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Kritik an den Corona-Fallzahlen im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Daten zu Neuinfektionen : Kritik an Corona-Fallzahlen aus dem Saarland

Wie brauchbar sind die täglichen Corona-Fallzahlen im Saarland? Der SPD-Gesundheitspolitiker Magnus Jung kritisiert die amtliche Statistik und spricht von „vermeidbaren Verzögerungen“.

„Valide Daten sind die Voraussetzung für vernünftige Entscheidungen der Politik in der Krise“, sagte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Landtag unserer Zeitung. „Leider müssen wir feststellen, dass wir auch im Saarland weit davon entfernt sind, solche Daten zu haben.“ Die starken Schwankungen bei den täglich im Saarland gemeldeten Daten belegten diesen Mangel, erklärte Jung.

In der Datenanalyse unserer Zeitung zeigen sich diese Unterschiede ebenfalls. So meldete das Gesundheitsministerium am vergangenen Wochenende aus dem Saarpfalz-Kreis konstant dieselbe Zahl wie am Freitag. Am Montag informierte der drittgrößte Landkreis im Saarland dann über einen sprunghaften Anstieg der Neuinfektionen. Nach dem dreitägigen Stillstand flossen nun 41 Fälle in die landesweite Statistik ein.

Dagegen hatte der Regionalverband Saarbrücken auch übers Wochenende durchgehend Daten geliefert. Trotzdem gingen die Zahlen dort zu Wochenbeginn steil nach oben, aus 301 Corona-Fällen wurden über Nacht plötzlich 359. Ein Sprecher erklärte das mit einem „jetzt aufgelösten Rückstau im Testlabor“, den es zuvor auch in dem Labor gegeben hatte, das für die Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Saarland die Corona-Abstriche untersucht. Grund war ein kurzzeitiger Mangel an Reagenzien, also Chemikalien, die für die Tests notwendig sind.

Der SPD-Politiker Jung sieht einen „dringenden Verbesserungsbedarf bei der statistischen Datenbasis“. Grundsätzlich gehen Experten beim Coronavirus aufgrund vieler milder Krankheitsverläufe von einer hohen Dunkelziffer aus. Darauf verweist auch der Gesundheitspolitiker. Doch kämen im Saarland „zum Teil vermeidbare Verzögerungen bei der Auswertung der Tests und der Weiterleitung der Daten“ hinzu. Jung sagt: „Da müssen wir schnell besser werden, auch im Zusammenspiel der beteiligten Stellen.“ Jedem Fall in der Statistik müsse der Tag der Untersuchung zugeordnet werden können, mahnt er an. „Nur so können wir beurteilen, ob die im Saarland ergriffenen Maßnahmen wirklich wirken.“

Gegenwärtig teilen die Behörden im Saarland nur den täglichen Anstieg mit. Eine genauere zeitliche Zuordnung erfolgt nicht. Lediglich der Regionalverband klärte am Dienstag darüber auf, dass „18 der heutigen Meldungen“ auf den Engpass im Labor in der vergangenen Woche zurückzuführen seien. Im Landkreis Neunkirchen erklärte man einen höheren Zuwachs am Wochenende global mit erhöhten Laborkapazitäten. Anders als im Bundestrend und im Nachbarland Rheinland-Pfalz, wo sich der prozentuale Anstieg der Fallzahlen in dieser Woche jeweils unter zehn Prozent einpendelte, lag das Plus im Saarland am Montag bei 15,2 Prozent – nach neun und 8,5 Prozent am Wochenende.

Unabhängig von den gegenwärtigen Meldungen schlägt Jung „die Ziehung einer repräsentativen Probe in der Bevölkerung vor“, um schnell Aussagen über die Verbreitung des Coronavirus im Saarland treffen zu können. Das werde derzeit auch in Nordrhein-Westfalen durchgeführt, sagte er. Im Kreis Heinsberg, einem ersten Brandherd in Deutschland, sollte gestern eine repräsentative Studie starten. Ziel ist es, anhand einer Stichprobe aus der Bevölkerung die Dunkelziffer aufzuklären, um die Sterberate bei der Lungenkrankheit Covid-19 besser bestimmen zu können. Auch die Wirkung geltender Ausgangsbeschränkungen soll untersucht werden. Dazu werden etwa 1000 Menschen befragt, aber auch Abstriche und Blutproben wird das Forscherteam um den Bonner Virologen Hendrik Streeck von ihnen nehmen.

Ähnliches hatte zuletzt auch Gerd Antes, ein Experte für medizinische Statistik, im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ angeregt. Antes sagte, es gebe „zwei enorme Probleme mit den Zahlen“. Eines betrifft audie genaue Zuordnung von Todesfällen, das andere die Unklarheit, wie viele Menschen sich in Deutschland bisher mit dem neuartigen Erreger infiziert haben. „Wir müssen sehr regelmäßig, vielleicht jede Woche, einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt auf Infektionen gesagt“, sagte er. Antes gilt als Pionier einer evidenzbasierten Medizin, er war lange Mitarbeiter am Universitätsklinikum Freiburg und auch Honorarprofessor.