1. Saarland

"Mama, Lesen ist in"

"Mama, Lesen ist in"

Saarbrücken. Lese-Attentat auf dem St. Johanner Markt. Pünktlich um 11 Uhr tauchen am Samstagmorgen zwischen Käse-, Obst- und Gemüseständen Leute auf, die ihre Nase in unterschiedliche Bücher stecken

Saarbrücken. Lese-Attentat auf dem St. Johanner Markt. Pünktlich um 11 Uhr tauchen am Samstagmorgen zwischen Käse-, Obst- und Gemüseständen Leute auf, die ihre Nase in unterschiedliche Bücher stecken. Oder sollte es einen geheimen Zusammenhang geben zwischen Titeln wie "Fingerhut und Teufelsbrut", "Alarmstufe Hamster" und einem Donald-Duck-Comic?Die zweibeinigen Leseratten stehen vereinzelt oder hocken auf den Treppenstufen des Brunnens und noch verwaister Weihnachtsmarktbuden, ja sogar auf der Laderampe eines geparkten Transporters.

Ein paar bekannte Gesichter sind auch darunter - Leo Prawitt etwa, ehemaliger Leiter der Saarbrücker Stadtbibliothek, Ulrike Donié vom Bürgerforum, die Autorin Angelika Lauriel oder Michael Diener, Oberschließer des Saarländischen Staatstheaters. Außerdem einige Mitglieder des Vorlese-Clubs "Rezitative".

Die meisten schmökern scheinbar versunken, andere können die Spannung weniger gut verbergen und beobachten verstohlen ihre Umwelt im Lauern auf erstaunte Reaktionen. Und die kommen, wenn auch spärlich. "Was lungern die hier rum? Haben die kein Zuhause?", poltert ein älterer Herr. "Öffentliches Lesen?", mutmaßt ein Radfahrer.

Der Honig-Verkäufer äußert einen konkreten Verdacht: "Ist das eine Verabredung über Facebook?"

So ungefähr: Es handelt sich um einen Lese-Flashmob. Die erste Buchstaben-Aktion dieser Art gab es vor zwei Jahren mitten im Weihnachtstrubel in der Bahnhofstraße. Damals waren rund hundert Leute beteiligt, schätzt die Organisatorin der literarischen Überfälle, die anonym bleiben möchte.

Jetzt hatte sie in der Hoffnung auf noch viel mehr Teilnehmer sogar zwei Schulen eingeladen. Ein paar Jugendliche machen auch mit, insgesamt aber sind es diesmal nur etwa 60 Aktivisten. Dass die nicht in dem Maße auffallen wie erhofft, liegt auch an der Aufmerksamkeits-Konkurrenz durch die Neueröffnung der renovierten Diskonto-Passage: Fröhliche Mädchen, die Luftballons verteilen, werden eben eher bemerkt als leise Leser.

Dass sich die Flashmobber quasi im Schneeballsystem verabreden, über Einladungen im Bekanntenkreis und Mundpropaganda, hat auch Nachteile: Einige Mitmachwillige kommen das berühmte akademische Viertel zu spät - da ist der genau 15 Minuten dauernde harmlose Spuk just zu Ende. "Unsere Stadt braucht Fröhlichkeit, Geselligkeit, Kreativität!", begründet die Initiatorin ihre harmlose Überraschungsaktion. "Am liebsten würde ich jeden Monat einen Flashmob organisieren, wenn genügend geistig jung gebliebene Menschen mitmachen würden." Da besteht freilich Grund zur Zuversicht. Denn wie meinte ein Jugendlicher zu seiner Mutter: "Lesen ist in - hast du das nicht gewusst?"

Kontakt für Interessierte: dinerdomino@web.de