Interview mit FAZ-Politikredakteur Oliver Georgi: „Politiker wollen sich nicht angreifbar machen“

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Der Politik-Redakteur der FAZ stellt in Saarbrücken sein Buch über Phrasen vor. Vorab verrät er, welche Politiker besonders häufig Floskeln benutzen.

„Wir müssen zur Sacharbeit zurückkehren“, „Wir machen Politik für die kleinen Leute“, „Wir brauchen eine stabile Regierung“ aus „Verantwortung für unser Land“ – Politiker jedweder Couleur bedienen sich in Interviews gerne dieser und ähnlich beliebiger Satzbausteine. Warum Politiker so sprechen wie sie sprechen, hat der heutige Politik-Redakteur der FAZ und frühere Redakteur der Saarbrücker Zeitung, Oliver Georgi, in seinem Buch „Und täglich grüßt das Phrasenschwein: Warum Politiker keinen Klartext reden – und wieso das auch an uns liegt“ analysiert. Am 22. Oktober diskutiert er darüber in Saarbrücken.

Warum sprechen Politiker so häufig in Phrasen?

GEORGI Weil sie in vielen Situationen ihre Karten nicht offenlegen wollen. Sie wollen keine konkreten Zusagen machen, auf die sie dann später festgenagelt werden. Gerade wenn es um Geld oder Wahlversprechen geht, ist es für Politiker einfacher, vage zu bleiben. Mit einem allgemeinen Satz wie „Wir wollen gemeinsam die Zukunft gestalten“, sagt man erst mal nichts Falsches. Man macht sich nicht so angreifbar.

Welche Rolle an der phrasenhaften Sprache haben Bürger und Medien?

GEORGI Wir alle, Bürger und Medien, tragen an vielen Stellen mit dazu bei, dass Politiker so vage bleiben. Aktuell ist der Wunsch nach „authentischen“ Politikern sehr groß: Wir wollen Politiker, die klare Kante zeigen, die vom Bild des „langweiligen“ Sachpolitikers abweichen. Das Problem ist: Wenn Politiker diesen Wunsch erfüllen, ist die Empörung schnell groß. Das war etwa bei Peer Steinbrück, dem SPD-Kanzlerkandidaten 2013, zu sehen: Bevor er Kandidat wurde, galt er als Mann der klaren Kante, der deutlich seine Meinung sagt, ohne Rücksicht auf Verluste. Als Kandidat hat er damit weitergemacht und gesagt, dass ein Bundeskanzler zu wenig verdiene, oder dass er keinen Rotwein für fünf Euro trinke. Das hat viele sehr empört, obwohl es genau der Klartext war, für den er vorher gefeiert wurde. Das zeigt, dass wir an vielen Stellen ein unehrliches Verhältnis zur Authentizität haben. Zudem wird die öffentliche Empörung immer heftiger. Dazu tragen die sozialen Netzwerke bei, in denen selbst eine kleine Äußerung eines Politikers schnell eine Riesenwelle schlagen und einen Shitstorm auslösen kann. Daraus folgern viele Politiker, dass es für sie ungefährlicher ist, Floskeln zu verbreiten.

Welche Konsequenzen hat es, wenn die politische Sprache beliebiger und austauschbarer wird?

GEORGI Je mehr die Leute das Gefühl haben, es werden keine konkreten Äußerungen mehr gemacht, umso leichter wird es für Parteien wie die AfD, den Eindruck zu erwecken, sie seien die einzigen, die noch Klartext reden. Das ist natürlich eine gefährliche Illusion. AfD-Vertreter machen immer wieder mit menschenverachtenden, teilweise verfassungsfeindlichen Äußerungen Politik. Aber bei ihrer Klientel verfängt der Eindruck, die „Altparteien“, wie die AfD es nennt, sagten nicht mehr, was Sache ist. Ich finde, wenn wir eine politische Diskussionskultur hätten, die sich wieder mehr traut und wir weniger Angst davor hätten, die Dinge klar zu benennen und Widersprüche auszuhalten, könnte das der AfD ein Stück weit den Wind aus den Segeln nehmen.

Gibt es denn Politiker, die mit wenigen Phrasen auskommen?

GEORGI Es kommt kein Politiker ohne Phrasen aus, wir selber auch nicht. Aber ich finde, der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck neigt weniger zu Phrasen als andere. Auch Christian Lindner kann Dinge klarer benennen als andere, weil er rhetorisch stark ist. Trotzdem verfällt auch er oft in furchtbaren Politiksprech, etwa nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen.

Und wer ist Phrasenkönig?

GEORGI Angela Merkel ist da weit vorne. In ihren Reden wimmelt es nur so vor technokratischen Phrasen, Am schlimmsten ist das Wort „alternativlos“. Dadurch erweckt sie den Eindruck, es gebe keine Notwendigkeit mehr, über mögliche Alternativen zu ihrer Politik zu diskutieren. Auch die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat schon zu ihrer Zeit im Saarland sehr phrasenhaft gesprochen. Ich vermute, dass diese Neigung nach ihren Kommunikationspannen und der Kritik an manchen Auftritten – etwa beim Stockacher Narrengericht – noch zunehmen wird.

Und täglich grüßt das Phrasenschwein. Foto: Verlag
Peer Steinbrück (SPD), früherer Bundesminister, gelte als Mann klarer Worte. Damit sei er bei seiner Kanzlerkandidatur 2013 aber nicht gut angekommen. Foto: dpa/Martin Schutt
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer habe laut Georgi bereits als Saar-Ministerpräsidentin häufig Phrasen benutzt. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Oliver Georgi diskutiert am Dienstag, 22. Oktober, 18 Uhr, mit Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung im Victor‘s Residenz-Hotel am Deutsch-Französischen Garten. Anmeldung bis zum 15. Oktober per e-Mail an kas-saarland@kas.de.

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