Saar-Juso-Chefin Kira Braun freut sich über den Sieg von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken

Ein Livestream mit Saar-Juso-Chefin Kira Braun : Eine Juso-Chefin im Ausnahmezustand

Kira Braun ist immer noch verblüfft. Ihre Partei hat doch tatsächlich ihr Favoritenteam an die Spitze gewählt. Und „ihr“ Kevin mischt jetzt auch ganz oben mit. Unsere Autorin hat mit einer euphorischen Saar-Juso-Chefin den SPD-Parteitag per Livestream verfolgt.

Sie hat, wenn sie ehrlich ist, eigentlich nicht daran geglaubt. Ja, sie, Kira Braun, Vorsitzende der Jungsozialisten im Saarland, hat in juso-optimistischer Grundmanier eher gehofft als geglaubt. Bis zum letzten Moment. Bis zum vergangenen Samstag, als die kommissarische SPD-Vorsitzende Malu Dreyer im Willy-Brandt-Haus auf die Bühne trat und ihre ernste Miene nichts Gutes zu verheißen schien. „Ich habe Malu angesehen, dass Olaf Scholz die Wahl verloren hat.“ Und ja, er hat sie verloren. Aber noch viel unglaublicher für Kira, die immer noch ein wenig benommen wirkt, war, dass ihr Team sich durchgesetzt hat: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Das Anti-Establishment. Der Sensationssieg. Das, was selbst den grundrobusten FDP-Chef Christian Lindner „baff“ gemacht hat. Borjans-Beben, Eskabolation. Nicht nur an ihren Namen hat man sich in den vergangenen Tagen abgearbeitet.

Im kleinen Saarland, mehr als 700 Kilometer vom Epizentrum entfernt, ging Kira an jenem Abend mit „Fine“, also der saarländischen SPD-Bundestagsabgeordneten Josephine Ortleb, auf den Weihnachtsmarkt. Zum Anstoßen mit Feuerzangenbowle. In der Facebook-Nachricht, in der die 24-Jährige das erzählt, hinterlässt sie ein „Yaaay“ mit Smiley.

Die kleine Vorgeschichte zu diesem Freitag, 6. Dezember, an dem Kira noch viel mehr als „Yaaay“ mit Smiley einfällt. Sie würde am liebsten den Bildschirm umarmen. Ihr Kevin hat es jetzt geschafft. Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos, Anführer der No-Groko-Kampagne, er trägt das Juso-Herz am linken Fleck. So weit links, wie es Kira mag. Wie alle Jusos es naturgemäß mögen, auch wenn Kira berichtet, dass einige im Saarland eher für Olaf Scholz gestimmt hätten.

Aber jetzt spielt das keine Rolle mehr. Jetzt beginnt der Parteitag, um kurz vor 10 stellt Kira in ihrer nikolaushaft-kuscheligen Altbauwohnung Kekse auf den Tisch. Der Crémant ist kalt gestellt. Und ihr ist warm. „Oh Mann, ich bin soooo nervös.“

Zu diesem Zeitpunkt geht man noch von einer Kampfkandidatur aus. Von einer ernsthaften Bedrohung für „ihren“ Kevin. Denn auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ist neben Klara Geywitz und Anke Rehlinger als Vize angetreten. Es gäbe aber, Stand 10 Uhr, nur drei Vize-Posten. „Hubertus Heil hat so viel für die SPD gemacht“, sagt eine zerrissene Juso-Chefin. In ihren Whatsapp-Gruppen geht die Nervosität viral. „Die Jusos sind noch guter Dinge, lese ich grad.“ Auf dem Bildschirm ergreift Malu Dreyer das Wort. „Ich liebe Malu.“ Ja, klar, Malu hätte lieber den Olaf an diesem Freitag offiziell zum Parteichef gewählt, aber sie sei eine starke Frau, sei „kritisch-solidarisch“. Nicht so wie Martin Schulz. Da kann Kira nur den Kopf schütteln. Er scheint in ihrer Gunst so tief gesunken wie die SPD-Umfragewerte der letzten Jahre. „Wenn man selbst versagt hat, sollte man andere erst mal machen lassen, statt zu kritiseren“, knallt es aus ihr heraus. Während die Crémant-Korken noch auf ihren Auftritt warten.

Natürlich habe sie den Crémant „ein bisschen auch“ für Anke kalt gestellt. „Anke ist eine Schafferin.“ Eine Industriepolitikerin, eine Frau, die nun die Interessen der Stahlarbeiter in Berlin sicher würdig vertrete. Die zeigen könne, dass Arbeitsplätze und Klimaschutz Hand in Hand gehen. Ja, darum ist Kira vor sieben Jahren in die SPD eingetreten. Soziale Gerechtigkeit. Wenn es nach ihr ginge, gäbe es kein Hartz IV mehr, keine Grundsicherung mit Sanktionen. Was sie auch fordert: einen kostenlosen ÖPNV. Anke und Kevin gehen da nicht so weit. Die saarländische Wirtschaftsministerin hält nicht einmal die 365-Euro-Jahreskarte für realistisch. Kevin Kühnert will einen gebührenfinanzierten öffentlichen Nahverkehr. Die politische Welt – sie besteht aus Kompromissen. Das weiß auch die junge Frau mit den blonden Haaren, die schmunzeln muss, als die Parteilinke Hilde Mattheis um kurz nach halb 12 „Nikolaus ist Groko-Aus“ tönt. Ja, erklärt Kira, das stand so auf Plakaten beim Juso-Bundeskongress in Schwerin. Und ja, wenn die Union mit Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze – eine Frau, auf die Kira nicht gut zu sprechen ist – sich jeglichem Kompromiss verweigern sollte, dann, aber nur dann müsse man raus. „Ich hätte aktuell sogar Angst davor, aus der großen Koalition rauszugehen. Wenn die AfD dadurch noch stärker wird, packe ich meine Koffer.“

Kira – mehr Handreicherin als Hardlinerin. Deshalb sieht sie im Leitantrag der Partei auch kein Einknicken. Auch nicht bei ihrem Kevin.

Und apropos Kevin. Es ist 11.45 Uhr – und die Spannung ist gelöst. Der Kommentator verkündet, man habe sich auf fünf Vizes anstelle von Dreien verständigt. Also kein Kampf zwischen Hubertus und Kevin. „Da kann man jetzt schon den Crémant aufmachen.“

Um kurz nach 12 steht ihre Saskia in knallrotem Anzug auf der Bühne. Applaus. Saskia Esken dankt Andrea Nahles. Kira dankt mit. „Andrea hat sich immer allem gestellt, jedem Juso-Kongress. Während Sigmar Gabriel im Fußballstadion saß.“ Kopfschütteln. Ja, die Saskia bringt es auf den Punkt. „AKK nimmt die Grundrente in Geiselhaft“, sagt Esken. Das sei respektlos. „Ja, und wie“, kommentiert die Juso-Chefin. Go, Saskia, go. Kiras unmittelbarer Twitter-Post: „Mein sozialdemokratisches Herz tobt.“ Die ultimative Steigerung von „Yaaay“. Und dann auch noch Saskias Schlusssatz: „Ich konnte einem Mann an meiner Seite eine Chance geben.“ „Eskabo“ – das Spitzenduo in Kurzform – reicht sich die Hand. Kira fotografiert. Norbert Walter-Borjans, kurz „Nowabo“, ätzt kurz darauf über die schwarze Null. Kiras Kommentar: „Da trinkt Olaf lieber einen Schluck Wasser, statt zu klatschen.“ Ja, für viele sei das mit den Schulden „wahlentscheidend“ gewesen. Auch für sie? Nicht nur. Sie habe sich aber erst später für „Eskabo“ entschieden, habe auch mit dem Team Kampmann/Roth sympathisiert. Aber in der Stichwahl war dann alles klar. „Nowabos“ Auftritt zeigt ihr: Es war die richtige Entscheidung. Als er feststellt: „Die SPD muss wieder die Partei der Verteilungsgerechtigkeit werden“, kann Kira kaum noch an sich halten. „Ja, Mannnn!“ Es ist ein guter Nikolaus-Tag für die Kapitalismuskritiker. Ein guter Tag für Kira und Kevin. Für diejenigen, die ihr linkes Duo später an die Spitze wählen. Und Anke und Kevin ihr Vertrauen aussprechen. Während Kira mit ihrer Familie Nikolaus feiert – mit Crémant, versteht sich – aber ohne Groko-Aus.