Weniger Lehrer für freiwillige Ganztagsschulen: Nachmittagsbetreuung droht Qualitätsverlust

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Wie funktioniert die Betreuung an freiwilligen Ganztagsschulen mit weniger Lehrern? Die Träger suchen immer noch nach Lösungen.

Am Montag ist es soweit: Dann müssen Gemeinschaftsschulen und Gymnasien mit freiwilliger Ganztagsschule (FGTS) ihre Nachmittagsbetreuung mit 60 Prozent weniger Lehrerstunden stemmen, ohne dafür einen finanziellen Ausgleich durch das Bildungsministerium zu erhalten. Wie das funktionieren soll, ist für die freien FGTS-Träger – darunter Arbeiterwohlfahrt, Diakonisches Werk und die St. Wendeler Initiative für Arbeit und Familie (WIAF) – wenige Tage vor Schulbeginn noch offen. Sie fürchten um die Qualität und die Akzeptanz ihrer Angebote.

Rückblick: Zwei Tage vor den Sommerferien hatte Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) angekündigt, im neuen Schuljahr 46 Lehrerstellen aus der Nachmittagsbetreuung der FGTS abzuziehen. Diese würden für den Vormittagsunterricht benötigt, da keine zusätzlichen Lehrerstellen bewilligt wurden (wir berichteten). Statt fünf Lehrerwochenstunden pro Nachmittagsgruppe gibt es daher künftig nur noch zwei.

Die Entscheidung kam für Schulen – an 80 Prozent gibt es eine FGTS – und die freien Träger überraschend. „Die Situation, wie wir mit der Kürzung umgehen, ist mit den Schulen noch nicht geklärt“, sagt Bettina Molitor vom Diakonischen Werk, das an neun Schulen eine FGTS betreibt. Während der Ferien seien die Verantwortlichen in Urlaub gewesen, Gespräche mit den Schulleitungen könnten daher erst nächste Woche stattfinden. Wenn Lehrer nur noch an zwei Nachmittagen im Einsatz sind, führe dies zu einem Qualitätsverlust, fürchtet sie. Da alle Gruppen während der Hausaufgabenbetreuung mit einem Lehrer und einem pädagogischen Mitarbeiter besetzt seien, bleibe – sofern nicht andere Lösungen gefunden werden – der Mitarbeiter künftig allein. Neues Personal könne der Träger nicht einstellen: „Für die wegfallenden Lehrerwochenstunden erhalten wir – anders als bei den Grundschulen – für die weiterführenden Schulen keine Ausgleichszahlungen durch das Ministerium“, sagt sie. Gemeinsam hätten die Träger sich daher in einem Brief an den Bildungsminister gewandt. Seine Antwort: Die Entscheidung werde nicht rückgängig gemacht, für das neue Schuljahr gebe es keine Ersatzzahlungen. Ungeklärt sei die Lage für das Schuljahr 2020/21.

Fehlende Ausgleichszahlungen kritisiert auch die Geschäftsbereichsleiterin der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Eva Szalontai: „Wir müssen das aus Bordmitteln finanzieren. Das wird schwierig.“ Aktuell sei man noch dabei, nach Lösungen für die zwei weiterführenden Schulen zu suchen.

„Für uns als Träger hat die Streichung massive Folgen“, sagt auch Alexander Hoffmann von der WIAF, die an 25 Schulen mit 130 Mitarbeitern 1000 Kinder betreut. Er fürchtet: Werde die Hausaufgabenbetreuung qualitativ schlechter, könnten einige Eltern ihre Kinder von der FGTS abmelden. Motto: „Allein an den Hausaufgaben struddeln können sie auch daheim.“ Es sei weder gewollt, noch möglich, die Elternbeiträge (sie liegen zwischen 40 und 60 Euro im Monat) zu erhöhen, um neues Personal einzustellen: „Diese Beiträge sind gedeckelt“, betont Hoffmann. Gerade Schüler an Gemeinschaftsschulen bräuchten aber die Hilfestellung durch Lehrer. Andererseits hätten ihm Schulleiter berichtet, nun einen Stundenüberhang am Vormittag zu haben. Er hofft, diese Stunden könnten in die FGTS gesteckt werden. Ansonsten müssten die Gruppen, in denen bisher Lehrer und mindestens ein pädagogischer Mitarbeiter waren, vom Mitarbeiter alleine betreut werden.

Wie eine individuelle Lösung aussehen kann, zeigt ein Blick auf die Gemeinschaftsschule Rastbachtal in Saarbrücken. „Wir wollen auch weiterhin Lehrer in der Hausaufgabenbetreuung haben“, sagt Schulleiterin Ulrike Kleer. So werde ihre Schule auf die Lehrer-Reserve zurückgreifen. Diese Lehrerstunden dürfen – sofern es keine Ausfälle etwa durch Krankheiten gibt – im Schulalltag verplant werden. „Mit Stunden aus der Lehrer-Reserve werden wir an vier Tagen für die Klassen 5 und 6 eine Arbeitsgemeinschaft Lernzeit einrichten“, kündigt Kleer an. Diese soll nach Möglichkeit mit den Klassenlehrern oder Fachlehrern besetzt werden, die die Schüler und ihre Hilfebedarfe kennen. Die nach der Kürzung verbliebenen Lehrerstunden sollen für die Betreuung der Klassen 7 bis 9 eingesetzt werden. „Jetzt hoffen wir, dass die Kolleginnen und Kollegen gesund bleiben“, sagt Kleer. Ein paar Ausfälle könne die gefundene Lösung zwar verkraften, aber nicht unbegrenzt. In der Entscheidung des Ministers sieht die Schulleiterin eine weitere Benachteiligung der FGTS im Vergleich zu den gebundenen Ganztagsschulen (GGTS) mit verpflichtendem, aber kostenfreiem Nachmittagsunterricht. Erst im Mai war der Klassenteiler für die Eingangsklassen der GGTS auf 23 Schüler abgesenkt worden, wofür zusätzliche Lehrerstellen benötigt wurden.

Auch die Gesamtlandeselternvertretung (GLEV) übt Kritik: „Wir haben den Eindruck, dass die Koalitionspartner sich streiten. Der eine will keine neuen Lehrerstellen finanzieren, daraufhin setzt der andere mit dem Abzug der Lehrerstellen aus der FGTS ein Zeichen, um Druck zu machen. Leidtragende sind die Kinder, die auf Hilfen angewiesen sind“, sagt die stellvertretende GLEV-Vorsitzende Katja Oltmanns, „keine Schulform darf mit ihrem Konzept der Nachmittagsbetreuung bevorzugt oder benachteiligt werden. Eine bessere Behandlung des gebundenen Ganztags bezüglich kleinerer Klassen, mehr Lehrerstellen und eines besseren Betreuungsschlüssels kann nicht zielführend sein.“

„Durch die Entscheidung verkommt die FGTS jetzt zur reinen Betreuung ohne Qualitätsbausteine“, sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Frank Wagner. Seiner Ansicht nach hätte es Alternativen zur Sicherstellung des Unterrichts am Vormittag gegeben. So hätten bestimmte Einzelprojekte zurückgestellt werden können.

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