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Studie: Gymnasiallehrer im Saarland klagen über hohe Arbeitsbelastung

Kostenpflichtiger Inhalt: Studie des Philologenverbands : Lehrer an Saar-Gymnasien klagen über Dauer-Belastung

Lehrern wird nachgesagt, sie hätten einen entspannten Beruf und viel Freizeit. Eine bundesweite Studie räumt mit dem Mythos auf und liefert erstmals verlässliche Zahlen für Gymnasiallehrer auch im Saarland.

Man kennt diese Sätze: Lehrer arbeiten nur ein paar Stunden in der Woche. Das bisschen Korrektur-Lesen ist doch keine richtige Arbeit. Welcher Lehrer muss schon den Mathe-Unterricht vorbereiten, am Stoff ändert sich ja nichts. Der Mythos des Lehrers mit viel Freizeit hält sich hartnäckig. Doch eine Studie des Deutschen Philologenverbandes (DphV) namens „Lehrerarbeit im Wandel“ zeichnet ein anderes Bild. Es ist die erste repräsentative bundesweite Studie, die die Arbeitsbelastung, Zufriedenheit und Gesundheit von Lehrkräften an Gymnasien erfasst. Und die Ergebnisse, insbesondere die für das Saarland, sind alarmierend. „Die saarländische Bildungspolitik ist an der Aufgabe gescheitert, akzeptable Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte zu schaffen“, sagt deshalb Marcus Hahn, Vorsitzender des Saarländischen Philologenverbands (SphV).

Tatsächlich liegt die Wochenarbeitszeit bei Gymnasiallehrern weit über der von Menschen in anderen Berufen. Bundesweit arbeiteten sie der Studie zufolge 45,2 Stunden, im Saarland waren es sogar 47,8 Stunden. Denn: Mit der Erfüllung der Pflichtstundenzahl ist die Arbeit nicht getan. Laut Hahn benötigten Lehrer etwa soviel Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts wie sie Pflichtstunden zu halten haben. Im Saarland sind das 26, bundesdeutscher Rekord. Nicht selten arbeiten Lehrkräfte auch am Wochenende, zusammenhängende Erholungsphasen außerhalb der Ferien gibt es selten. Die Folge: 73 Prozent der saarländischen Gymnasiallehrer geben an, hoch oder sehr hoch durch ihren Beruf belastet zu sein. Deshalb ist es auch wenig verwunderlich, dass 93 Prozent über ein zu hohes Arbeitspensum klagen. Ganze 91 Prozent führen die Überlastung zusätzlich auf große Leistungsunterschiede zwischen den Schülern zurück. Hinzu kommt, dass Lehrern im Schulalltag keine ausreichenden Pausen zur Verfügung stehen. Darüber klagten im Saarland 79 Prozent. Laut Hahn sei das auch auf bauliche Mängel an Schulen zurückzuführen. „Es gibt keine geeigneten Rückzugsmöglichkeiten. Das Lehrerzimmer ist ein Arbeitsraum und kein Pausenzimmer“, sagt er. Neben alledem wird das Aufgabenfeld der Lehrkräfte immer größer. Unter anderem führen sie Notenlisten, bereiten Exkursionen vor, planen Klassenfahrten, Sport- und Musikwettbewerbe und führen Elterngespräche.

Trotz alledem zeigt sich die überwiegende Mehrheit der Lehrer zufrieden mit ihrem Beruf. 85 Prozent der saarländischen Studienteilnehmer äußerten sich dahingehend. Das sei ein „Widerspruch, der sich nur schwer auflösen“ lasse, sagt Hahn. Die positive Einschätzung ihres Berufs trotz aller Probleme zeuge von einem „hohen Maß an Idealismus und einer vorbildlichen Dienstauffassung“. Das zeige sich vor allem darin, dass 45 Prozent aller Gymnasiallehrer die Zusammenarbeit mit den Schülern als Hauptgrund für ihre Zufriedenheit mit dem Job angegeben habe. „Dafür sind wir schließlich Lehrer geworden“, sagt Hahn. Doch diese vorbildliche Dienstauffassung hat auch ihre Schattenseiten, führt sie doch dazu dass geschlagene 96 Prozent aller saarländischen Gymnasiallehrer trotz Krankheitsgefühl arbeiten gehen oder ihre Genesung bis zum Wochenende hinauszögern. 72 Prozent schleppen sich gar bis zu den Ferien durch, weitere 39 Prozent gehen gegen ausdrücklichen ärztlichen Rat zur Arbeit. Fast die Hälfte des Kollegiums kann sich deshalb nicht ausreichend erholen, viele klagen über Schlafprobleme. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit ist bei weiteren 59 Prozent nicht gegeben.

Marcus Hahn, Vorsitzender des Philologenverbands im Saarland. Foto: Dominik Dix

Die Mehrheit der Lehrkräfte fordert deshalb vor allem eine Verringerung des Stunden-Deputats. Fast ein Drittel pocht auf kleinere Klassen, ein gutes Fünftel fordert die Verringerung von Verwaltungsaufgaben. Die Einstellung zusätzlicher Verwaltungskräfte, kleinere Klassen und weniger Leistungsheterogenität unter Schülern, sowie die Reduzierung von Zusatz- und Verwaltungsaufgaben für Lehrer ist laut deutsche Philologenverband deshalb geboten. Die Belastung für Lehrkräfte müsse durch diese Maßnahmen gesenkt werden, ihre Zufriedenheit durch mehr Arbeitsplätze für Lehrkräfte und bessere materielle Ausstattung der Schulen erhalten bleiben. Hierzu zähle auch die Schaffung von ruhigen Rückzugsorten in Schulgebäuden sowie die Förderung der Erholungsfähigkeit von Lehrern. „Das Gymnasium darf nicht nur durch chronische Überbelastung der Lehrkräfte funktionieren“, sagt Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands.

Foto: SZ/Steffen, Michael

„Wir nehmen die Situation der Gymnasiallehrer im Saarland sehr ernst“, sagt Frank Wagner, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag. „Wir sehen uns durch die Studie in unserem Augenmerk auf dem Gymnasium bestärkt. Auch hier müssen Modellprojekte stattfinden, die nicht zuletzt die Lehrkräfte entlasten.“ Die Funktionsstellenstruktur sei nach wie vor eine wichtige Säule im Profil des Gymnasiums, an der festgehalten werden müsse. „Deshalb wollen wir das Modellprojekt für den Einsatz multiprofessioneller Teams auf Landkreisebene für das Schuljahr 2020/21 auch auf Gymnasien ausweiten“, sagt Wagner.