Jürgend Todenhöfer stellt am Donnerstag in Saarbrücken sein neues Buch vor.

Interview Jürgen Todenhöfer : „Kriege werden nicht wegen Werten geführt“

Der Publizist stellt am Donnerstag in Saarbrücken sein neues Buch „Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten“ vor.

Der Publizist Jürgen Todenhöfer (78, CDU) hat mit seinem Sohn Frédéric Todenhöfer, 35, ein neues Buch vorgelegt „Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten“. Die Todenhöfers stellen ihr Buch am morgigen Donnerstag, 9. Mai, ab 19 Uhr in der Saarbrücker Garage vor. Veranstaltet wird der Abend vom Kultur- und Sozialverein Saarland, der der Linkspartei nahe steht. Nach der Lesung gibt es ein Gespräch der Autoren mit der Linksfraktionsvorsitzenden im Bundestag, Sahra Wagenknecht, das von deren Ehemann Oskar Lafontaine, Linksfraktionschef im Saar-Landtag, moderiert wird. Die SZ stellte Jürgen Todenhöfer vorab Fragen zu seinem Buch.

In Ihrem neuen Buch klagen Sie den Westen dafür an, dass er seit Columbus seine geostrategischen Ziele mit brutaler Gewalt weltweit durchgesetzt hat. Immer unter dem Deckmantel, für Frieden, Freiheit und Zivilisation zu kämpfen. Gibt es dennoch eine Hoffnung, dass sich daran in Zukunft etwas ändert? Muss sich dafür nicht erst die kapitalistische Weltordnung ändern?

TODENHÖFER Nein, ich versuche mit dem Buch aufzuklären. Dass das die Lebenslüge des Westens ist. Dass wir immer, wenn wir Länder erobern oder Kriege führen, das nicht für unsere Werte machen. Sondern für unsere Macht, für unsere Märkte, für Geld, für Öl. Das Merkwürdige ist, dass dieser Trick seit Jahrhunderten schon so gut funktioniert. Ich möchte erreichen, wenn Politiker in Zukunft einen Krieg wollen und begründen wollen mit Werten, dass die Menschen sie einfach auslachen. Dass sie das Argument nicht mehr benutzen können. Ich glaube auch, dass ich eine Chance habe, weil ich eben in sehr vielen Ländern war, in denen ich gesehen habe, was unsere Kriege wirklich verursacht haben. Und dass das mit Werten überhaupt nichts zu tun hat. Sie kennen das Märchen von des Kaisers neue Kleider. Da reichte ein einziger Junge, der gesagt hat: „Aber der Kaiser hat doch gar nichts an!“

Da haben Sie Recht. Aber das ist nur ein Märchen von Hans Christian Andersen...

TODENHÖFER (lacht) Ja, das stimmt. Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen in den letzten Wochen und Monaten. Die erste Reaktion war immer: Aber das wissen wir doch, dass geheuchelt wird. Als ich dann Beispiele genannt habe, dann bekamen wir eine ganz andere Diskussion. Ich habe bisher ungefähr zehn Lesungen gehalten, vor allem vor jungen Leuten. Das sind junge Leute, die fest entschlossen sind, so etwas nicht mehr zuzulassen. Man kann doch öffentliche Meinungen ändern. Sie haben doch die öffentliche Meinung auch in Umweltfragen geändert. Oder sie ändert sich gerade.

Der US-Präsident George W. Bush hat den Irak-Krieg vom Zaun gebrochen, mehr als 600 000 Iraker wurden getötet. Dagegen ist der oft geschmähte Präsident Trump fast ein Friedensfürst, oder?

TODENHÖFER Die Zahlen von über 600 000 Toten waren Zahlen die in der medizinischen Zeitschrift Lancet genannt worden sind. Die Endzahlen liegen bei über einer Million Toten. Bush hat noch Kriege geführt, bei denen Amerikaner gekämpft haben und bei denen es bei den Irakern zu großen Verlusten kam, aber auch bei den Amerikanern. Obama und Trump haben diese Strategie geändert. Trump hat im vergangenen Jahr die höchste Zahl (seit mehr als zehn Jahren) an Bombenabwürfen in Afghanistan zu verantworten. 20 Bombenangriffe pro Tag. Heimlich, still und leise, er redet nicht davon. In Mossul im Irak sind 20 000 Zivilisten getötet worden, aber nicht einmal eine Hand voll US-Soldaten.

Afrika, seit Jahrhunderten vom Westen ausgebeutet und allein gelassen, macht dem Westen jetzt ziemlich Angst mit einem rasanten Bevölkerungswachstum und Flüchtlingsströmen. Kann der Westen diese Entwicklung mit seinen „bewährten“ Kriegsmethoden, die bereits jetzt tausende Tote im Mittelmeer fordern, noch verhindern?

TODENHÖFER Das ist eine der schwierigsten Fragen, die Sie jemandem stellen können. Ich verbringe seit drei Jahren jeden Heiligabend mit Flüchtlingen. Wir unterrichten in München in einer Stiftung, die ich gegründet habe, jeden Tag zwischen zehn und 15 Immigranten-Kinder in Deutsch. Das Flüchtlingsproblem kenne ich ziemlich genau. Ich glaube, dass das Bedürfnis der Menschen in Gegenden zu gehen, in denen es ihnen besser geht, uralt ist. Vor 70 000 Jahren ist der Homo sapiens erst nach Europa gekommen. Diese Menschen, die von Afrika nach Europa kamen, waren schwarz. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Der Mensch hat immer wieder Gegenden gesucht, wo er glaubte, dass es ihm besser geht. Dieses Urbedürfnis ist in den Menschen in Afrika, in Asien, im Nahen Osten, die in einem Kriegsgebiet oder Dürregebiet auf die Welt kommen. Die Vernunft sagt aber, dass das für die Aufnahmeländer in Europa gar nicht möglich ist. Aber Deutschland hat zu wenig junge Arbeitskräfte. Wir brauchen daher auch zuverlässige Arbeitskräfte aus Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, die uns kulturell näher sind als Menschen aus Afrika. Das wäre eine gezielte und organisierte Einwanderungspolitik und keine ungeordnete und chaotische Einwanderungspolitik, die sagt „Jeder kann kommen“ und „Wir schaffen das“.

Sie treten am Donnerstag bei einem Verein auf, der den Linken nahe steht. Sahra Wagenknecht wird mit Ihnen und Ihrem Sohn Frédéric über das Buch diskutieren. Ist Ihnen Ihre alte Heimat, die Union, fremd geworden?

TODENHÖFER Ich bin seit 50 Jahren Mitglied der CDU und müsste jetzt irgendwann so eine Ehrenurkunde bekommen. Eine Partei ist wie ein Ehepartner. Das ist auch ein Paket, da ist nicht alles so, wie man es gerne hätte. Das ist auch bei einer Partei so. Ich weiß nicht, ob Sie in einer Partei sind...

Nein.

TODENHÖFER ...aber wenn Sie in einer Partei wären, würden Sie feststellen, dass nicht alles so ist, wie Sie es gerne hätten. Ich finde, dass die CDU große Verdienste hat in der Stabilisierung des Friedens seit dem Zweiten Weltkrieg und in dem Aufbau einer Sozialen Marktwirtschaft. Aber es gibt Punkte, da bin ich anderer Auffassung als die CDU. Zum Beispiel die ganzen Auslandseinsätze der Bundeswehr, denen die CDU zugestimmt hat, aber auch die SPD und die Grünen. Die einzige Partei, die sehr konsequent und richtig die zum Teil völkerrechtswidrigen und grundgesetzwidrigen Auslandseinsätzen abgelehnt hat, ist die Linke. Deshalb besteht in dieser Frage eine gewisse Übereinstimmung. Deswegen finde ich es völlig normal mit einer herausragenden Linken-Politikerin, moderiert von einem ebenso herausragenden Linken-Politiker, über diese Frage zu diskutieren.

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