Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu war zu Gast in Saarbrücken

Interview mit Mesale Tolu : „Einschränkungen werden täglich schlimmer“

Die Journalistin und Übersetzerin war acht Monate in der Türkei inhaftiert. Für einen Vortrag kam sie nun nach Saarbrücken.

Die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu war zu Gast bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Saarbrücken. Mit dem Politikwissenschaftler Axel Gehring und dem Historiker Ismail Küpeli berichtete sie über politische und gesellschaftliche Entwicklungen in der Türkei, die Frauenbewegungen und die „Kurdenfrage“. Tolu wurde 2017 wegen ihrer journalistischen Tätigkeit in der Türkei verhaftet. Sie saß acht Monate im Gefängnis, zeitweise mit ihrem kleinen Sohn. Nach internationalen Protesten kam sie im August 2018 frei und verließ im Herbst die Türkei. Auch ihr Ehemann, der Journalist Suat Corlu, war in der Türkei inhaftiert. Er durfte mittlerweile ebenfalls nach Deutschland ausreisen. Tolu und Corlu werden Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen. Der Prozess gegen sie wird im Mai fortgesetzt.

Frau Tolu, wie ist es Ihnen ergangen, seit Sie wieder in Deutschland sind?

TOLU Ich habe sehr viel über meinen Fall berichtet, aber auch über die Repression und die Veränderungen in der Türkei gegenüber der Opposition. Ich habe kaum eine Ruhepause eingelegt und seit Ende August nur durchgearbeitet. Ich habe viele Vorträge gehalten und Artikel geschrieben. Und im Winter habe ich meine ganzen Erfahrungen und Erinnerungen an die Zeit in einem Buch zusammengefasst. Es war eine sehr intensive Zeit, in der ich auch sehr viel verarbeitet habe.

Und familiär gesehen? Kann man überhaupt von Ruhe oder Normalität sprechen?

TOLU Nein, nicht komplett. Weil mein Mann immer noch in die Türkei reist. Das bedeutet für die Familie, dass wir nicht wissen, ob er wieder ausreisen kann oder wieder inhaftiert wird.

Der Prozess ist auf den 23. Mai verschoben worden. Werden Sie auch nochmal in die Türkei reisen?

TOLU Ich werde wahrscheinlich nicht hinreisen. Das hängt damit zusammen, wie meine Anwälte vorgehen wollen. Normalerweise habe ich keine Anwesenheitspflicht mehr.

Als Sie im Gefängnis saßen, gab es viel Unterstützung. Ist Ihnen auch Hass entgegengeschlagen? Auch, seit Sie wieder in Deutschland sind?

TOLU Kaum. Das einzige, was ich aus der Türkei weiß, ist, dass die regierungstreuen Medien über mich geschrieben haben. Sie bezeichneten mich als Terroristin und Spionin. In Deutschland habe ich vereinzelt Hassbotschaften über Twitter erhalten, die ich aber nicht ernstnehme.

Die Türkei ist ein autokratischer Staat. Wöchentlich gibt es hunderte Verhaftungen und Razzien. Viele Journalisten werden inhaftiert. Was bleibt eher außen vor? Wovon bekommen wir in Deutschland weniger mit?

TOLU Es gibt in allen Bereichen des Lebens in der Türkei Einschränkungen, die tagtäglich schlimmer werden. Akademiker werden mittlerweile regelmäßig verurteilt, weil sie sich für Frieden und gegen den Krieg ausgesprochen haben. Der Ärzteverband wurde verurteilt, weil er sich gegen die Afrin-Invasion ausgesprochen hat. Junge Frauen, die kurze Hosen in der Stadt tragen, werden angegriffen. Das wird durch die Religion begründet und der Täter kommt frei. Es sind diese alltäglichen Übergriffen, die durch die islamische Regierung gerechtfertigt werden. Auf der einen Seite haben die Menschen mit der Repression zu kämpfen, auf der anderen Seite haben sie wirtschaftliche Probleme. Sie können ihre Lebensgrundlage nicht mehr finanzieren, weil die Wirtschaft in der Türkei den Bach runtergegangen ist. Die Unzufriedenheit ist dementsprechend sehr hoch.

Sie haben eben die jungen Frauen angesprochen. Vor kurzem sagten Sie, in der Türkei sind 70 000 Studierende inhaftiert. Sind diese Gruppen besonders gefährdet?

TOLU Die Jugend- und Frauenbewegungen sind sehr stark gefürchtet von der Regierung. Die Jugend hat mit dem Gezi-Aufstand gezeigt, wie dynamisch sie ist, wenn sie auf die Straße geht. Sehr viele Akademiker wurden in den vergangenen Jahren entlassen. Viele Studenten können nicht mehr studieren, weil ihre Professoren nicht mehr da sind. Die Akademiker-Flucht nach Europa zeigt, dass es in der Türkei einen Bildungsschwund gibt. Und das ist auch ausschlaggebend für die ganzen Proteste. Die Frauenbewegungen sind sehr entschlossen, weil sie die alltägliche sexuelle Gewalt und die Repression nicht mehr hinnehmen möchten. Die Bewegungen sind sehr gut organisiert, sie versuchen, in Bündnissen zusammenzukommen und mehr für ihre Rechte zu tun.

Gibt Ihnen das Hoffnung, dass sich irgendwann etwas ändert?

TOLU Die Türkei hat sehr tiefgreifende Widerstandserfahrungen, weil sehr oft repressive Regierungen an der Macht waren. Aber man hat immer wieder gesehen, dass der Widerstand sehr stark geworden ist. Sehr viele Menschen haben ihre Werte, die sie bis dahin auch vertreten haben, und ihre Freiheiten eingefordert. Von daher macht es mir schon Hoffnung, auch weil in diesen Zeiten noch so viele Frauen, Jugendliche und Arbeiter auf die Straße gehen und streiken. Das sieht man in Deutschland weniger.

Würden Sie sagen, Erdogan ist bei den in Deutschland lebenden Türken beliebt?

TOLU Es gibt eine gewisse Community, die er über die Jahre sehr gepflegt hat. 17 Jahre AKP-Herrschaft in der Türkei bedeuten mindestens zwölf Jahre gepflegte Community in Deutschland. Erdogan war der erste Regierungschef, der in Deutschland den hiesigen Bürgern ein Wahlrecht gegeben hat. Er hat die Lücke gefüllt, die die Bundesregierung nicht füllen konnte. Erdogan gibt sich als Führer. Sie fühlen sich aufgehoben und geschützt durch Erdogan. Es gibt aber auch eine ganz andere Seite. Die kurdische Bevölkerung und die Oppositionellen, die schon seit den 1980er Jahre aus der Türkei fliehen mussten, weil Erdogan und die vorigen Regierungen sie verdrängt haben. Es ist also nicht so, dass es sehr homogen ist. Es gibt beides. Man sollte es nicht so hoch schätzen.

Was kann die Bundesregierung unternehmen?

TOLU Die deutsche Regierung muss sich klar machen, welchen Weg sie gehen will. In der Türkei gibt es eine Opposition, die sich für demokratische Rechte einsetzt, die EU-Werte vertritt. Die sollte gestärkt werden.

Sie reisen viel durch Deutschland, halten Vorträge. Sie stehen sehr stark in der Öffentlichkeit. Fällt Ihnen das schwer?

TOLU Für viele bin ich die Journalistin, die in der Türkei mit ihrem Kind inhaftiert war. Ich denke, das wird noch eine Zeit andauern. Aber ich versuche, indem ich wieder ganz normal journalistisch tätig bin, das hinter mir zu lassen und zu zeigen, dass ich durch meine normale Arbeit viel bewegen kann.

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