1. Saarland
  2. Landespolitik

Musizieren auf Abstand an der Hochschule für Musik im Saarland

Ungewöhnliches Semester : Noch trommeln sie auf der Tischkante

Die Corona-Pandemie stellt die Hochschule für Musik Saar vor besondere Herausforderungen. Wie geht Kunst in Zeiten der Krise?

Ein „in jeder Hinsicht außergewöhnliches Semester“ stünde den Studierenden bevor, schreibt Rektor Jörg Nonnweiler in einem Bericht zur aktuellen Situation an die Mitglieder der Hochschule für Musik (HfM) in Saarbrücken. Chorkonzert, Kammermusikwochen, Promenadenkonzert ­– alles musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Seit vergangenem Montag ist die HfM Saar vom Notbetrieb wieder in einen eingeschränkten Lehrbetrieb übergegangen. „Die Hochschule hat aber nicht die Türen aufgemacht und alles ist wie vorher“, erklärt der Hochschulleiter.

Wenigstens seien jetzt wieder halbwegs regelmäßige Proben möglich, sagt David Rauth. Er studiert Orchestermusik an der HfM Saar. „Ich spiele Tuba. Zu Hause proben konnte ich täglich eine, maximal eineinhalb Stunden.“ Mehr sei seinen teilweise im Home-Office arbeitenden Nachbarn nicht zuzumuten gewesen, erklärt der 24-Jährige. Auch Lisa Rudolf kennt das Problem: „Ich spiele Posaune. Ich habe mir extra einen Übedämpfer bestellt, damit sie nicht so laut ist. Trotzdem hat mein Vermieter angerufen, weil sich die Nachbarn beschwert haben“, so Rudolf, die Mathematik und Musik auf Lehramt studiert.

Schon seit Ende April kann täglich zwischen 8 Uhr und 19 Uhr wieder in den Räumen der Hochschule geprobt werden, je zwei Stunden können Studierende sich die Räume reservieren. Auch ein künstlerischer Einzelunterricht sei seit Montag wieder möglich, wenn der Raum groß genug und ausreichend belüftet sei, erklärt Jörg Nonnweiler. Chor- und Orchesterproben liegen aber weiterhin auf Eis.

„Leider ist das bislang nicht richtig durchdacht“, sagt Lisa Rudolf. Die 24-Jährige hatte in den vergangenen Tagen die ersten Proben in der Hochschule. „In dem Raum, in dem ich Klavierunterricht erhalten habe, stand nur ein Klavier, nicht wie sonst zwei. Mein Dozent konnte mir gewisse Bewegungsabläufe nur vermitteln, indem er auf die Tischkante trommelte“, sagt Rudolf. Ihr Gefühl sei, dass bislang von Woche zu Woche geplant worden sei und es noch an einem Gesamtkonzept für ein Semester unter Corona-Bedingungen fehle.

Allen Bedürfnissen gerecht zu werden, sei in dieser Zeit schwierig, sagt Nonnweiler. „Wir haben versucht, so viele Räume wie möglich als Überäume für die Studierenden vorzuhalten.“ In der Pandemie stünden dabei insgesamt schon weniger Räume zur Verfügung, da sie den Abstands- und Hygienevorgaben gerecht werden müssten. Da könne es in Einzelfällen zu Einschränkungen kommen. Auch ohne die besonderen Widrigkeiten in der Zeit der Pandemie leidet die HfM dabei schon seit Jahren unter Raumnot, einige Abteilungen mussten deshalb sogar ausgelagert werden (wir berichteten).

Was die Studienorganisation angehe, sei die HfM noch nicht gut aufgestellt, sagt die Asta-Vorsitzende Claire Nicolai. „Was fehlt, ist Transparenz. Viele Studierende fragen bei uns an, wann welche Veranstaltung stattfindet“, so Nicolai. Anders als etwa an der Saar-Universität gebe es kein digitales Verzeichnis der Vorlesungen und Seminare. Die Leitung verweise darauf, die jeweiligen Dozenten anzusprechen. Auch die hätten vielfach nicht gewusst, wie es weitergeht, sagt Lisa Rudolf. Der Austausch sei laut Direktor Nonnweiler an der HfM unter normalen Umständen sehr persönlich. Speziell im künstlerischen Bereich laufe vieles über direkte Absprachen zwischen Studierenden und Dozenten. In der Krise sei von der Verwaltung viel Energie investiert worden, um Informationen auch digital weiterzugeben. „Wir haben in kürzester Zeit so viel wie irgend möglich auf die Beine gestellt“, so der Hochschulleiter.

Vorlesungen und Seminare etwa zu Musikgeschichte und -theorie werden auch an der HfM in der Corona-Krise online angeboten. Darauf vorbereitet war man hier wie an vielen Hochschulen in Deutschland nicht. „Die Digitalisierungswelle hat uns überrollt“, sagt Nonnweiler. Es sei eine Arbeitsgruppe zum Thema eingerichtet worden. Die sollte herausfinden, was die Lehrenden schon an Möglichkeiten der Online-Lehre kennen. Auf einer Lernplattform können sie Materialien für die Studierenden bereitstellen. Einige unterrichten die Studierenden über Videokonferenzsysteme. „Die Dozenten machen das alle unterschiedlich, die einen stellen nur Skripte online, andere schicken Videos, mit denen wir arbeiten können, wieder andere unterrichten über Skype. Das klappt mal besser und mal schlechter“, sagt Student David Rauth. In künstlerischer Hinsicht sei das Sommersemester trotz der zunehmenden Verbesserungen eher ein Reinfall. Es blieben jetzt nur noch acht Wochen, in denen Unterricht und Proben stattfinden können. „Ich denke, ich werde ein Semester dranhängen, um die Ausfälle zu kompensieren“, sagt Rauth. Auch Lisa Rudolf rechnet mit einem Extra-Semester. Die Hochschulleitung habe hier Entgegenkommen signalisiert, erklärt Rauth.

 „Es ist klar, dass diese Katastrophe nicht zu Lasten der Studierenden gehen kann“, sagt Nonnweiler. Auch bei Prüfungen würden die besonderen Umstände berücksichtigt. „Wir wissen, dass das für alle eine spezielle Situation ist. Die Abschlussprüfungen werden in diesem Semester zum Beispiel nicht öffentlich sein. Ich kann mir vorstellen, dass es für die Studierenden nicht so prickelnd ist, ein Konzert nur für die Prüfungskommission zu spielen“, so der Hochschulleiter. Bei Aufnahmeprüfungen können die Studierenden nicht vor Ort vorspielen, sondern müssen Aufnahmen schicken. Das alles seien aber Probleme, die gelöst werden können. „Schwieriger sind andere Fälle. Die Dirigierprüfung etwa kann ohne Chor und Orchester gar nicht erst abgenommen werden.“ Bei allen Widrigkeiten sei für ihn letztlich aber vor allem entscheidend, dass niemand krank werde.

Ein Gutes hat die Krise: Sie setzt wieder neue Kreativpotentiale frei. „Die Big Band probt jetzt online“, sagt Claire Nicolai. Jeder nehme sich beim Spielen zu Hause auf und die Spuren werden später digital zusammengeführt. „Das ist mal etwas ganz anderes“, so Nicolai.