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´Keine Corona-Infektionen bei Bewohnern von Altenheimen im Saarland

Saarländische Altenheime frei von Corona : Für Saar-Senioren geht eine schwere Zeit zu Ende

Seit vergangener Woche sind alle Heime im Saarland frei von Corona. Der Weg dorthin war für die meisten Bewohner alles andere als leicht.

Hermann Zimmer (92) will am Donnerstagnachmittag nochmal schnell zum Supermarkt. Die vergangenen Tage hat er beim Fußball schauen auch mal ein Bier getrunken. Die leeren Flaschen sollen jetzt zurück in den Laden. Vorne im Netz seines Rollators klappern sie vor sich hin. Den Mund-Nasen-Schutz hat er schon mal aufgesetzt. Doch dann wird er aufgehalten. Auch Ursula Duchene (82) ist mit ihrem Rollator vor der Seniorenresidenz am Saarbrücker Staden unterwegs.

Die beiden Rentner verstehen sich gut, haben sich viel zu erzählen. Von Früher, aber auch vom letzten Rätsel aus der Zeitung. Vor ungefähr drei Jahren zogen die beiden in die Einrichtung, die eine der größten in der Landeshauptstadt ist. Wie Heimleiter Jörg Strauch erklärt, leben mehr als 220 Seniorinnen und Senioren im Heim der Stiftung Langwied. Rund 140 sind stationär untergebracht – ungefähr 80 Plätze gibt es für das Betreute Wohnen. Die nutzen auch Hermann Zimmer und Ursula Duchene. Der 92-Jährige bewohnt 50 Quadratmeter. Seine gute Bekannte etwas weniger.

Anders als viele ältere Menschen in Deutschland haben die beiden die letzten Monate vergleichsweise glimpflich überstanden. Zum einen, weil es in der Residenz am Staden, wie Direktor Strauch berichtet, keinen schlimmeren Corona-Ausbruch gab – und zum anderen, weil sie im Betreuten Wohnen nicht so isoliert waren wie Seniorinnen und Senioren in den stationären Pflegeeinrichtungen.

Die beiden Rentner konnten sich und ihre Bekannten aus einem „festen Kern“ regelmäßig treffen. Wenn auch nur draußen oder in der Park­anlage der Einrichtung. Trotzdem mussten sie mit Einschränkungen leben. Gedächtnistraining und andere Angebote der Einrichtung gab es kaum. Erst im Juli sollen die wieder für alle anlaufen, sagt Direktor Strauch.

Seit Anfang Juni ist immerhin die Cafeteria wieder geöffnet. Duchene und Zimmer lassen sich ihr Essen trotzdem nach wie vor lieber aufs Zimmer liefern. Dort dürfen die beiden auch negativ getesteten Besuch empfangen. Für die stationär Untergebrachten werde das erst im Juli möglich sein, sagt Strauch. Bis dahin gibt es weiterhin nur Treffen zwischen Angehörigen und Bewohnern in den Besuchsräumen.

Diese Regelung sei nicht immer auf Akzeptanz gestoßen, verrät Strauch. Manche Besucher hätten nicht verstanden, warum sie Eltern oder Großeltern nicht in deren Zimmer treffen durften – zumal das Heim wie alle anderen Einrichtungen im Saarland inzwischen Corona-frei ist.

Für diesen glücklichen Umstand hat nach Ansicht des Homburger Virologen Jürgen Rissland die hohe Impfquote gesorgt. Seit Ende März sind die meisten Heimbewohner im Saarland komplett durchgeimpft. Innerhalb von drei Monaten also, denn schon Ende Dezember ging es mit der Impfaktion los.

1994 Seniorinnen und Senioren, die zur stationären Pflege in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt (Awo) untergebracht sind, hätten bis zum 27. März zwei Spritzen bekommen, sagt Landesgeschäftsführer Jürgen Nieser. 389 Bewohner sind noch nicht geimpft – in den 26 Awo-Heimen liege die Quote somit bei rund 83 Prozent, rechnet Nieser vor. Dass noch Impfungen fehlen, liege entweder daran, dass die ungeimpften Bewohner vor Kurzem selbst erkrankt oder zum Zeitpunkt der Impfung im Krankenhaus waren.

Auch manche der neu ins Heim gezogenen Seniorinnen und Senioren seien noch ohne Schutz. Das soll nachgeholt werden, sagt Nieser. Ein Awo-Haus in Spiesen-Elversberg beispielsweise habe nur eine Impfquote von 40 Prozent, weil es dort einen Ausbruch im Februar gegeben hatte. Wissenschaftler halten in solchen Fällen eine Impfung sechs Monate später für sinnvoll. Die Awo möchte die Bewohner des Elversberger Heims daher im August impfen lassen. Ähnliches plant auch das Seniorenheim St. Martin in Rehlingen-Siersburg, wo es ebenfalls im Februar einen großen Ausbruch gegeben hatte. Dort liege die Quote bei knapp 70 Prozent, sagt Leiter Thomas Altmeyer.

Angesichts der hohen Quoten werden die Rufe nach weiteren Lockerungen, zum Beispiel was Besuchsregeln angeht, lauter. Das Gesundheitsministerium stellte am Mittwoch Erleichterungen in Aussicht. Die Träger wollen aber erstmal vorsichtig bleiben und Bewährtes wie den Testnachweis für Angehörige beibehalten (wir berichteten). „Das zeigt, dass die Heimleiter für die Gefahren sensibilisiert sind“, sagt Virologe Rissland. Die Pandemie forderte in den Saar-Altenheimen 424 Todesfälle. Zählt man die Beschäftigten hinzu, habe es laut Zahlen des Ministeriums 3830 Corona-Fälle gegeben. Das soll nicht wieder passieren.

Doch kann es einen vollständigen Schutz in den Heimen geben? Das kann laut Rissland unter Umständen passieren, hänge aber sehr stark davon ab, wie lange der Impfschutz wirke. Einzig Evaluierungen aus anderen Ländern wie Israel oder Großbritannien, die schneller geimpft haben, könnten hier Aufschluss geben.

Hermann Zimmer und Ursula Duchene blicken optimistisch in die Zukunft. Auch sie sind zweifach geimpft. Erst hieß es die Senioren aus dem Betreuten Wohnen müssten sich selbst um die Termine kümmern, weil sie als eigene Hausstände gelten. Doch dann ging es ganz unkompliziert, wie der Leiter der Seniorenresidenz am Staden sagt. Als das Impfteam des stationären Bereichs mit Impfstoff versorgte, bekamen auch die rund 80 Senioren des Betreuten Wohnens etwas ab. Zimmer und Duchene wollen weiter vorsichtig bleiben. Dass sie sich draußen treffen konnten, hat ihnen in der Pandemie geholfen. Alleine Rätsel zu lösen mache zwar Spaß. Noch mehr allerdings, erklärt Zimmer, wenn man sich darüber austauschen könne. Und vielleicht werden die Rätsel ja auch bald wieder gemeinsam in der Gruppe gelöst.