1. Saarland

Leben in einer toten Zone?

Leben in einer toten Zone?

Anwohner des Alt-Saarbrücker Wittums fühlen sich von der Stadt mies behandelt: Ein neuer Wohnblock vor ihrer Tür würde ihre Lebensqualität zerstören, sagen sie – und haben eine Bürgerinitiative gegründet.

Arthur Gollmer hat einen guten Platz zum Leben gefunden - jedenfalls dachte er das bis vor ein paar Wochen. Der Student aus Regensburg wohnt im unteren Alt-Saarbrücken, also recht nah am Stadtzentrum. Dennoch kann er von seinem Balkon in der Werderstraße auf Bäume schauen. Er schwärmt von den Vögeln am Tag, von Fledermäusen in der Nacht. Weil er Angst hat, dass es damit bald vorbei ist, hat sich Arthur Gollmer vor ein paar Tagen Arbeit aufgehalst: Er hat sich zum Sprecher einer neuen Bürgerinitiative wählen lassen.

Die Initiative will nicht verhindern, dass Im Wittum, dort wo einst ein Lidl-Markt stand, gebaut wird. Den Plan der Stadtverwaltung, dort viergeschossige Häuser hochziehen zu lassen, will die Gruppe aber zum Scheitern bringen. Bereits Mitte März hatte Hans-Peter Becker, der im Viertel immer schon sehr aktiv war, 51 Unterschriften gegen die Bebauung gesammelt (die SZ berichtete).

Ende April trafen sich die Anwohner dann mit Mitarbeitern des Stadtplanungsamts im Rathaus. Was sie dort zu hören bekamen, habe sie alles andere als beruhigt, sagt Becker. Es sei ihm so vorgekommen, als sei die Bauverwaltung zwar daran interessiert, den Bürgern die Pläne der Investoren zu erklären. Die Bedenken der Anwohner hätten dagegen weniger interessiert.

Bis 6. Mai können noch Einsprüche geltend gemacht werden. Einige Anwohner sind dabei, das mit Hilfe von Anwälten zu tun. Die Bürgerinitiative will darüber hinaus versuchen, Druck auf die Verwaltung und den Stadtrat auszuüben. Denn was da gerade laufe, sei "eine Diskriminierung der Menschen, die bereits hier wohnen", glaubt Becker.

"Uns bauen sie vor die Nase, auf der anderen Seite sind dann die Grünflächen für die Leute in den neuen Häusern. Wir leben dann in einer toten Zone, da kommt keine Luft mehr rein. Es wird dunkel. Die Häuser verlieren an Wert, die Mieter laufen weg", befürchtet er.

Markus Becker ist Mieter. "Wenn so bebaut wird, wie die das jetzt planen, dann ziehe ich weg", sagt er. Er findet: "Was die machen, ist nicht fair." "Die", das sind für Markus Becker die Mitarbeiter des Stadtplanungsamts. Da werde auf der einen Seite von Klimaschutz gesprochen und darüber, dass es mehr Grünflächen geben müsse in der Innenstadt - und dann lege das Amt so einen Plan vor.

Wenn man die Klimaschutzpläne ernst nehmen würde, "müsste das ganze Wittum frei bleiben", sagt Hausbesitzer Norbert Wahrenberg. Aber soweit wolle man ja gar nicht gehen. Es reiche ja schon, wenn maßvoll gebaut werde.

Womöglich, spekuliert Hausbesitzerin Sabine Schneider, spiele die Stadtverwaltung bei den potenziellen neuen Bewohnern nicht mit offenen Karten. In den Plänen seien einige Grünflächen eingezeichnet, "aber in der Wirklichkeit sind das dann wohl eher Parkplätze", vermutet Schneider. Das befürchtet auch Arthur Gollmer. Auf die Frage, wie viele Leute denn da genau wohnen und wie viele Parkplätze denn für deren Autos und die Autos von deren Besuchern gebraucht werden, habe die Stadtverwaltung beim Treffen im Rathaus "keine schlüssige Antwort" gegeben. Er und seine Mitstreiter hoffen, dass die Politik "nicht nur abnickt". Denn aus Sicht der Initiative werde das Wohnquartier mit den neuen Plänen nicht aufgewertet, sondern kaputtgemacht.