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Zahlreiche Intensivpfleger an der Marienhausklinik Ottweiler melden sich krank

Kostenpflichtiger Inhalt: Protest gegen neuen Personalschlüssel : Fast alle Intensivpfleger an Klinik in Ottweiler melden sich krank

In den Krankenhäusern von Marienhaus gelten neue Personalschlüssel. In Ottweiler meldeten sich aus Frust daraufhin zahlreiche Intensivpfleger krank. Sie sprechen von „unhaltbaren Zuständen“.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Gewerkschaft Verdi spricht davon, dass pflegerische Standards in den Marienhauskliniken außer Kraft gesetzt würden. Das sei „lebensgefährlich, unverantwortlich und zugleich gesundheitsgefährdend“. Die Corona-Krise solle genutzt werden, um „in übelster Ausbeutung die Marienhaus-Gruppe zu sanieren“, sagt der Verdi-Pflegebeauftragte Michael Quetting.

Was ist geschehen? Der katholische Träger Marienhaus hat den Personalschlüssel geändert. Auf den Intensivstationen kommen auf eine examinierte Pflegekraft laut Marienhaus statt 2,5 jetzt bis zu vier Patienten. Auf den Normalstationen ändert sich der Schlüssel von 1:10 bis 1:12 auf jetzt 1:15.

Verdi macht für die neuen Regeln den Marienhaus-Generalbevollmächtigen Thomas Wolfram verantwortlich. Die Gewerkschaft sieht in dem früheren Konzern-Chef des privaten Krankenhausträgers Asklepios einen knallharten Sanierer, dem es nur um den wirtschaftlichen Erfolg gehe. „Solchen Leuten darf man nicht das Gesundheitswesen überlassen“, sagt Quetting, der ein Machtwort des Bischofs von Trier fordert.

Fragt man bei Marienhaus in Waldbreitbach nach, klingt das alles ganz anders. Alle Patienten bekämen jederzeit die Behandlung, die medizinisch notwendig und sinnvoll sei, versichert Marienhaus-Sprecher Heribert Frieling. Für den neuen Personalschlüssel werden zwei Begründungen genannt.

Zum einen seien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freigestellt worden, um Überstunden abzubauen oder Urlaub zu nehmen, um zum „Zeitpunkt X“, zu dem mit einer Welle von Covid-19-Patienten gerechnet wird, ausgeruht an die Arbeit zurückkehren zu können. An den Marienhaus-Standorten St. Wendel, Ottweiler und Kohlhof werden – Stand Montag – gerade einmal sechs Corona-Patienten behandelt, keiner von ihnen intensivmedizinisch.

Zum anderen seien die Intensivkapazitäten deutlich ausgebaut worden, daher habe man auch die Personaldecke entsprechend gestreckt. Bis heute ist der „Zeitpunkt X“ indes noch nicht gekommen.

In Ottweiler haben sich aus Protest gegen den neuen Stellenschlüssel am Freitag 16 der 18 Beschäftigten der Intensivstation krankgemeldet, wie eine Krankenschwester der SZ berichtet. Die Pflegedienstleitung der Marienhausklinik habe daraufhin die Station abmelden wollen, doch dies habe „Doktor Wolfram“, also der Generalbevollmächtigte von Marienhaus, untersagt. Von „unhaltbaren Zuständen“ berichteten Pflegekräfte. Die Probleme gebe es schon seit einem Jahr, also lange vor Corona. Jeder Tag, an dem nicht gehandelt werde, könnten Menschen sterben.

Marienhaus bestätigt, dass „zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ der Intensivstation in Ottweiler sich krankgemeldet haben, nennt aber keine genauen Zahlen. Diese Ausfälle kompensierten nun Kolleginnen und Kollegen von der Intensivstation der Marienhausklinik Kohlhof. Zwei von ihnen kümmerten sich um maximal vier Patienten. Sie würden dabei noch von zwei Krankenpflegeschülern unterstützt.

Personelle Engpässe in Ottweiler sind offenkundig. So berichten Intensivpfleger, dass Pflegekräfte der Covid-Intensivstation tageweise auf die Intensivstation der Kardiologie wechseln müssten. Das sei für die Herzpatienten hochgefährlich, weil Pflegekräfte infiziert sein könnten, ohne es zu wissen. Zudem sei dies eine Täuschung der Öffentlichkeit, denn die Klinikleitung habe stets versichert, es handele sich um „zwei komplett getrennte Bereiche“, die hermetisch abgeriegelt seien.

Marienhaus räumt ein, „aufgrund der vorübergehend angespannten Personalsituation“ sei es „in Ausnahmefällen“ dazu gekommen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Covid-19-Intensivstation an einem der folgenden Tage auf der Intensivstation der Kardiologie gearbeitet hätten. Der Träger widerspricht aber der Befürchtung von Mitarbeitern, dass Herzpatienten dadurch gefährdet worden sind. „Da sie die strengen Hygiene-Regeln eingehalten haben, schließen wir eine Gefährdung von Kardiologie-Patienten aus.“  In Ottweiler habe es bis dato unter den Mitarbeitern weder Corona-Verdachtsfälle noch nachgewiesene Infektionen gegeben.

Verdi-Gewerkschaftssekretär Michael Quetting fordert ein Machtwort des Trierer Bischofs. Foto: Ute Kirch

Allerdings werde ja auch gar nicht getestet, sagt eine Intensivpflegerin. Außerdem widersprechen sie und ihre Kollegen der Darstellung, es handele sich um „Ausnahmefälle“; vielmehr sei das Hin und Her zwischen Covid- und Kardiologie-Intensivstation schon in den Dienstplänen vorgesehen worden.