1. Saarland

Mahnmahl oder Mantel des Schweigens

Mahnmahl oder Mantel des Schweigens

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Marpingen. Die Mehrheit heute lebender Jugendlicher wird mit reinem Gewissen sagen können: Mein Opa war kein Nazi. Denn 67 Jahre nach dem Untergang des "1000-jährigen Reiches" ist eine Generation herangewachsen, für die der Nationalsozialismus nur noch Historie ist. Damit erhöht sich bei den nachfolgenden Altersgruppen aber auch die Gefahr eines mehr oder weniger gewollten Vergessens, eines Verdrängens der Verantwortlichkeit.Dem möchte die Gemeinde Marpingen mit dem Verein "Wider das Vergessen und gegen Rassismus" entgegenwirken. Doch ein geplantes Mahnmal für Zwangsarbeiter trifft auf heftigen Widerstand, wie sich während der letzten Gemeinderatssitzung des Jahres zeigte.

"Uns geht es darum, dass die Nachkommen wissen, was damals hier passiert ist", sagt Eberhard Wagner, Vorsitzender des Vereins "Wider das Vergessen", der das Mahnmal angeregt hat. Auch im Saarland, das 1935 für die "Heimkehr ins Reich" stimmte, waren während des Krieges Zwangsarbeiter eingesetzt. 71 junge Menschen - größtenteils aus Polen, Russland oder der Ukraine - verrichteten in den Ortsteilen Alsweiler (14), Urexweiler (34) und Marpingen (23) ihre Dienste. Unter ihnen Michel Saladjak (oder Paladiark), der am 21. November 1921 bei Lemberg (heute Ukraine) das Licht der Welt erblickte. Nach Kriegsende blieb "de Russ", wie er in Alsweiler genannt wurde, zunächst in Alsweiler. Später lebte er in Urexweiler, wo er im Juli 1986 starb.

Als nun das Grab diesen Frühsommer eingeebnet wurde, nahm der Verein "Wider das Vergessen" dies zum Anlass, Pläne für eine Zwangsarbeiter-Gedenkstelle zu konkretisieren. Der Grabstein Saladjaks sollte bewahrt und an geeigneter Stelle aufgestellt werden, um dort an das Schicksal der Zwangsarbeiter zu erinnern. "Da Michel in Alsweiler bei Jakob Eckert im Hiwwelhaus arbeitete, war es aus unserer Sicht nahe liegend, das Hiwwelhaus auch als Ort des Gedenkens vorzuschlagen", erklärt Eberhard Wagner. Doch da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Der Alsweiler Ortsrat lehnte auf seiner Sitzung vom 3. Dezember eine Gedenkstätte am oder im Hiwwelhaus einstimmig ab.

Jetzt verteidigte Paul Schäfer im Gemeinderat die Entscheidung damit, "dass gar nicht klar ist, ob Saladjak überhaupt Zwangsarbeiter war". In Alsweiler würde er nicht als solcher gesehen, sagte der parteilose Ortsvorsteher. Und weiter: "Tote soll man ruhen lassen." Diese Aussage rief nicht nur bei Eberhard Wagner Befremden hervor. "Wir sollten nicht wie in den 50er-Jahren versuchen, dieses Thema totzuschweigen, sondern uns dem stellen", meinte etwa Ratsmitglied Stefan Kunz (SPD). "Wenn man in der Gemeinde Marpingen eine Gedenkstätte will, soll man die nach Urexweiler machen, wo die Zwangsarbeiter schwerpunktmäßig eingesetzt waren", sagte hingegen Schäfer.

Dass der Alsweiler Ortsvorsteher leugnet, dass Saladjak ein Zwangsarbeiter gewesen sei, ist für Wagner "eine unglaubliche Frechheit. Wenn jemand so etwas sagt, widerspricht er jeder historischen Wahrheit". Auch Bürgermeister Werner Laub (SPD) kann die Aussagen Schäfers nicht nachvollziehen. "Aus meiner Sicht ist es zweifelsfrei erwiesen, dass Saladjak ein Zwangsarbeiter war." Unterlagen aus dem St. Wendeler Stadtarchiv, die der SZ vorliegen, belegen dies. Für Laub sei es wichtig, "dass wir das, was damals geschehen ist, nicht vergessen oder den Mantel des Schweigens drüberbreiten". Der Bürgermeister will sich nun verstärkt in die Diskussion einbringen "und versuchen, eine konsensuale Lösung herbeizuführen".