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Wie bereitet sich das Saarland auf 10000 Corona-Fälle vor?

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona-Krise : Wie bereitet sich das Saarland auf 10000 Corona-Patienten vor? (Update)

Weil die Corona-Fälle im Saarland rasch zunehmen, rechnet Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) bis Monatsende mit 10 000 Erkrankten. Mit einer solchen Größenordnung kalkuliert man auch im Landtag. Wie bereitet sich das Land auf so viele Patienten vor?

„Wir wissen, wir werden aufgrund des Infektionsgeschehens am 23. März 1000 Fälle haben, am 30. März 10 000 Fälle“, sagte Hans am Freitagabend (20. März) in einer Sondersendung des ZDF zur Corona-Krise in Deutschland. Das Gesundheitsministerium in Saarbrücken nannte am Samstagabend für die Region eine Zahl von 301 Krankheitsfällen. Auch bestätigte die Behörde einen ersten Todesfall im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus.

Seit dem vergangenen Wochenende verdoppelten sich die Infektionszahlen im Saarland in etwa im Zwei-Tages-Rhythmus. Zwar verlangsamte sich der statistische Anstieg der Fallzahlen zwischen Mittwoch und Freitag. Doch das könnte an den vielen Teströhrchen liegen, die Labore derzeit abarbeiten müssen.

Am Dienstag waren drei Teststationen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Saarland in Betrieb genommen worden, ausgestattet mit 900 Tests. Der Ansturm war riesig. Schon am nächsten Tag wich man in große Hallen nach Dillingen und St. Ingbert aus. Allerdings stieß das von der KV beauftragte Labor bei 400 Tests täglich an seine Kapazitätsgrenzen. Daher hatte KV-Chef Gunter Hauptmann frühzeitig vor flächendeckenden Tests gewarnt. „Wir wissen und stellen fest, dass über 90 Prozent der Tests, die durchgeführt werden, unnötig sind“, sagte sagte er unserer Zeitung. Mittlerweile werden für Abstriche immer größere Kapazitäten geschaffen, ab nächsten Dienstag soll es auf dem Parkplatz der Ford-Werke in Saarlouis eine Drive-In-Teststation geben. In allen Kreisen sollen Tests möglich sein, auch mit Hilfe der Bundeswehr. Die Armee stellt für eine weitere Station das HIL-Werk in St. Wendel zur Verfügung. Angesichts der Flut an Teströhrchen dürfte es mehr Zeit in Anspruch nehmen als bisher, positive Fälle nachzuweisen.

Auch wegen der Engpässe bei den Tests hatte das für die Beobachtung der Lungenkrankheit Covid-19 zuständige Robert-Koch-Institut in Berlin bereits am Dienstag das Risiko für Bevölkerung erstmals als „hoch“ eingestuft. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Fallzahlen wesentlich höher sind“, erklärte RKI-Chef Lothar Wieler. Aufgrund der limitierten Testkapazitäten und einem Meldeverzug von etwa drei bis vier Tagen könne man die tatsächlichen Zahlen nur schätzen.

Dem Gesundheitsausschuss des Landtages teilte das zuständige Ministerium in Saarbrücken mit, dass sich die Krankheitsfälle im Saarland alle 2,2 Tage verdoppelten. Vor diesem Hintergrund kalkulierte der SPD-Politiker Magnus Jung am Freitag mit ähnlichen Zahlen wie Ministerpräsident Hans im ZDF. „Es ist eine einfache Modellrechnung“, erklärte der Ausschussvorsitzende. „Wenn man mit den Statistiken weiterrechnet, gibt es zum Monatsende 8000 oder 9000 Infizierte.“ Aufgrund dieser Zahlen sagte er: „Es könnte in zwei, drei Wochen der Fall sein, dass die Krankenhäuser voll sind.“

Wie lassen sich überfüllte Kliniken verhindern? Die von den Trägern zur Schließung vorgesehenen Häuser in Lebach und Ottweiler bleiben vorerst geöffnet, dagegen scheint einer Reaktivierung der geschlossenen Krankenhäuser in Wadern und Dillingen vom Tisch zu sein. Dillingen ist im Pandemieplan des Landes neben dem Universitätsklinikum und dem Klinikum Saarbrücken weiterhin als eines von drei „Schwerpunktkrankenhäusern“ im Krisenfall verzeichnet. Doch sollen die Rückbauten schon weit gediehen, eine erneute Inbetriebnahme schwierig sein. Stattdessen will die Regierung neben den bestehenden Krankenhäusern auch Rehakliniken nutzen.

Wie sehr die Krankenhäuser in der Corona-Krise unter Druck geraten, zeigte sich im Laufe des Samstags. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte für Kliniken deutschlandweit einen finanziellen Schutzschirm angekündigt, ein Betrag von 7,8 Milliarden Euro sollte vom Bund und den Kassen fließen. Doch der erste Gesetzentwurf stieß auf scharfe Kritik – auch im Saarland. Die Saarländische Krankenhausgesellschaft (SKG) bezeichnete die Pläne als „Katastrophe für die Krankenhäuser“. Spahn will nun nachbessern. Am Abend bestätigte das Gesundheitsministerium dann SZ-Informationen, dass nach der Marienhausklinik in St. Wendel auch das Diakonie Klinikum Neunkirchen und das Evangelische Stadtkrankenhaus Saarbrücken einen Aufnahmestopp verhängt hätten. Grund sind Corona-Fälle unter den Beschäftigten.

Nach Angaben des CDU-Landtagsabgeordneten Raphael Schäfer, der Mitglied im Gesundheitsausschuss ist, laufen im Saarland aktuell Vorbereitungen, um in den Landkreisen dezentral Hallen mit 200 bis 300 Betten einzurichten. Zudem hat Innenminister Klaus Bouillon (CDU) bei der Bundeswehr ein Feldlazarett zur zivilen Nutzung beantragt. Man warte nun auf Antwort, sagte Bouillon am Samstag der SZ. Der Standort dürfte sich im nördlichen Saarland befinden. Der Landkreis St. Wendel bestätigte einen Antrag auf ein Lazarett mit mehreren hundert Betten.

Das Klinikum Saarbrücken hat für Corona-Patienten eigene Beatmungsplätze eingerichtet, die genutzt werden sollen, falls die reguläre Intensivstation auf dem Winterberg an ihre Grenzen stößt. Dort gibt es 41 Behandlungsplätze, mit dem sogenannten Corona-Beatmungszentrum (Cobaz) kämen 11 Zimmer hinzu. Auch die SHG-Kliniken wollen in Völklingen eine gesonderte Intensivstation mit 22 Betten schaffen. Im Gesundheitsausschuss notierte sich der CDU-Landtagsabgeordnete Raphael Schäfer einen gegenwärtigen Bestand von 396 Beatmungsgeräten im Saarland, weitere 240 Geräte seien in der Auslieferung und noch mehr bestellt. 105 der vorhandenen Beatmungsgeräte sind derzeit belegt. Auch das Klinikum Saarbrücken hat weitere Apparate geordert. Intensivbetten, teilweise ohne Beatmung, gibt es laut Landesregierung insgesamt 521. Der Krisenstab peilt 1000 Intensiv- und Beatmungsplätze an.

Wie schnell erreichen die Krankenhäuser diese Marke? „Es weiß jeder, dass wir die Beatmungsplätze in dem Maße gar nicht kriegen“, sagte Thomas Jakobs, der Geschäftsführer der Saarländischen Krankenhausgesellschaft (SKG). „Wie das gehen soll, weiß ich nicht.“ Er nannte für Beatmungsgeräte eine Lieferzeit von 32 Wochen. Man bemühe sich, die Kapazitäten hochzufahren, hieß es am Freitag aus dem Gesundheitsministerium. Nähere Angaben zu Zahlen machte ein Sprecher auf Nachfrage nicht. Händeringend auf der Suche sind die Kliniken zugleich nach Schutzmasken und anderer Ausrüstung. Die SKG richtete am Samstag einen Hilferuf an alle Betriebe im Saarland: „Schauen Sie nach, ob Sie Schutzmasken in Ihrem Bestand haben.“ Man hofft vor allem auf die Automobilindustrie und deren Zulieferer.

Wie lange Corona-Patienten im Krankenhaus behandelt werden müssen, lässt sich schwer abschätzen. Das Robert-Koch-Institut führt in einer aktuellen Veröffentlichung einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO zu China an. Darin steht, dass milde Fällen im Mittel zwei Wochen erkrankt sind, schwere dagegen drei bis sechs Wochen. In der Provinz Hubei soll der Anteil der Krankenhauspatienten, die beatmet werden mussten, bei 20 bis 25 Prozent, im restlichen China bei zwei bis sechs Prozent liegen. Zur Behandlung auf Intensivstationen liegen laut RKI „keine verlässlichen Informationen“ vor, in chinesischen Fallserien variierte der Anteil zwischen zwei und 26 Prozent.

In der französischen Grenzregion Grand Est sind nach Angaben der regionalen Gesunhheitsbehörde ARS vom Samstagabend aktuell 1767 Corona-Patienten stationär in Behandlungen. 435 Erkrankte liegen auf einer Intensivstation, nachdem erste Patienten aus Grand Est innerhalb von Frankreich verlegt worden waren, helfen nun auch Baden-Württemberg und die Schweiz. Der saarländische Regierungschef Hans sicherte Jean Rottner, dem Präsidenten von Grand Est, in einem Telefonat „im Rahmen unserer Kapazitäten und Möglichkeiten“ ebenfalls die Bereitstellung von Beatmungsplätzen für französische Patienten zu. In Grand Est konnten zugleich auch 357 Menschen die Kliniken wieder verlassen.