„One billion rising“: Tanzen gegen Gewalt an Frauen

„One billion rising“ : Tanzen gegen Gewalt an Frauen

Der Verein „Frauenmantel – Frau im Zentrum“ organisiert die weltweite feministische Tanzaktion „One billion rising“ am Freitag für Saarbrücken.

Am 14. Februar ist Valentinstag. Da feiert man seit Jahrhunderten und mit zunehmendem kommerziellem Eifer die romantische Liebe. Dass die mit dem Leben vieler Frauen in der Realität wenig zu tun hat, zeigt ein Blick in die Statistik. Laut Weltgesundheitsbehörde widerfährt 35 Prozent der weiblichen Bevölkerung weltweit mindestens einmal im Leben Gewalt. Physische und psychische. Oft durch Familienangehörige, den eigenen Ehemann oder den Vater zum Beispiel. Täter sind aber nicht nur Männer, auch Schwiegermütter oder Genitalbeschneiderinnen machen sich schuldig. Überall auf der Welt werden Millionen Frauen und Mädchen klein gehalten, missbraucht, vergewaltigt, verstümmelt – seit Jahrtausenden. Gegen diese kleinmachende, zerstörerische Gewalt machen sich seit 2012 Frauen (und Männer) auf der ganzen Welt mit der von der US-amerikanischen Feministin Eve Ensler initiierten Tanzaktion „One billion rising“ stark, auch im Saarland. So auch an diesem Valentinstag (17 Uhr). Eine Milliarde Menschen möchte die Aktion tanzend auf die Straße bringen. 2019 haben allein in Deutschland 180 Städte mit rund 60 000 Menschen daran teilgenommen. Tendenz steigend, teilen die Koordinatorinnen mit.

Damit der Tanzflashmob auch in diesem Jahr möglichst wirkungsvoll wird, trafen sich gut ein Dutzend Frauen und der liebevoll „unser Quotenmann“ genannte Michael am Sonntag im Saarbrücker Therapiezentrum Am Schenkelberg von Nartan Zemelko. Sie bringt der Gruppe den Tanz bei, will aber erst Mal wissen: „Warum seid ihr hier?“ Die Gruppe bildet einen Kreis, fasst sich an den Händen. „Ich will ein Zeichen setzen“, sagt eine. „So können wir uns verbinden, unsere Solidarität zeigen“, eine andere. „Wir stehen hier auch für die vielen anderen, die sich nicht trauen“, sagt Susanne Nausner, die im Vorstand des Vereins „Frauenmantel Frau im Zentrum“ aktiv ist und die Tanzaktion mitorganisiert. „Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich mit Vergewaltigungsopfern arbeite, wie zerstörerisch Gewalt ist“, sagt Psychologin und Tanztherapeutin Nartan Zemelko. „Gewalt geht zum überwiegenden Teil von Männern aus“, sagt Michael. Als Mann wolle und müsse er dagegen ein Zeichen setzen.

Doch bevor es zu ernst und traurig wird, legt Zemelko los. Musik an, einmal vortanzen. Dann sind alle dran. Sie heben den Finger, strecken den Arm, machen sich groß. Drehen sich in alle Himmelsrichtungen. Mit dieser starken, raumgreifenden Geste beginnt die Choreografie zum „One billion rising“-Titel „Break the chain“ („Sprenge die Ketten“). Die Teilnehmerinnen machen sich damit quasi zu Vortänzerinnen, wenn der Tanzflashmob am Freitag um 17 Uhr auf dem St. Johanner Markt beginnt. Zemelko und ein paar andere tragen pinkfarbene Sweatshirts mit dem „One billion rising“-Logo. An Merchandising fehlt es dieser weltweit erfolgreichen Aktion nicht: Online gibt es die passenden Shirts mit den passenden Slogans. Sogar für Veganerinnen („One Billion Rising“ und darunter „vegan“). Feminismus als Marke. In der gemütlichen Wohnküche wird eifrig durchs Angebot gescrollt. Man ist bestens vernetzt.

Der Tanz selbst ist nicht schwierig, es geht auch nicht um Perfektion, sondern Aktion. „We are mothers, we are preachers, we are beautiful!“ („Wir sind Mütter, wir sind Priesterinnen, wir sind wunderschön!“) heißt es im englischen Original-Titel, den es auch in deutscher Übersetzung gibt. Dazu werden die passenden Gesten einstudiert. „Es geht um Selbstermächtigung, Empowerment“, feuert Zemelko die Gruppe an und streicht über ihre Brüste, Arme, Beine. „Zeigt euren Körper, macht klar, dass er heilig ist!“

Ein Postkarten-Motiv (Design: Susanne Nausner) der Aktion „Wir haben eine Stimme“. Foto: Nausner

Die Choreografie gipfelt schließlich in einem befreienden, temperamentvollen Tanz, bei dem alle aus sich rausgehen sollen. Schließlich geht es um Befreiung. Von den Ketten des Patriachats, sicher aber auch von gesellschaftlichen Konventionen und selbst auferlegten Beschränkungen. Wie das auf dem St. Johanner Markt klappt, ist dann jedes Jahr spannend, doch viele lassen sich mitreißen. Entscheidend ist, dass Frauen sichtbar sind, sich Räume nehmen, vor allem die öffentlichen, finden die Organisatorinnen. Denn nur dort kann verhandelt werden, was ihnen privat passiert. Gewalt gegen Frauen geht alle an und wir nehmen sie nicht mehr hin, das ist die Botschaft.