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Saarbrücken: Wegen Corona weniger Notrufe bei Schlaganfall im Saarland?

Kostenpflichtiger Inhalt: Rückgang bei Notfallpatienten : Wegen Corona weniger Notrufe bei Schlaganfall im Saarland?

Gefährdet das Coronavirus auch Menschen, die einen Schlaganfall erleiden? Am Klinikum Saarbrücken beobachten Neurologen mit Sorge, dass deutlich weniger Patienten mit einem leichten Schlaganfall eingeliefert werden. Ähnlich sieht es am Universitätsklinikum in Homburg aus.

Zögern die Kranken aus Angst vor dem neuen Erreger, in ihrer Not einen Rettungswagen zu rufen? Im März ging die Zahl der Schlaganfallpatienten auf dem Winterberg um 15 Prozent zurück – verglichen mit dem Vorjahresmonat. Bei einem leichten Schlaganfall, dessen Symptome sich wieder auflösen, beträgt der Rückgang sogar 35 Prozent. Dieser Wert liegt über dem Minus, das die Zentrale Notaufnahme des Klinikums in der Corona-Krise insgesamt verzeichnet.

Andreas Binder, Chefarzt für Neurologie am Klinikum Saarbrücken. Foto: BeckerBredel

„Das hat uns alarmiert, weil wir denken, dass es nicht weniger Patienten sind, sondern sich möglicherweise einige Patienten in der schwierigen Situation überlegen, ob sie mit leichten oder flüchtigen Schlaganfallsymptomen in die Klinik gehen sollen“, sagt Andreas Binder, Chefarzt der Klinik für Neurologie auf dem Winterberg. Der Schlaganfall ist eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns. Ist sie vorübergehend, spricht die Medizin von einer transitorisch ischämischen Attacke, kurz: TIA, die leichter Schlaganfall genannt wird. Als dessen „klassische Leitsymptome“ nennt Binder ein plötzliches Taubheitsgefühl, eine Lähmung im Gesicht, an einem Arm oder Bein. Wenn jemand wie angetrunken spricht, nach Worten ringt oder nicht mehr alles versteht, kann das ebenso ein Symptom sein wie eine Sehstörung, ein akuter Schwindel oder ein plötzlicher starker Kopfschmerz.

Auch der flüchtige Schlaganfall sei gefährlich, weil ein zweiter Schlaganfall mit höherer Wahrscheinlichkeit folgen könne, warnt der Mediziner. Es kann sich um einen Vorboten handeln. „Das Risiko für einen zweiten Schlaganfall ist in den ersten zwei Wochen, aber vor allem im ersten Jahr nach einem flüchtigen Schlaganfall deutlich erhöht.“ Man könne nicht beruhigt sein, wenn die Symptome wieder weg seien, sagt Binder. „Man kann sich freuen, muss aber alarmiert sein.“ Schnellstmöglich müsse die Ursache erkannt und entsprechend behandelt werden. „Und das muss eben auch passieren in Zeiten einer Pandemie“, sagt er. „Den Schlaganfall selbst zu behandeln, zu Hause, das macht keinen Sinn, das geht auch nicht.“

Der Neurologe prüfte die rückläufigen Behandlungszahlen am Saarbrücker Klinikum, als ihn eine Mitteilung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft erreichte. Darin wird von einem bundesweiten Rückgang von Infarktpatienten berichtet, sowohl bei Hirnschlägen als auch Herzattacken, unter anderem an der Charité in Berlin. Der Berliner Senat hat in der Corona-Krise gemeinsam mit Ärztevertretern und Krankenhäusern einen Appell an die Bevölkerung der Hauptstadt gerichtet, bei Anzeichen für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt einen Notruf nicht zu scheuen. Im Saarland trifft ein Schlaganfall laut Landesregierung durchschnittlich 13 Menschen pro Tag.

Wie sieht die Lage am Universitätsklinikum (UKS) in Homburg aus? Man beobachte eine „deutliche Reduktion sowohl der leichten als auch der schweren Schlaganfälle“, sagt Wolfgang Reitz, Vorstands-Chef und Ärztlicher Direktor. Bei den leichten Schlaganfällen vermutet man am UKS ebenfalls, „dass Menschen es vermeiden, eine Notaufnahme aufzusuchen“, so Reith. Nicht erklären kann er sich, weshalb die Eingriffe bei Hirnschlägen stark zurückgehen. Die Anzahl der Thrombektomien habe sich im Vergleich zum Vorjahr halbiert, sagt Reith. Damit ist das operative Entfernen eines Blutgerinnsels aus dem menschlichen Gehirn gemeint, mit Hilfe eines Katheders.

Daneben berichtet der Leiter der Zentralen Notaufnahme, Sebastian Ewen, von einem Rückgang der Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom (ACS), dem Oberbegriff für schwere Durchblutungsstörungen des Herzmuskels. Auffällig sei auch, dass sich aktuell weniger Patienten mit venösen Thrombosen im UKS vorstellten, so Ewen. Also Gerinnseln in den Gefäßen, die das Blut zum Herzen leiten. Ewen sagt: „Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Patienten ihre Symptome vermehrt tolerieren.“ Und eine Diagnose gar nicht oder woanders gestellt wird.

Handelt es sich um einen flächendeckenden Trend in den Kliniken der Region? Die Saarländische Krankenhausgesellschaft (SKG) kann das nicht bestätigen. „Dazu liegen mir keine Erkenntnisse vor“, sagt Geschäftsführer Thomas Jakobs. „Wenn dem so wäre, wäre das äußerst bedenklich.“ Keiner brauche Angst zu haben, dass er sich als stationärer Patient in einem Krankenhaus einer „besonderen Gefahrensituation“ aussetze, betont Jakobs. „Das Krankenhaus ist kein gefährlicher Ort.“

Wer im Saarland in Notfällen die 112 wählt, erreicht die Integrierte Leitstelle auf dem Winterberg in Saarbrücken. Träger ist der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF). Man beobachte in den vergangenen zwei bis drei Wochen einen Rückgang der Notfalleinsätze und Krankentransporte „im niedrigen einstelligen Prozentbereich“, sagt ZRF-Sprecher Lukas Hoor. „Das ist objektiv nachvollziehbar.“ Über die Ursachen lässt sich nach Ansicht von Hoor nur spekulieren. Klar ist: Die Krankentransporte nehmen ab, weil die Kliniken nach Aufforderung der Landesregierung geplante Operationen verschoben haben.

Was sagen andere Krankenhäuser? Das Knappschaftsklinikum verzeichnete an seinen Standorten in Püttlingen und Sulzbach in den vergangenen Wochen einen „leichten Rückgang der Schlaganfälle“, wie Sprecher Peter Böhnel erklärt. Beim Notruf zu zögern, das wäre aus seiner Sicht fatal. Böhnel sagt: „Gerade beim Schlaganfall kann das tödlich sein.“ Dagegen sehen die SHG-Kliniken einen allgemeinen Rückgang bei den Behandlungszahlen, doch für Notfälle mit Infarkten gilt das nicht.

Der Neurologe Binder vom Klinikum Saarbrücken vermutet, dass Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht den Notruf wählen. Oder weil sie befürchten, wegen der geltenden Besuchsverbote in der Klinik allein zu sein. Das seien die gängigen Hypothesen, am allgemeinen Schlaganfallrisiko geändert habe sich nichts. Der Mediziner betont wie die Krankenhäuser, dass Notfallpatienten mit einem Hirnschlag getrennt von Covid-19-Patienten behandelt werden.

Das Klinikum Saarbrücken betreibt seit 1996 eine sogenannte Stroke Unit, eine Spezialstation, die überregional als Anlaufstelle zertifiziert ist. „Natürlich ist die Virusdiskussion allgegenwärtig und wir beachten natürlich auch auf der Stroke Unit strenge Hygienemaßnahmen“, sagt Binder. Aber das Virus sei bei der täglichen Visite „seitens der Patienten nicht das vordringlichste Thema“, erklärt der Facharzt. Der verhindern will, dass das Coronavirus indirekt Opfer fordert, weil jemand nicht nach Hilfe ruft.