Landrat Recktenwald fordert radikales Umdenken beim ÖPNV im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Kritik an Reformplänen : Landrat fordert radikalen Wechsel beim ÖPNV

Udo Recktenwald (CDU) spricht sich für einen landeseinheitlichen Nahverkehr aus. Anke Rehlinger (SPD) warnt dagegen vor Strukturdebatten.

Im Landtag ist man sich fraktionsübergreifend einig - der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Saarland muss verbessert werden. Mit ihren Plan, die Ticketpreise für Bus und Bahn im Saarland zu senken und die teils komplizierte Tarifstruktur zu vereinfachen, ist Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD) daher auf viel Interesse gestoßen. Kritiker warfen ihr jedoch vor, dass keiner der Vorschläge bisher umgesetzt worden sei. SPD-Fraktionschef Ulrich Commerçon hatte dies zuletzt mit „fehlenden Kleingeld“ begründet.

In die Reihen der Kritiker reiht sich nun auch der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald (CDU) ein. Ihm gehen die geplanten Reformen der Verkehrsministerin nach eigenen Aussagen nicht weit genug. Zwar sei die geplante Tarifreform „ein richtiger Schritt in die richtige Richtung“, jedoch bleibe diese auf halber Strecke stehen und sei eher „halbherzig“, so Recktenwald im SZ-Gespräch. Alleine die Aussicht auf günstigere Tickets würde die Menschen im „Autoland“-Saarland nicht vom ÖPNV überzeugen. Er plädiert stattdessen in einem Vier-Punkte-Plan für ein landesweit einheitliches Modell und einen „radikalen Ticket-Systemwechsel, weg vom unübersichtlichen Wabensystem“.

Der einstige Regierungssprecher von Ex-Ministerpräsident Peter Müller (CDU) sprach sich für die Einführung eines saarlandweiten „365-Euro-Tickets“ aus. Für 365 Euro im Jahr soll damit jeder Saarländer und jede Saarländerin mit Bus und Bahn durch das gesamte Land fahren können. „So hätten wir einfachere und eindeutigere Strukturen mit weniger Verwaltungsaufwand“, argumentiert Recktenwald. Generell sollte man seiner Ansicht nach statt den derzeit 10 existierenden Verkehrsbetrieben im Saarland, einen landesweiten Betrieb etablieren. Aufgabenträger dafür könne beispielsweise das Land sein. „Auf diese Weise wären wir viel entscheidungsschneller und könnten Intransparenz überwinden“, erklärt Recktenwald. Der aktuelle Busfahrer-Streik, wegen dem seit vergangenem Montag viele Pendler auf Auto oder Taxi umsteigen müssen, würde laut Recktenwald zudem zeigen, dass die Attraktivität des Busfahrer-Berufs verbessert werden müsste. Neben besserer Bezahlung und besseren Arbeitszeiten könnte auch hier ein landeseinheitlicher Tarifvertrag dazu beitragen, so die Ansicht des CDU-Politikers.

Dem Landrat von St. Wendel, Udo Recktenwald (CDU), gehen die aktuellen Pläne nicht weit genug. Foto: Tom Peterson

Neben der Förderung von elektrisch-, beziehungsweise wasserstoffgetriebenen Bussen im ländlichen Raum, sprach sich Udo Recktenwald auch für die Einführung von Rufbussen auf Basis eines mobilen Bestellsystems aus. Im oberbayrischen Traunstein hätte man damit bereits positive Erfahrungen gemacht. „Es nützt nichts, wenn eine Regionallinie zwischen den großen Orten fährt. Man muss auch die Anbindung der kleinen Orte sicherstellen. Über solch ein Bestellsystem wäre das möglich“, erklärt Recktenwald die Vorteile des Systems.

Bezugnehmend auf die Forderungen des St. Wendeler Landrates, warnte Verkehrsministerin Anke Rehlinger davor, sich in langwierigen Strukturdebatten zu verlieren. „Dann passiert nämlich auch 2021 erst einmal überhaupt nichts zur Verbesserung des ÖPNV“, so die Ministerin. Sie plädiert dafür, zunächst die benötigten Gelder für ihre Reformpläne einzuwerben, sodass diese zeitnah umgesetzt werden können. „Landrat Recktenwald kann insoweit ein wichtiger Mitstreiter in den eigenen Reihen sein“, so Rehlinger.

Angesprochen auf die Finanzierbarkeit seiner Forderungen, gibt Landrat Recktenwald zu: „Natürlich kostet das viel Geld“. Die Einführung eines saarlandweiten „365-Euro-Tickets“ würde seiner Einschätzung nach schon alleine im Landkreis St. Wendel zu Mehrkosten von bis zu vier Millionen Euro führen. Grundsätzlich sei aber alles eine Frage der Priorisierung, betont Recktenwald. Gerade mit Blick auf den Klimaschutz und die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse müssten sich sowohl Bund und Land als auch die Kommunen stärker in die Finanzierung des ÖPNV einbringen.

Verkehrsministerin Rehlinger sieht dies offenbar auch so. Auf der Verbandsversammlung des Zweckverbandes Personennahverkehr Saarland (ZPS) am vergangenen Mittwoch, betonte sie, dass deutlich mehr Geld in den ÖPNV durch das Land und die Kommunen investiert werden müsse.