anwendung der Qualitäts-Richtlinen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Also: Viele Vollkornprodukte, täglich Rohkost und Salat, wenig Fleisch, frisches Obst, Raps- und Olivenöl. Auf Anhieb nicht das, was Kinder als superlecker empfinden. Das weiß Doris Berstecher, Köchin an der Waldorfschule Altenkessel, nur zu gut: "Vor allem die Geschmacksnerven der älteren Schüler sind anders trainiert." Die Waldorfschule wird von der LAGS als vorbildlich eingestuft, was auch die Lehrer nicht zu schätzen wissen. Nur ein Viertel des Kollegiums, schätzt Berstecher, nimmt am Mittagessen teil. Desinteresse der Pädagogen, das beobachtet auch der Chef der Landeselternvertretung Gymnasien, Joachim Klesen. Zudem eine Abwehr der Eltern: "Das gemeinsame Essen hat noch keine Tradition. Es wäre wichtig, das Schul-Mittagessen positiv zu besetzen."

Meinung

Schulen müssen viel lernen

Von SZ-Redakteurin

Cathrin Elss-Seringhaus

Ganztags-Angebote werden zunehmen. Insofern ist Schulkost kein Rand- oder Luxusproblem, sondern Schul-Alltag. Eine gesunde Verköstigung muss demnach zur Mindestausstattung zählen wie ein Computerraum.

Dieser Wandel vom Lern- zum Lebensort ist für Schulen ungewohnt, ein harter Prozess. Man sollte sie nicht an den Pranger stellen, wenn ihre Bistros noch nicht optimal funktionieren. Sie müssen noch viel lernen. Die Vernetzungsstelle wird es ihnen erleichtern. Selbst wenn die Stelle bei Verstößen keine Durchgriffs-Kraft hat, bleibt sie ein begrüßenswertes Signal dafür, dass das Thema Schulernährung bei der Landesregierung angekommen ist.

Wenn Eltern und vor allem Pädagogen im Schul-Mittagessen nicht mehr länger eine lästige Unterrichtszeit-Ausdehnung sehen, dürfte sich die aktuelle Schulkost-Malaise verlieren. Weil alle darauf drängen werden, das Schulessen kulinarisch und atmosphärisch aufzuwerten.