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Gutachten zur LSVS-Finanzaffäre
900 Seiten mit einem offenen Ende

 Der Chefermittler in der Finanzaffäre um den Landessportverband: Oberstaatsanwalt Eckhard Uthe sagte am Dienstag zum zweiten Mal vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages aus.
Der Chefermittler in der Finanzaffäre um den Landessportverband: Oberstaatsanwalt Eckhard Uthe sagte am Dienstag zum zweiten Mal vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages aus. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Die Finanzmisere des LSVS war erkennbar, sagt der Staatsanwalt im Untersuchungsausschuss. Ob das zu Anklagen führen wird, ist unklar. Von Tobias Fuchs
Tobias Fuchs

Es ist ein Wälzer mit offenem Ende, über den Oberstaatsanwalt Eckhard Uthe spricht. Uthe stellt am Dienstag im Untersuchungsausschuss des Landtages das „Opus magnum“ der Ermittlungen zur Finanzaffäre um den Landessportverband (LSVS) vor. 900 Seiten umfasst das Gutachten, an dem ein Wirtschaftsforensiker nicht weniger als 15 Monate gearbeitet hat, 5000 Stunden lang. Den Steuerzahler hat das 629 000 Euro gekostet. In dem Werk geht es um das Millionendefizit des Sportverbandes und die Gretchenfrage in der Finanzaffäre: Wer trägt die Schuld an der Misere?


Die Abgeordneten nehmen die Ergebnisse des Gutachters still zur Kenntnis, Nachfragen stellen sie an diesem Tag kaum. Gutachter Michael Harz  bestätigt ein über Jahre ansteigendes Minus beim LSVS. Ob das Defizit erkennbar war? „Das bejaht der Sachverständige ohne Einschränkung“, sagt Uthe. Er verweist auf die Entwicklung des Bankkontos, den Schuldenstand, die in der Bilanz ausgewiesenen Fehlbeträge, das negative Eigenkapital.

Aber: „Wenn der Sachverständige sagt, es ist erkennbar, heißt das nicht, dass jeder Beschuldigte das erkannt hat.“ Die Staatsanwaltschaft verdächtigt frühere LSVS-Verantwortliche der Haushaltsuntreue. Uthe müsste ihnen einen bedingten Vorsatz nachweisen, dass sie einen Schaden für den Verband, den sie führten, billigend in Kauf nahmen. Ob ihm das gelingt? Jedenfalls sagt der Oberstaatsanwalt: „Es ist nicht der Sachverständige, der feststellen wird, ob ein bedingter Vorsatz vorliegt.“ Sondern Uthe, der auch die Umstände berücksichtigen muss. Etwa, was der langjährige Wirtschaftsprüfer des LSVS in seinen Prüfberichten niederschrieb, wie die Rechtsaufsicht beim Innenministerium sich verhielt. „Das wird am Ende eine wesentliche Rolle spielen“, erklärt der Jurist.



In jedem Fall wird das Gutachten die Grundlage bilden. Wirtschaftsforensiker Harz schaute sich alle Einnahmen und Ausgaben zwischen 2009 und 2017 an, um eine „Geldflussrechnung“ für den LSVS zu erarbeiten. Am Ende dieser Rechnung steht ein Minus von 13,2 Millionen Euro, ein Anstieg um rund neun Millionen innerhalb von acht Jahren. Als Ursache benennt Uthe den teuren Betrieb der Hermann-Neuberger-Sportschule, allen voran die Verluste der Mensa. Der Ermittler führt die Belastungen durch Darlehen an, außerdem die Personalkosten. Damit bestätigt das Gutachten die Analyse des Konsolidierungsberaters Michael Blank, der den Sportverband sanieren soll. Der Wirtschaftsforensiker stieß auch auf die ominöse Doppelbuchung im Haushaltsplan, die zu Beginn der Finanzaffäre als Grund allen Übels angegeben worden war. Er fand im Budgetplan übertragene Haushaltsmittel, „die es tatsächlich nicht gab“, wie Uthe sagt: „Eine Luftnummer.“

Neu dürfte vor allem sein, dass eine Umschuldung des LSVS vor vier Jahren „wirtschaftlich nachteilig“ war, so Uthe – trotz eines besseren Zinssatzes. Er spricht im Ausschuss von einem „Schaden“ in Höhe von 1,6 Millionen Euro. 2015 nahm der LSVS einen Kredit über 20 Millionen Euro auf, um ein bestehendes Darlehen abzulösen. Wer einen Kredit vorzeitig zurückzahlt, muss jedoch eine Entschädigung an die Bank leisten – Uthe zufolge 2,6 Millionen Euro. „Es erscheint ja vernünftig, ein Darlehen zu einem niedrigeren Zinssatz abzulösen“, sagt er. „Aber das bedeutet ja nicht, dass es wirklich günstiger ist.“ Das neue Darlehen beinhaltete auch drei Millionen Euro für die bis heute ausstehende Sanierung der Turnhalle an der Sportschule. Geld, das auf dem Konto des LSVS innerhalb weniger Monate versickert sein soll.

Uthe will das Gutachten nun den Anwälten der Beschuldigten zukommen lassen. „Es ist beabsichtigt, das Verfahren schnell zu einem Abschluss zu bringen“, sagt er. Im März waren der frühere LSVS-Präsident Klaus Meiser wegen Untreue und Vorteilsgewährung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, die Sportfunktionäre Franz Josef Schumann und Karin Nonnweiler erhielten ­Geldstrafen. Ob es in der Finanzaffäre zu einem zweiten Prozess kommt, erscheint offen. Fortsetzung folgt.