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Philologenverband Saarland fordert klare Vorgaben vom Bildungsministerium

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview Markus Hahn : Lernen unter erschwerten Bedingungen

Der Vorsitzende des Saarländischen Philologenverbands sorgt sich um Risikogruppen, wenn der Unterricht wieder beginnt.

Die Schulen stehen vor enormen Herausforderungen, wenn der Unterricht am 4. Mai wieder schrittweise beginnt, sagt Marcus Hahn, der Vorsitzende des Saarländischen Philologenverbandes (SPhV). Man dürfe von Lehrern nicht erwarten, dass sie Gesundheitsrisiken richtig bewerten können. Die Gesundheitsbehörden müssten vorher klären, bei welchem Schüler das Risiko zu groß ist, um in die Schule zu gehen.

Wir stehen kurz vor dem Neustart des Unterrichts im Saarland. Wie sehen Ihre Erwartungen aus?

HAHN Schüler, Lehrkräfte und Schulleitungen haben in den Wochen vor den Ferien Enormes geleistet – mit tatkräftiger Unterstützung durch die Eltern. Gerade deshalb ist es gut, dass jetzt schrittweise der Unterricht in der Schule wieder aufgenommen werden kann. Zunächst beginnt der Unterricht für die Abschlussklassen in allen Schulformen, danach für die Klassenstufe 11 am Gymnasium. Es ist auch richtig, die diesjährigen Abi-
turienten und die des nächsten Abi-
turjahrgangs besonders in den Blick zu nehmen. Alleine das schon wird allerdings zu großen praktischen Problemen führen.

Marcus Hahn, Vorsitzender des Saarländischen Philologenverbands. Foto: Dominik Dix

Welche meinen Sie?

HAHN Auf jeden Fall müssen die hygienischen Bedingungen geklärt werden. Schon die Abstandsregeln nur für die Klassenstufe 11 einzuhalten, ist schwierig, weil vielerorts gar nicht genügend große Räume zur Verfügung stehen. Man wird Kurse teilen und die Gruppen abwechselnd unterrichten müssen, was wiederum den Personalbedarf in die Höhe schrauben kann. Das ist nicht ohne weiteres zu leisten. Wir müssen die Kurse auf jeden Fall aufteilen. Laut Anweisung aus dem Bildungsministerium dürfen je zehn Schüler auf 54 Quadratmetern Fläche unterrichtet werden. Um das stemmen zu können, müssen wir die geteilten Klassen entweder abwechselnd wochenweise unterrichten oder nacheinander Doppelstunden organisieren. Am meisten Beunruhigung verursacht aber die Frage nach dem Umgang mit den Risikogruppen.

Gibt es dafür Vorgaben?

HAHN Im Moment noch nicht. Ich sehe hier ganz klar die Gesundheitsbehörden in Absprache mit dem Bildungsministerium in der Verantwortung. Man kann von keinem Pädagogen erwarten, dass er Gesundheitsrisiken einschätzt. Wir Lehrkräfte müssen uns darauf verlassen können, dass nur nicht-vulnerable Personen zu uns kommen. Viele sind auch in Sorge um die Angehörigen, etwa bei Geschwisterkindern mit Vorerkrankungen. Die Risikogruppen müssen klar und einheitlich definiert werden, die entsprechenden Schüler und Lehrkräfte müssen identifiziert werden – und dann muss geklärt werden, wie mit diesen Personen weiter verfahren werden kann.

Also Fortsetzung des Ersatzunterrichts?

HAHN In manchen Bundesländern haben Bildungspolitiker schon prognostiziert, dass viele Klassenstufen in diesem Schuljahr keinen regulären Unterricht mehr erhalten werden. Diese Einschätzung teilen auch im Saarland viele Praktiker, alleine schon wegen der für alle Klassen gleichzeitig kaum zu erfüllenden Hygienevorschriften. Deshalb muss der Ersatzunterricht, der vor den Ferien in Eigeninitiative der Lehrkräfte in Gang gekommen ist, auf solide Grundlagen gestellt werden, damit er für die Unter- und Mittelstufe bis in den Sommer weitergeführt werden kann.

Wie müssen solche Grundlagen aussehen und wie steht es mit Noten?

HAHN Wir brauchen zunächst ein klares Bild davon, wer am Ersatzunterricht teilnimmt, wer gut damit zurechtkommt – und wer nicht. Im Kontext der Feststellung einer Zeugnisnote oder einer Versetzungsentscheidung kann man vielleicht auf Noten verzichten. Aber eine Teilnahme- und Leistungsfeststellung im pädagogischen Sinne brauchen wir unbedingt, damit wir Aufschluss darüber gewinnen, wer denn wirklich Nachteile durch die gegenwärtigen Schulschließungen erlitten hat. Die Nachteile kommen nicht erst auf uns zu; sie sind bereits eingetreten. Nur wenn wir jetzt ein möglichst präzises Bild von den Schülerinnen und Schülern gewinnen, können wir der Leistung der Schüler gerecht werden und individuelle Fördermaßnahmen konzipieren, um denjenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – im Moment abgehängt sind, wieder Anschluss zu verschaffen. Das ist einer der Gründe, warum nicht wenige Lehrkräfte mit der Elternbroschüre „Lernen von zuhause“ unzufrieden waren.

Sehen Sie alternative Möglichkeiten der Leistungsbewertung?

HAHN Die Kultusministerkonferenz der Länder hat einheitlich beschlossen, dass Prüfungen durchgeführt werden müssen. Das Saarland könnte zwar an der Abiturregelung etwas ändern, die Frage ist dann allerdings, ob die anderen Bundesländer das saarländische Abitur in diesem Falle anerkennen würden. Sollten die Gesundheitsämter zu der Einschätzung gelangen, dass die Abiturprüfungen aus epidemiologischen Gründen nicht durchgeführt werden können, wäre das aber nicht das allerschlimmste. Schließlich haben die Schüler in ihren Kursen bereits Leistungen erbracht. Anders sieht das bei Schülern der Klassenstufe 11 aus. Die müssen in diesem Halbjahr Qualifikationspunkte sammeln, um zur Hauptphase zugelassen zu werden. Das ist unter Umständen möglich, nämlich dann, wenn wir zum Regelunterricht zurückkehren können.

Werden dann Schüler, die am Ersatz-
unterricht nicht teilnehmen, am Ende des Schuljahres sitzenbleiben?

HAHN Das sollte man auf keinen Fall so pauschal regeln. Bei den allermeisten Schülern wissen wir ja aus dem „normalen“ Teil des Schuljahrs, dass sie in der nächsten Klassenstufe klarkommen. Für viele sind aber tatsächlich Nachteile eingetreten. Hier müssen wir unterscheiden können, ob diese Nachteile nächstes Schuljahr im Regelunterricht behoben werden können oder ob es sinnvoller ist, dass Eltern und Schüler sich gleich für eine freiwillige Wiederholung entscheiden. Wir müssen für das nächste Schuljahr spezifische innerschulische Förderangebote entwickeln, um diese Schüler aufzufangen. Private Nachhilfe kann nicht Sinn der Sache sein.

Sollten dafür die Sommerferien verkürzt werden?

HAHN Auf keinen Fall. Alle Beteiligten wollen den Unterricht in den nächsten Wochen ernsthaft und sorgfältig angehen. Auf dieser Basis können Eltern und Schüler im Juni sachgerecht beraten werden. Dann brauchen wir die Sommerferien, nicht nur zur Erholung, sondern auch zur Vorbereitung des kommenden Schuljahres, in dem ja in allen Klassen nachgearbeitet werden wird. Wenn sich dann nach dem ersten Durchgang der Leistungsnachweise zeigt, dass bei einzelnen Schülern noch gravierende Lücken bestehen, sollten diese durch individuelle Förderung oder auch durch ein Zurückgehen ausgeglichen werden.