Zwei Podologen-Schulen im Saarland befürchten Schließung

Notstand im Saarland : Fußpflege: Patienten-Versorgung ist in Gefahr

Der Podologen-Verband schlägt Alarm, weil zwei Schulen das Aus droht. Bewerber scheuen die Schulgeld-Kosten. Springt das Land in die Bresche?

Schon jetzt, sagt Annette Hammes, muss sie monatlich bis zu 20 Patienten abweisen: Menschen mit kaum mehr heilenden Wunden an den Füßen, Rheumatiker und Diabetiker. Ihre Stammkunden wiederum bittet sie, eine Petition zu unterschreiben zur Verbesserung der Ausbildungssituation in der Podologie. Hammes leitet am Saarbrücker Rotenbühl eine Praxis für medizinische Fußpflege und hat sich mit rund 100 Kollegen zusammengetan, um die Patienten auf einen drohenden Versorgungs-Engpass aufmerksam zu machen. Denn gerne würde Hammes noch mehr Menschen helfen, würde mehr Angestellte beschäftigen. Doch ausgebildete Kräfte findet sie seit Jahren kaum mehr. Bewerber um einen Ausbildungsplatz hat sie aber durchaus, freilich kommt es selten bis zur Ausbildung. Denn wer Podologe werden will, muss richtig Geld investieren, rund 20 000 Euro, und das bei einem zukünftigen Verdienst von rund 1800 Euro brutto. „Wenn die Leute hören, dass sie ihre zweijährige Schulausbildung selbst zahlen müssen und dass sie keine Ausbildungsvergütung bekommen, winken sie ab“, sagt Hammes. „Sie wissen schlicht nicht, wovon sie in dieser Zeit leben sollen, geschweige denn, woher sie die 200, 300 Euro Schulgeld pro Monat nehmen sollen.“ Die Interessenten seien oft älter als 30 Jahre, könnten kein Bafög mehr beantragen. Hammes berichtet von unzähligen weiteren Hürden für staatliche Fördermöglichkeiten, weil Podologe kein klassischer Lehrberuf sei. Solcherart Erfahrungen beschäftigten Hammes jedoch nicht nur als Unternehmerin, sondern insbesondere als Vorsitzende des Landesverbandes im Deutschen Verband für Podologie (ZFD). Denn dort wie auch bei anderen Berufsverbänden der Branche ist der Fachkräftemangel keine abstrakte politische Größe mehr, sondern ein Berufsbild vernichtender Flächenbrand. Der Grund: Der Rückgang der Schülerzahlen gefährdet die Existenz der durch das Schulgeld finanzierten Schulen. 35 sind es laut Hammes bundesweit, vormals waren es 50. Im Saarland gibt es zwei davon, MaxQ in Saarlouis und die Saarbrücker Fachschule für Podologie und podologische Praxis (SHG Bildung) mit einer angegliederten Praxis, in der die Auszubildenden arbeiten und die derzeit rund 900 Patienten versorgt. Bereits 2017 wollte die SHG Klinikleitung die Saarbrücker Einrichtung schließen. Schon damals warnte Hammes vor einem Versorgungs-Debakel im Großraum Saarbrücken. Die anderen Praxen seien nicht in der Lage, die SHG-Patienten zu übernehmen. Sie sieht nun die gleiche Situation auf ihre Kollegen zurollen: „Schon jetzt gibt es überall Wartelisten. meine Kollegen arbeiten zehn, zwölf Stunden täglich, sie sind über dem Limit.“

Vor eineinhalb Jahren erfolgte die Rettung der SHG-Schule durch das Eingreifen des Saar-Gesundheitsministeriums (40 000 Euro). Heute sagt die SHG-Schulleiterin Martina Port: „Ich fürchte, diesmal kommt jede Hilfe zu spät. Wir haben keine Chance mehr.“ Warum, das belegen Zahlen. Derzeit werden nur noch elf Schüler in zwei Klassen unterrichtet, früher waren es durchschnittlich 18 pro Klasse. Im April meldeten sich nur mehr vier Interessenten bei Port.

Auch in Saarlouis, bei MaxQ, hat man akute Zukunftssorgen: „Wir wissen nicht, wie lange das noch gut geht“, sagt Kathrin Grund. Schülerzahlen will sie nicht preisgeben, doch sie hält fest: „Wir bräuchten das Doppelte an Absolventen.“

Solcherart Notsignale vernimmt der von Hammes geführte Podologen-Landesverband schon lange, ist seit eineinhalb Jahren auch im Gespräch mit Ministerin Monika Bachmann (CDU). Die Forderung: eine kostenfreie Ausbildung, das Land soll die Schulgeldzahlung übernehmen. Vorbild sind Länder wie Sachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen (70 Prozent Kostenübernahme). Außerdem hält der Verband eine Ausbildungsvergütung für zwingend, die die Krankenkassen mitfinanzieren sollen. Mit diesen beiden Zentral-Anliegen stehen die Podologen nicht allein. Auch für Ergo- und Physiotherapeuten oder Logopäden gelten ähnlich unattraktive Ausbildungs-Regularien. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will das bekanntlich ändern. Wie Melanie Flemming von der Bundesgeschäftsstelle des Verbandes deutscher Podologen (VDP) berichtet, ist jedoch noch kein Finanzierungsmodell gefunden, weil die Länder für das Schulgeld zuständig seien.

Saar-Gesundheitsministerin Bachmann teilt auf SZ-Nachfrage mit, das Saarland sei Teil dieser Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesamtkonzept Gesundheitsfachberufe“. Unabhängig davon werde derzeit aber auch geprüft, „ob eine Bezuschussung durch das Land möglich ist, so wie es derzeit in Nordrhein-Westfalen gehandhabt wird.“ Licht am Horizont? Es scheint allzu weit entfernt.

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