1. Saarland

Lisdorf macht Geschichte(n)

Lisdorf macht Geschichte(n)

Lisdorf. Die Vorgeschichte liegt im Dunkeln. Wie Kelten oder Römer in Lisdorf lebten, ist noch unklar. Greifbar wird der Ort in der Au erstmals im Jahre 911, per Anordnung des westfränkischen Königs Karl III. Hier beginnt die Geschichte, auf die der urkundlich älteste Saarlouiser Stadtteil zum Jubiläum zurückblickt

Lisdorf. Die Vorgeschichte liegt im Dunkeln. Wie Kelten oder Römer in Lisdorf lebten, ist noch unklar. Greifbar wird der Ort in der Au erstmals im Jahre 911, per Anordnung des westfränkischen Königs Karl III. Hier beginnt die Geschichte, auf die der urkundlich älteste Saarlouiser Stadtteil zum Jubiläum zurückblickt. In 1100 Jahren sei viel passiert, sagt Heiner Groß (Foto: SZ/privat), Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde Lisdorf. Prägend für den Ort seien vor allem die großen Einschnitte gewesen.Erstens die Folgen der Urkunde vom 20. Dezember 911, in der König Karl das "Hofgut mit Namen Lisdorf" an einen Verbündeten verschenkt. Der neue Landesherr Stephan, Bischof von Cambrai, herrscht über den königlich aufgewerteten Bann Lisdorf "zwischen Wadgassen und Wallerfangen" (Groß), bis der Besitzer wechselt. Im Hochmittelalter führt das 1162 gegründete Prämonstratenserkloster Wadgassen die Herrschaft, und die Lisdorfer werden zu Leibeigenen des Abts. Aber für die Moselfränkisch sprechenden Bauern von "Leischdroff" geht es wirtschaftlich bergauf, weil der neue Grundherr den Gemüseanbau und den Bau von Mühlen (wie der Holz-, Neu- oder Kapellenmühle) forciert. 1680 entsteht vor den Feldern der Lisdorfer Bauern die Festung Saarlouis. "Ein einschneidendes Ereignis", sagt Groß, "denn Vauban nahm den Lisdorfern viel Land weg". Trotzdem war die Bastion ein Segen, "weil ein großer Absatzmarkt für Gemüse entstand".

Das florierende Dorf der Gemüsebauern (um 1600 zählte es rund 250 Einwohner, 1700 vier Mal so viele, heute sind es 3700) erfährt nach 1789 die wohl größte Zäsur. Groß: "Mit der Französischen Revolution kam die Freiheit. Das Kloster wurde enteignet, aus Bauern wurden Grundbesitzer." In preußischer Zeit (ab 1815) wird Lisdorf berühmt, weil der neue Pfarrer Hansen 1835 in der Feldstraße die erste Landwirtschaftsschule Preußens und Westeuropas gründet. Als der beliebte Prediger Lisdorf wieder verlässt, kommt es 1838 gar zu einem "Frauenaufstand".

Heiner Groß
Die "Geburtsurkunde" von 911 liegt heute im Staatsarchiv Lille.
Lisdorf von oben, hier in einer Luftaufnahme von 1929.

Die politischen Aufstände der Neuzeit (wie die Revolution von 1848) gehen an Lisdorf weitgehend vorüber, sagt Groß. Trotzdem kommt auch die große Geschichte ins Bauerndorf (wo aber auch Kaufleute oder Handwerker leben). Seuchen und Kriege suchen Lisdorf heim, die Industrialisierung bringt Fortschritt. Unter Nazi-Herrschaft wird das Dorf in der Au 1936 Stadtteil von "Saarlautern", im Zweiten Weltkrieg nimmt es schweren Schaden durch Evakuierung und Dauerbeschuss wegen der Nähe zum hart umkämpften Westwall. Doch der Ort erholt sich nach Kriegsende. Lisdorfer Gemüse verkauft sich ab 1946 wieder bestens - bis zur Krise der 1970er-Jahre, als viele Bauern aufgeben müssen. Trotzdem: "Bis heute ist unser Lisdorf geprägt vom Gemüseanbau", resümiert Groß. Und stolz auf seine lange Geschichte.