Tobias Hans im SZ-Interview zu Digitalisierung und einer Saarland-App

Interview Tobias Hans : Wie Digitalisierung Dörfer im Saarland stärkt

Der Ministerpräsident zu Chancen, durch Vernetzung ländliche Gebiete attraktiver zu machen und zur Einführung einer Saarland-App.

Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) will die Digitalisierung  vorantreiben und damit ländliche Gebiete so attraktiv machen, dass kein Grund mehr besteht, in die Stadt zu ziehen. Unternehmen sollen mehr Telearbeitsplätze zur Verfügung stellen, damit junge Familien Arbeit und Beruf besser vereinbaren können. Außerdem soll es eine Saarland-App geben.

Das Saarland will die Digitalisierung besonders schnell vorantreiben. Wie profitieren die Bürger davon?

HANS Ich will erreichen, dass das Saarland bundesweit das Bundesland wird, in dem die Digitalisierung am weitesten und in nahezu allen Lebensbereichen voranschreitet. Wir wollen das erste Bundesland sein, in dem flächendeckend digitalisierte Dienstleistungen angeboten werden. Kurzfristig sollen vor allem die ländlichen Gebiete mit Hilfe der Digitalisierung wieder deutlich attraktiver und konkurrenzfähig gegenüber den Städten werden. Es soll keinen Grund mehr geben, vom Land in die Stadt umzuziehen, weil dort die Infrastruktur besser ist.

Ein sehr ehrgeiziges Ziel. Wie wollen Sie das erreichen?

HANS Wir brauchen neue Geschäftsmodelle, die ländliche Gebiete als Wohn- und Wirtschaftsraum auszeichnen. Junge Familien wollen heute nicht mehr automatisch in die Stadt ziehen, wenn die Bedingungen auf dem Land stimmen, zum Beispiel genug Telearbeitsplätze angeboten werden, bei denen man von zu Hause aus arbeiten kann. Wir wollen auch mehr junge Unternehmen fördern, die sich als Start-Up auf dem Land niederlassen.

Viele Unternehmen fordern aber die Präsenz ihrer Mitarbeiter vor Ort, weil sie Arbeitsabläufe kontrollieren oder Meetings abhalten wollen.

HANS Der Fachkräftemangel wird dazu führen, dass die Unternehmen ihre Denkweise verändern. Selbstbewusste Arbeitnehmer können sich jetzt schon ihren Arbeitgeber selbst aussuchen und Bedingungen stellen. Der Dienstwagen ist nicht mehr das vorrangige Kriterium. Sehr viele junge Leute wollen heute lieber eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Familie verwirklicht sehen, zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten können. Es wird auch Sache der Tarifpartner und der Betriebsräte sein, solche Arbeitsbedingungen im Rahmen der Mitbestimmung mit auszuhandeln. Ich fordere sie ausdrücklich dazu auf, an diesen Prozessen mitzuwirken, denn wir wollen bessere Arbeitsbedingungen, die zur Digitalisierung und speziell zum Saarland mit seinen zahlreichen Unternehmen und Dienstleistungen passen.

Was soll denn ländliche Gebiete im Saarland künftig auszeichnen?

HANS Wir wollen neue, innovative Dienstleistungen umsetzen. Angefangen beim Einzelhandel, der sich aus der Fläche verabschiedet hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich künftig in einem kleinen Dorf ältere Menschen an einem bestimmten Platz oder in einem Kaffee treffen, sich unterhalten, Kuchen essen und zugleich per Tablet oder mit Hilfe eines Mitarbeiters aus dem Einzelhandel Waren bestellen, die noch während ihres Aufenthaltes im Supermarkt zusammengestellt und ihnen dann schnell angeliefert werden. Essen auf Rädern kann auch heißen, dass man ältere Menschen zu Hause abholt und kleine Gruppen irgendwo gemeinsam zu Mittag essen. Das schafft Verbundenheit statt Einsamkeit. Jüngere Menschen können ihre Waren per App bestellen und bekommen sie nach Hause geliefert. Für all das brauchen wir ein möglichst starkes Mobilfunknetz.

Wie kann man noch durch die Digitalisierung die Versorgungskette auf dem Land verbessern?

HANS Dank des neuen Terminstellenvergabegesetzes des Bundes kann man sich bequem von zu Hause aus mit Hilfe einer App einen Termin beim Facharzt aussuchen. Das ermöglicht mehr Verlässlichkeit und Versorgungssicherheit. Mit Hilfe der Telemedizin können sich Fachärzte per Ferndiagnose zuschalten, wenn ein Patient im ländlichen Raum untersucht wird. Für den Patienten entfallen so weite Wege zum nächsten Facharzt und lange Wartezeiten.

Wie kann man es Unternehmen schmackhafter machen, sich in ländlichen Gebieten anzusiedeln?

HANS Wir wollen junge Fachkräfte jeden Alters ins Saarland holen. Einer unserer Standortvorteile ist bezahlbarer Wohnraum gepaart mit einer guten Lebensqualität und Naherholungsgebieten. Chinesen sagen mir immer im Gespräch, dass sie nicht in urbanen Gegenden leben und arbeiten wollen, sondern in solchen mit viel Grün und guter Luft. Das können wir bieten. Auch von Forschungszentren und Start-Up-Unternehmen kann ich mir Niederlassungen im ländlichen Raum vorstellen, wenn ein schnelles Mobilfunknetz vorhanden ist. Wegen der kurzen Wege ist man an der Saar im Digitalzeitalter nicht auf einen bestimmten Standort angewiesen.

Wie können junge Menschen im Saarland von der Digitalisierung profitieren?

HANS Wir schließen im Rahmen eines landesweiten Sonderprogramms alle Schulen an das schnelle Glasfasernetz an. So erreichen wir gleiche Lebensverhältnisse im ganzen Land und können neueste elektronische Lernmittel einsetzen. Wir kaufen nicht jedem Schüler ein Tablet, aber wir rüsten bestimmte Klassen damit aus, zum Beispiel für bestimmte Kurse oder im Geometrieunterricht. Wir wollen in unseren Schulen auch interaktive Tafeln einsetzen, auf denen man Videos, Bilder und Dateien in den Unterricht einbeziehen kann.

Sie planen eine Saarland-App, auf der man möglichst viele Dienstleistungen in Anspruch nehmen kann. Was muss man darunter verstehen?

HANS Erster Schritt ist der digitale Bauantrag ohne Schriftform. Bauherren sollen viel Zeit sparen. Wir stellen zum Beispiel in einer saarländischen Flächen-Cloud die Flächen-Daten zur Verfügung. Darin kann der Planer mit dem Architekten sofort sehen, um welche Art von Fläche es sich handelt und, ob Besonderheiten zu beachten sind. Wir digitalisieren den kompletten Bauprozess. Auch Unternehmen, die sich ansiedeln wollen, sparen so viel bürokratischen Aufwand. Wir überprüfen gerade alle saarländischen Gesetze im Hinblick auf ihre Tauglichkeit zur Digitalisierung. Wir wollen so auch das Land attraktiver machen für Investoren.

Wo sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten einer Saarland-App?

HANS In allen Bereichen, die die Kommunikation zwischen Land und Kommunen betreffen. Ich stelle mir vor, dass man auf der Saarland-App zahlreiche Dienstleistungen zusammenfasst: von der Ummeldung über den neuen Personalausweis bis hin zur Anmeldung eines Fahrzeuges oder auch der Buchung von kommunalen Hallen. So sieht man auf einen Blick, welche Hallen wann für Veranstaltungen oder Trainingseinheiten zur Verfügung stehen. Wir können auch Freizeit- und Kulturangebote auf der Saarland-App bündeln. Außerdem könnten Facharbeiter zum Beispiel sehen, in welchen Regionen es welches Wohnraumangebot gibt.

Wann könnte die Saarland-App denn einsatzbereit sein?

Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes. Foto: dpa/Jens Büttner

HANS Wir gehen der Reihe nach vor. Der digitale Bauantrag als erster Schritt soll innerhalb der nächsten 24 Monate kommen. Noch in diesem Jahr wollen wir mit dem digitalen Gesetzbuch in das Parlamentarische Verfahren, um grünes Licht für die weitere Digitalisierung in diesem Bereich zu bekommen. Der Anwendungsbereich einer Saarland-App ist nicht beschränkt. Wir werden sie nach und nach ausbauen. Sie wird im Idealfall jedem zur Verfügung stehen bis hin zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Ich stelle mir vor, dass man über diese Plattform auch Zubringerbusse oder Taxis bestellen kann, die kommen, wenn man diese Leistung benötigt. Jugendliche könnten sich so sehr gut einen Zubringerverkehr zum Bahnhof oder zur Disco organisieren. Senioren könnten sich so einen Shuttle zum Arzt oder zum Einkauf bestellen. Ich denke, solch eine Saarland-App mit zahlreichen Dienstleistungen könnte innerhalb von drei Jahren einsatzbereit sein.

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