Wie die Saar-Polizei Einbrecherbanden das Handwerk legt

Spezialdienststelle für Wohnungseinbrüche : 22 Beamte machen Jagd auf Einbrecher

Bei der saarländischen Polizei gibt es eine Spezialdienststelle für Wohnungseinbrüche. Sie fahndet nach kriminellen Profis.

Einbrechen ist ein Handwerk. Carsten Molitor greift nach einem der Werkzeuge auf dem Tisch. Eine weiße Karte aus verbogenem Kunststoff. „Ein Flipper“, sagt Molitor. Der Kriminalhauptkommissar führt ihn an der Tür vor. Er zieht den Flipper durch den Türspalt, von oben nach unten – bis zur Verriegelung. So machen das die Diebe, denen der Kripo-Beamte das Handwerk legt. Molitor, ein drahtiger Mann mit wachem Blick, leitet beim Landespolizeipräsidium die Spezialdienststelle für Wohnungseinbrüche. Sie verteilt sich über drei Standorte, Dillingen, Saarbrücken, Neunkirchen. Unter seinem Kommando stehen 21 Beamte. Sie untersuchen alle Einbruchsdelikte im Saarland, im Austausch mit Ermittlern in Deutschland und Europa. Molitor: „Nur vor der eigenen Haustür zu kehren, das geht nicht.“

Seine Dienststelle war die Antwort der Behörden auf eine Hochkonjunktur des Einbruchdiebstahls. Über Jahre entwickelte sich dieser zu einem kriminellen Wirtschaftszweig mit bedrohlichen Zuwachsraten. „Es gibt Menschen, die mit Einbrüchen ihren Lebensunterhalt verdienen“, sagt Gerald Stock, leitender Kriminaldirektor bei der Landespolizei.

2018 gingen die Einbruchszahlen bundesweit um 16 Prozent zurück, im Saarland verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) eine Zunahme um 23,4 Prozent. Nach Behördenangaben wegen eines Intensivtäters, der in Saarbrücken innerhalb eines halben Jahres über 400 Straftaten verübt haben soll (wir berichteten). Dagegen gilt der Anstieg früherer Jahre als Werk organisierter Bandenkriminalität – von Profis, über Länder- und Staatsgrenzen hinweg. „Das ist ein Problem“, sagt Molitor. Gerade im Saarland, einer Grenzregion. Wo unterschiedliche Gesetzeslagen aufeinandertreffen. „Dafür muss man ein Verständnis entwickeln“, erklärt er.

Der Kommissar empfängt Besucher im Alten Rathaus von Dillingen, einem historistischen Bau aus rotem Sandstein, in dem auch die örtliche Polizei untergebracht ist. Hier hat die Spezialeinheit für Wohnungseinbrüche ihren Ursprung. Unter dem Dach nahm im Januar 2013 eine erste Ermittlungsgruppe ihren Dienst auf. „Wir sind Schritt für Schritt besser geworden“, sagt Molitor. 2012 wies die PKS für die Region ein Rekordhoch an Einbrüchen aus, das im Folgejahr noch getoppt werden sollte. Die Aufklärungsquote betrug nur zehn Prozent. Molitor und seine Beamten steigerten sie 2018 auf 26,7 Prozent (Bund: 18,1 Prozent).

Wie kommt die Kripo den Verbrechern auf die Spur? Carina Scherer kann das erklären, sie gehört in Dillingen zum Ermittlerteam. Und berichtet von einer Einbrecherbande aus dem Baltikum, die im Saarland zuerst Autos aufbrach. „Wir haben versucht, das aufzuschlüsseln“, sagt Scherer. Bald war klar: Die Täter hatten es auf Hausschlüssel und Taster von Garagentoren abgesehen. Um möglichst unbemerkt einsteigen, mit Fahrzeugen und Wertgegenständen abrauschen zu können.

Ein Zeuge brachte die Polizei auf die Spur der Einbrecher. Am Ende ging es um 83 Delikte in mehreren Bundesländern. Kripo-Beamtin Scherer sagt: „Wir wussten, wir haben da ein richtig großes Verfahren.“ Dessen Fäden bei den Ermittlern im Saarland zusammenliefen. Im Februar 2016 gelangen ihnen Festnahmen an der deutsch-französischen Grenze. Einerseits geht es im Alltag der Sonderermittler um die großen Zusammenhänge organisierter Kriminalität. Andererseits um unzählige Details, die sich aus Akten und Datenbanken, an Tatorten oder bei Festnahmen sammeln lassen.

Carsten Molitor führt in den Ratssaal des Alten Rathauses, zu einer langen Tischreihe. Was man hier sieht, nennen die Polizisten ihre „Schmuckausstellung“. Auf kleinen Bänken, bespannt mit schwarzem Tuch, liegen Armbanduhren, Broschen, Halsketten, mit kleinen Nummernschildchen versehen.

All diese Kostbarkeiten landeten als Diebesbeute bei der Polizei. Sie organisiert regelmäßig Ausstellungen, um die Besitzer ausfindig zu machen, aber auch mehr über die Täter zu erfahren. Molitor weiß, welche Schätze seine Behörde hortet – unabhängig von Marktpreisen. Er sagt: „Es geht nicht um den materiellen Wert, der ist von der Hausratsversicherung meist abgedeckt.“ Molitor erinnert sich an eine ältere Dame, die gegen ihre gestohlene Kreuzkette alles eingetauscht hätte.

Brecheisen, Schraubenzieher, Steine: Einbrecher bedienen sich vieler Werkzeuge. Dazu gehören auch Plastik-Karten, sogenannte „Flipper“ (links oben). Foto: Tobias Fuchs

Am Ende der Tischreihe bilden die Werkzeuge der Einbrecher ein eigenes Tableau. Da liegt der Flipper, nach dem Molitor zuerst gegriffen hat. Daneben Brecheisen und andere Geräte, die Spuren hinterlassen. Und seien es nur Kratzer, die sich mit Hilfe einer Paste in Gummi bannen, mit Fingerabdrücken und anderem zu einer „Indizienkette“ verknüpfen lassen. „Es ist ein Puzzlespiel“, sagt Molitor.

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