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So steigen die Corona-Fallzahlen im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Jetzt 146 bestätigte Infektionen : So steigen die Corona-Fallzahlen im Saarland

Im Saarland steigt die Zahl der Corona-Fälle rasant an. Nach einer Umfrage unserer Zeitung gibt es mit 146 Infektionen aktuell deutlich mehr Fälle als vom Gesundheitsministerium am Nachmittag gemeldet. Wie haben sich die Fallzahlen entwickelt – und wie steht die Region im Vergleich da?

Ausgerechnet ein Oberarzt der Uniklinikums war der erste Corona-Patient im Saarland. Genau zwei Wochen ist es her, dass seine Erkrankung öffentlich wurde. Der Mediziner soll sich bei einem Ärztekongress angesteckt haben. Mittlerweile erfährt man über die Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, nur noch wenige Details. Zu rasant steigt ihre Zahl allein seit dem Wochenende.

Eine aktuelle Umfrage unserer Zeitung bei den lokalen Gesundheitsbehörden ergab am Dienstag insgesamt 146 Corona-Fälle. Im Regionalverband schnellte die Patientenzahl innerhalb eines Tages von 27 auf 45 in die Höhe, dahinter folgen der Saarpfalz-Kreis (26), die Kreise Saarlouis (24), Neunkirchen (22) und St. Wendel (19) sowie Merzig-Wadern (10).

Das Gesundheitsministerium, bei dem die Fallzahlen aus den Landkreisen und dem Regionalverband Saarbrücken nach und nach einlaufen, vermeldete am Nachmittag mit 101 Infektionen noch eine deutlich niedrigere Fallzahl. Aber auch diese ist mehr als doppelt so hoch wie am vergangenen Freitag.

Wie entwickeln sich die Fallzahlen im Saarland – verglichen mit dem Bundestrend und den Fallzahlen im benachbarten Rheinland-Pfalz? Unsere Zeitung hat die an das bundesweit für Infektionskrankheiten zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gemeldeten Fallzahlen seit dem ersten Patienten im Saarland zusammengestellt. Als hier die erste Infektion bestätigt wurde, gab es in Rheinland-Pfalz bereits sieben Patienten, bundesweit lag die Zahl da bei 262.

Die Experten des Robert-Koch-Instituts gingen zu diesem Zeitpunkt und bis zuletzt davon aus, die Gefahr für die Bevölkerung in Deutschland sei „mäßig“. Jetzt hat RKI-Chef Lothar Wieler die Gefahrenlage neu bewertet. „Wir schätzen das Risiko für die Gesundheit in Deutschland nun als hoch ein“, sagte Wieler laut dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL am Dienstagmorgen. Grund für die Änderung seien die rapide steigenden Fallzahlen sowie die Alarmsignale, die das RKI aus den nationalen Gesundheitsämtern und den Kliniken erreichten. Das gilt auch für das Saarland.

Als Wieler das sagte, lagen die beim RKI erfassten Fallzahlen bei 6012, darin enthalten waren 85 Krankheitsfälle aus dem Saarland – wobei unsere Zeitung bereits am Montagabend nach ihrer täglichen Umfrage bei den lokalen Gesundheitsbehörden auf 99 Infektionen gekommen war. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Fallzahlen wesentlich höher sind“, erklärte Wieler laut SPIEGEL. Doch aufgrund der limitierten Testkapazitäten und einem Meldeverzug von etwa drei bis vier Tagen könne man die tatsächlichen Zahlen nur schätzen.

Wie hat sich das Virus im Saarland ausgebreitet? Der Infektionsort habe in den meisten Fällen der bislang positiv getesteten Personen in Skigebieten gelegen, erklärte das Ministerium nach einer Auswertung am Wochenende. Nur wenige Fälle hätten ihren Ursprung im Saarland. Das war beim Stand von 85 Infektionsfällen.

Gut beobachten lässt sich der Anstieg der Infektionen im Saarland, wenn man auf die Erkrankungen je 100 000 Einwohner blickt. Bei einer solchen Betrachtung neigt die Region schnell zu Ausreißern. Daher ist mit Vorsicht zu beobachten, dass das Saarland laut RKI am Montag über dem Bundesdurchschnitt von sieben Erkrankten je 100 000 Einwohner lag. Nimmt man die Zahl, die das Gesundheitsministerium gestern bekannt gab, kommt man auf 8,5 Erkrankte, nach den abgefragten Daten unserer Zeitung sogar auf 9,9. Allerdings ergaben die am Dienstagabend vom RKI veröffentlichten Zahlen auch für Deutschland einen Anstieg auf 8,6/100 000 Einwohner.

Im Saarland steigt mit den Fallzahlen auch die Verunsicherung. Was dazu führt, dass immer mehr Menschen sich auf das Coronavirus testen lassen wollen. Nachdem es zunächst einige Verwirrung gegeben hatte, wer Verdachtsfälle testet, kam ein mobiles Ärzteteam der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bei möglichen Patienten bis zur Haustür. Doch die Mediziner stießen an ihre Grenzen, bald nahmen sie 100 Abstriche täglich, zuletzt waren es 190. Daher richtete die KV am Dienstag drei Teststationen in Saarbrücken, Neunkirchen und Dillingen ein, jeweils ausgestattet mit 300 Tests. Die Stationen wurden geradezu überrannt.

KV-Chef Gunter Hauptmann riet am Dienstagmittag davon ab, noch eine der Teststationen aufzusuchen – auch nicht mit einer ärztlichen Überweisung. „Es soll sich keiner mehr auf den Weg machen“, sagte Hauptmann unserer Zeitung. Offenbar stehen die Teststationen bereits nach einem Tag vor dem Aus. „Wir können das auf Dauer nicht leisten“, sagte der KV-Vorsitzende: „Das geht so nicht.“ Man sei fieberhaft dabei, etwas Neues auf die Beine zu stellen.

Angesichts von hunderten Testabstrichen im Saarland sagte Hauptmann: „Es ist explodiert.“ Ob alle Menschen an den Stationen die Überweisung eines Arztes in der Tasche hatten, vermochte der Mediziner nicht zu sagen. Doch sagte der Saar-Ärztechef: „Die Praxen melden uns einen Riesenansturm.“ Hauptmann sieht die Vielzahl von Abstrichen mehr als kritisch: „Wir wissen und stellen fest, dass über 90 Prozent der Tests, die durchgeführt werden, unnötig sind.“ Damit verbrauche man ärztliche Zeit und Material wie Schutzanzüge.

Ab Mittwochmittag werden die Tests an zwei Standorten konzentriert, die sonst für Großveranstaltungen genutzt werden. Die KV nutzt die Alte Schmelz in St. Ingbert und die Sporthalle West in Dillingen, um den Ansturm zu bewältigen. Doch müssen die Proben auch in einem Labor untersucht werden. Hauptmann hatte früh vor flächendeckenden Tests gewarnt, weil die Kapazitäten des beauftragten Testlabors in St. Ingbert begrenzt sind, die Auswertung auch Zeit braucht. „Wir wollen, dass kein Massen-Screening stattfindet“, hatte Hauptmann gesagt. Mögliche Infektionen sollen in der Flut der Teströhrchen nicht zu lange unentdeckt bleiben.

In Bayern hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bereits am Vormittag verkündet, dass man Tests auf das Coronavirus nur noch beim Auftreten von Symptomen durchführen werde. Wie sich das auf die Ermittlung der Fallzahlen auswirken wird, ist offen.