Taurus-Affäre Pistorius gibt bekannt: Fehler von Saar-General ermöglichte Abhöraktion Putins

Nohfelden/Berlin · Ein General aus dem saarländischen Nohfelden wurde Opfer einer Abhöraktion des russischen Geheimdienstes. Das Taurus-Leck sorgte für großen Wirbel in Deutschland. Nun ist bekannt, dass der Saar-General die Abhöraktion durch einen „individuellen Anwendungsfehler“ erst ermöglichte.

 Brigadegeneral Frank Gräfe, Abteilungsleiter Einsatz der Luftwaffe vor einem Eurofighter.

Brigadegeneral Frank Gräfe, Abteilungsleiter Einsatz der Luftwaffe vor einem Eurofighter.

Foto: picture alliance / photothek/Felix Zahn

Update vom 5. März, 12.31 Uhr: Das Verteidigungsministerium macht einen „individuellen Anwendungsfehler“ dafür verantwortlich, dass das Gespräch hochrangiger Bundeswehr-Offiziere über das Waffensystem Taurus von Russland abgehört werden konnte. Dabei führen die Hinweise über Saarbrücken ins Saarland. Dieses Zwischenergebnis der Untersuchungen gab Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Dienstag, 5. März, in Berlin bekannt.

Der Fehler gehe auf den Teilnehmer zurück, der von Singapur aus an dem Gespräch teilgenommen habe. Er habe sich über eine „nicht sichere Datenleitung“ eingewählt, also Mobilfunk oder Wlan. Aus Singapur war der saarländische Brigadegeneral Frank Gräfe zugeschaltet.

Dass ein russischer Spion an dem Gespräch teilgenommen hat, ohne bemerkt worden zu sein, schloss Pistorius aus. „Unsere Kommunikationssysteme wurden nicht kompromittiert“, betonte er.

Pistorius: Keine personellen Konsequenzen nach Taurus-Leck geplant

Der Verteidigungsminister sagte, dass disziplinarische Vorermittlungen gegen alle vier Teilnehmer des Gesprächs eingeleitet worden seien. Er betonte aber auch, dass personelle Konsequenzen „derzeit nicht auf der Agenda“ stünden. Wenn nicht noch etwas Schlimmeres herauskomme, „werde ich niemanden meiner besten Offiziere Putins Spielen opfern“, betonte Pistorius.

Laut Pistorius hat das Gespräch der vier Offiziere vorschriftsgemäß über die Internetplattform Webex stattgefunden, die von der Bundeswehr in unterschiedlich geschützten Versionen für solche Gespräche genutzt werde. Dass es trotzdem abgehört werden konnte, gehe darauf zurück, dass sich der Teilnehmer in Singapur nicht an das sichere Einwahlverfahren gehalten habe.

Ursprungsmeldung von 3. März: Der Vorgang schlägt international Wellen, bringt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Bedrängnis und wird als politisches Desaster eingeordnet. Und ein General aus dem Saarland befindet sich mittendrin. Nicht in Nohfelden, wo er geboren wurde und in der freiwilligen Feuerwehr diente und im Musikverein aktiv war, nicht in seinem Dienstsitz Berlin, sondern im fernen Singapur passierte Frank Gräfe das, was ihn wohl in seiner Bundeswehr-Karriere nicht mehr loslassen wird: Ein sensibles Gespräch, das er mit anderen Bundeswehr-Offizieren führte, erschüttert die deutsche Politik.

Abhör-Attacke auf deutsche Offiziere erschüttert die Politik

Denn die Worte Gräfes, der Brigadegeneral bei der Bundeswehr ist, und seiner Kameraden wurden vom russischen Geheimdienst abgehört – und von der russischen Propaganda ausgeschlachtet. Das Thema ist brisant: Die Wirkung eines möglichen Einsatzes deutscher Taurus-Marschflugkörper im Ukraine-Krieg – sofern Kanzler Scholz sich doch dazu entschließen sollte, sie liefern zu lassen. Und Gräfe ist Abteilungsleiter Einsatz im Kommando Luftwaffe in Berlin.

Am Freitag veröffentlichte Russland das mitgeschnittene Gespräch. Das Verteidigungsministerium hat im Prinzip bestätigt, dass es stattgefunden hat. Darin kommen Gräfe, Luftwaffen-Chef Ingo Gerhartz und zwei weitere Luftwaffenoffiziere zu dem Ergebnis, dass eine baldige Lieferung und ein schneller Einsatz der Taurus-Marschflugkörper nur mit Beteiligung deutscher Soldaten möglich wäre. In alleiniger Regie könnten die Ukrainer sie aber einsetzen, wenn sie über Monate für einen Einsatz trainiert würden. Das widerspricht Aussagen von Kanzler Scholz.

Offiziere diskutieren Taurus-Einsatz gegen Krim-Brücke

Diskutiert wird von den Offizieren auch die mögliche Zerstörung der von Russland gebauten Brücke zur Halbinsel Krim. Die Offiziere machen auch klar, dass es politisch kein grünes Licht für die Lieferung der Marschflugkörper gebe, obwohl Deutschland davon bis zu 100 Stück verfügbar machen könne. Pikant auch: Es wird deutlich, dass die Briten „vor Ort“ den Ukrainern bei der Programmierung der von ihnen gelieferten Marschflugkörper helfen, die Franzosen nicht.

Wie Russland an den Mitschnitt gelangte, wird nach einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa nun vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) untersucht. Demnach hätten die Offiziere über die Kommunikationsanwendung Webex miteinander gesprochen. Interessantes Detail: Die Abhöraktion auf diesem sehr verbreiten Kommunikations-Kanal traf mit Frank Gräfe ausgerechnet einen studierten Informatiker. Denn der heutige Brigadegeneral hat laut seinem Wikipedia-Eintrag an der Universität der Bundeswehr in München Informatik studiert, das Studium als „Diplom-Informatiker“ abgeschlossen.

Frank Gräfe schaltete sich aus Hotel in Singapur dem Online-Gespräch zu

Das Gespräch ist unter anderem auf der Plattform Twitter in einem fast 40-minütigen Mitschnitt nachzuhören. Gräfe sitzt da, so ist der O-Ton zu verstehen, in Singapur und nimmt an dem Gespräch aus dem Hotelzimmer auf dem Laptop teil. Er schwärmt im lockeren Eingangsteil des Gesprächs vom Blick aus seinem Hotel, spricht vom tollen „View“, der sei „mega“. Aber er erwähnt auch das feuchte Klima, ehe Luftwaffen-Chef Gerhartz sich zuschaltet und die Gesprächsführung übernimmt. Seinen Worten zufolge geht es um die Vorbereitung eines Treffens mit Verteidigungsminister Boris Pistorius zum Thema Taurus. Er benennt dabei Gerüchte, der Taurus funktioniere gar nicht, als „so einen Scheiß“, „Blödsinn“ und „Gelaber“.

Geboren in Nohfelden, Treffen mit Matthias Maurer in Washington

Der heutige Brigadegeneral Gräfe wurde Ende der 60er Jahre in Nohfelden geboren, trat 1988 als Offiziersanwärter in die Bundeswehr ein, absolvierte 1994 seine Flugausbildung zum Strahlflugzeugführer. Nach einer Karriere als Pilot in Phantom und Eurofighter führte Gräfe später unter anderem das Taktische Luftwaffengeschwader 74 und war auch in Afghanistan im Einsatz. 2019 wurde er deutscher Militärattaché in Washington. Dort traf er, wie unsere Zeitung damals berichtete, vor fünf Jahren auch zufällig den Oberthaler Astronauten Matthias Maurer auf dem International Astronautical Congress (IAC). Die Veranstaltung gilt als die größte internationale Konferenz im Weltraumsektor. Maurer hielt danach spontan auf Gräfes Bitte einen Vortrag in der Deutschen Botschaft. „Wir haben das auf der saarländischen Schiene ganz schnell organisiert“, sagte Maurer damals unserer Zeitung.

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