Interview mit Bildungs- und Kulturministerin Christine Streichert-Clivot (SPD)

Kostenpflichtiger Inhalt: Saar-Bildungsministerin Streichert-Clivot (SPD) im Interview : „Bildungspolitik ist mein Herzensthema“

Gespräch mit der neuen Bildungs- und Kulturministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) über Schulstrukturen, Leistungsdefizite und Industriekultur.

Seit sechs Wochen ist Christine Streichert-Clivot nun Bildungsministerin. Das Haus, an deren Spitze die 39-jährige Politikwissenschaftlerin aus Gersheim steht, kennt sie sehr gut, denn sie arbeitet dort bereits seit sieben Jahren: Sie war erst Leiterin des Ministerbüros ihres Vorgängers Ulrich Commerçon, dann Abteilungsleiterin für bildungspolitische Grundsatzfragen und zuletzt Staatssekretärin. „Bildungspolitik ist schon seit Hochschulzeiten ein Herzensthema für mich“, sagt die Mutter von zwei Kindern (acht und vier Jahre alt) und fühlt sich für ihre Aufgabe gut gerüstet – auch weil das „gute familiäre Umfeld“ sie unterstütze, ohne das das zeitintensive politische Amt nicht zu machen wäre. Zumal auch Streichert-Clivots Ehemann Michael Clivot in der Politik und für die SPD aktiv ist: Er wird am 1. Januar 2020 Bürgermeister in ihrer Heimatgemeinde Gersheim.

Sie mussten sich gleich in Ihren ersten Tagen als Bildungsministerin mit einer aktuellen Studie auseinandersetzen, der zufolge die saarländischen Neuntklässler in Mathematik im bundesweiten Vergleich sehr schlecht abschneiden. Auch 2012 war die Situation nicht wesentlich besser. Was ist schief gelaufen in der von ihrem Vorgänger eingeführten Gemeinschaftsschule?

STREICHERT-CLIVOT Mit der Gemeinschaftsschule, für die die Erweiterte Realschule mit der Gesamtschule zusammengeführt wurde, haben wir eine neue Schulform etabliert. Es braucht aber mindestens zehn Jahre, bis sich ein neues System etabliert hat. An einzelnen Standorten funktioniert es sehr gut. Wir müssen uns aber fragen, wieso die Ergebnisse in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern nach wie vor auf gleichem Niveau dümpeln. Wir haben viel in die Förderung der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, Anm. d. Red.) investiert, arbeiten mit vielen Institutionen außerhalb des Schulsystems zusammen.

Also sind die Instrumente falsch?

STREICHERT-CLIVOT Nicht falsch, aber man muss herausfinden, wen sie erreichen. Zudem hat sich die Zusammensetzung der Schülerschaft seit der letzten Studie massiv verändert, bei vielen ist Deutsch nicht die Erstsprache. Die naturwissenschaftlichen Fächer haben aber einen hohen Sprachanteil. Das heißt, Kinder müssen auch der Fachsprache mächtig sein. Wir brauchen deshalb einen sprachsensiblen Unterricht in diesem Bereich. Der Unterricht ist sehr herausfordernd, deshalb ist Weiterbildung ein integraler Bestandteil des Lehrerberufs.

Qualifizierung ist das eine, das andere ist der strukturelle Personalmangel, gerade an den Gemeinschaftsschulen, die sich gegenüber den Gymnasien benachteiligt sehen.

STREICHERT-CLIVOT Das betrifft die Frage nach der Gleichwertigkeit der beiden schulischen Säulen. Eines unserer wichtigsten Ziele ist nach wie vor, diese beiden Schulformen gleichwertig zu machen, damit sie gleichermaßen attraktiv sind. Bei den Gemeinschaftsschulen als Pflichtschulen sind Sprachförderung und Inklusion große Herausforderungen. Die Koalition hat sich hier zum Ziel gesetzt, multiprofessionelle Teams stärker in den Fokus zu rücken. Wir brauchen nicht nur Lehr-, sondern auch weitere Fachkräfte an den Schulen.

Gibt es denn Mittel für diese schon lange geforderten multiprofessionellen Teams? Gibt es konkrete Ansätze?

STREICHERT-CLIVOT Für Lehrerstellen zu kämpfen, ist eine Daueraufgabe. Zurzeit arbeiten wir intensiv an der Schulsozialarbeit. Da sind wir mit dem Sozialministerium, den Jugendhilfe-Trägern, also den Landkreisen, dabei, das Thema der multiprofessionellen Teams zu konkretisieren. Und wir müssen über Zuständigkeiten reden und zu Entscheidungen kommen. Aktuell darf das Land nur mittelbar über das „Schoolwork“-Programm in der Schulsozialarbeit mitwirken. Ich würde hier gerne mit den Jugendhilfe-Trägern die Verantwortung übernehmen.

Wie ist die zeitliche Perspektive, wieviele Schulsozialarbeiter-Stellen wird es zusätzlich geben?

STREICHERT-CLIVOT Wir haben in diesem Jahr zusätzliche 500 000 Euro bekommen, die wir auch ausgeben werden. Mit den weiteren zwei Millionen für das kommende Haushaltsjahr werden wir in einem ersten Schritt 30 neue Stellen finanzieren können. Verteilt werden diese nach dem Bedarf und dafür müssen wir Kriterien entwickeln. Bei der Etablierung von multiprofessionellen Teams kann ich mir vorstellen, dass wir mit ausgewählten Schulen Modellprojekte entwickeln.

In Grundschulen fehlen Lehrerinnen, Gymnasiallehrer gibt es über Bedarf, so dass einige auch an Grundschulen arbeiten. Ist eine Besoldungsangleichung nicht mittelfristig zwingend bei diesem schiefen Verhältnis von Angebot und Nachfrage?

STREICHERT-CLIVOT Als Bildungsministerin eines Haushaltnotlagelandes kann ich mich nicht an die Spitze des Zuges setzen. Wenn die höhere Besoldung von Grundschulkräften allerdings ein bundesweiter Trend wird, sollten wir als Saarland nicht das letzte Bundesland sein, das diese Entscheidung trifft, denn dann bekommen wir keine qualifizierten Kräfte mehr.

Ist es noch zeitgemäß, Lehrer und Lehrerinnen gemäß ihrer Ausbildung für unterschiedliche Schulformen zu bezahlen? Grundschullehrer quasi als Lehrer zweiter Klasse?

STREICHERT-CLIVOT Das sind sie für mich nicht, im Gegenteil. In der Grundschule werden die Grundlagen gelegt. Und wir haben hart darum gekämpft, die Absenkung der Eingangsbesoldung für Grundschullehrkräfte rückgängig zu machen. Auch bei den Hauptschullehrkräften sind wir auf einem guten Weg. Bei der Lehrerausbildung brauchen wir womöglich ein grundständiges Studium, das für alle gleich ist. Gleichwohl ist das Gymnasium weiterhin die Schulform mit der größten Beharrungskraft. Die aufzubrechen, wird mir in den kommenden zweieinhalb Jahren nicht gelingen. Wir brauchen zudem einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, welchen Professionen man den Weg ins Lehramt ermöglichen kann. Wir sollten auch auf die Motivation von Menschen für das Lehramt schauen. Es kann nicht nur um Noten und Fächerkombinationen gehen. Viele Lehrkräfte, mit denen wir es in den Fortbildungen zu tun haben, kämpfen mit Vorurteilen und Bedenken bei der Inklusion, bei der Umsetzung ganztägiger Bildung oder der Gemeinschaftsschule. Deshalb ist Lehrerbildung aus einem Guss an einem Standort wie dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien so wichtig.

Gerade die Berufschulen gelten als Baustelle, weil dort auch viele junge Menschen mit Migrationshintergrund, dementsprechendem Sprachförderbedarf und oft auch schlechten schulischen Voraussetzungen zu beschulen sind und strukturell Lehrkräfte fehlen...

STREICHERT-CLIVOT Wir reformieren gerade grundlegend den gesamten Bereich des Übergangs von den Regel- an die beruflichen Schulen. Das ist die größte Reform seit Einführung der Gemeinschaftsschule. Wir haben die Kapazitäten an den BBZs so erhöht, dass wir die Sprachförderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund integrieren konnten, einige Schulen haben eigene Konzepte entwickelt, da ist viel passiert. Mein Ziel ist es, die Durchlässigkeit zu erhöhen, die Wartezeiten bis zum Übertritt ins Berufsleben zu verkürzen und passgenauere Ausbildungsangebote zu machen. Die Reform soll ab dem kommenden Schuljahr greifen.

Verfolgen Sie weiterhin die ambitionierte „Frankreichstrategie“ mit dem Ziel echter Zweisprachigkeit in Deutsch und Französisch bis 2043? Dem Ministerpräsidenten scheint Englisch wichtiger zu sein...

STREICHERT-CLIVOT Das Ziel der Zweisprachigkeit ist gut, ob es realistisch ist, bezweifele ich sehr stark. Wir haben ein sehr gutes Angebot mit bilingualem Fachpersonal in unseren Kindertageseinrichtungen und sind bundesweit Vorreiter. Wir verfolgen das auch in den Schulen weiter, haben an unseren Grundschulen und den weiterführenden Schulen ein sehr gutes Angebot. Ich warne davor, Englisch und Französisch gegeneinander auszuspielen, weil das Französische für viele Menschen in der Grenzregion eine Rolle spielt, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Wir haben inzwischen auch viele Schülerinnen und Schüler, die eine eigene Herkunftssprache mitbringen. Auch die sollten wir mit herkunftssprachlichen Unterricht in Wert setzen.

Ihr Vorgänger hat sich immer wieder für den Pingusson-Bau, dessen Sanierung über 41 Millionen Euro kosten würde, stark gemacht. Wie groß sind Ihre Ambitionen, dorthin mit dem Ministerium zurückzukehren?

STREICHERT-CLIVOT Auch sehr groß. Ich identifiziere mich voll und ganz mit diesem Gebäude. Es freut mich, dass wir einen gesellschaftlichen Diskurs über dieses Gebäude und seine mögliche Nutzung haben.

Im Kabinett ist man da skeptisch...

STREICHERT-CLIVOT Ich fände es fatal, dieses historisch bedeutsame Gebäude abzureißen. Wir brauchen diese Architektur, um zu zeigen, was in unserem Land passiert ist. Wird es ein Haus der Kunst, ein Haus der Zukunft, ein Haus der Innovation? Am Ende brauchen wir eine saubere Finanzierungsgrundlage.

Wie zufrieden sind Sie mit der Außenwirkung, die die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, speziell die Moderne Galerie in Saarbrücken entfaltet?

STREICHERT-CLIVOT Die Moderne Galerie ist in der Stadt wieder angekommen. In der Zukunft müsste man allerdings einen Schwerpunkt setzen auf die Vermittlungsstrategie und sich überlegen, wie man die Leute ins Museum bekommt.

Das Museums-Quartier am Saar-Ufer ist ziemlich tot. Die Gastronomie im Museumscafé „Schönecker“ läuft nicht, die so genannte „Museumsmeile“ wirkt wie ausgestorben, nachts ist der Bau fast unsichtbar...

STREICHERT-CLIVOT Das Gebäude ist ein architektonisches Kunstwerk und kann sich sehen lassen. Wir haben den Anschluss des Areals gut hinbekommen zusammen mit der Stadt. Und eine Möglichkeit gefunden, bis zum Jahresende die Gastronomie aufrecht zu erhalten. Baulich werden wir dort nichts verändern. Am Ende wird es auch davon abhängen, wie die einzelnen Akteure – Pächter und Museumsleitung – miteinander kooperieren. Die Beleuchtung und die Belebung des Platzes werden Themen bleiben. Daran muss man arbeiten.

Die Eröffnungsausstellung mit der spektakulären Installation von Pae White war sehr erfolgreich, aber jetzt spielt das Museum nicht die Rolle, die es spielen müsste...

STREICHERT-CLIVOT Man sollte das Museum mehr öffnen, sich verschiedene Zielgruppen erarbeiten. Es reicht heute nicht mehr, einen Bau hinzustellen, man muss auch immer wieder Anlässe schaffen, nochmal hinzugehen. Bei der Kommunikation und der Werbung muss man kreativ sein. Man kann auch noch einmal über Eintrittspreise diskutieren.

Wann gibt es einen neuen Chef oder eine neue Chefin im Weltkulturerbe Völklinger Hütte?

STREICHERT-CLIVOT Wir sind sehr zufrieden und werten gerade die Bewerbungen aus, darunter einige saarländische, aber auch einen guten Anteil bundesweiter und internationaler Bewerber. Das Spektrum ist sehr groß: Menschen aus dem klassischen Museumsbereich, andere mit Erfahrungen in der Industriekultur. Bis zum Sommer 2020 soll eine neue Leitung gefunden sein, aber der Zeitplan meines Vorgängers ist ambitioniert. Im Aufsichtsrat der Völklinger Hütte werde ich am 4. November das weitere Vorgehen bei der Auswahl besprechen.

Wie sieht es programmatisch aus?

STREICHERT-CLIVOT Wir haben einen Projektplan für 2020 aufgestellt, aber im kommenden Jahr wird es in gewisser Hinsicht eine Durststrecke geben, auch wenn wir die Bespielung mit dem jetzigen ambitionierten Team des Weltkulturerbes hinkriegen. Das Bespielen des Standorts ist das eine, es gilt aber auch, die Finanzierungfragen zu klären. Da geht es um EU-Fördermittel und darum, nochmal mit dem Bund in die Diskussion um eine institutionelle Förderung einzusteigen.

Was erwarten Sie von dem oder der Neuen?

STREICHERT-CLIVOT Das Wichtigste für mich ist, den industriekulturellen Schwerpunkt in der Hütte in Wert zu setzen.

Das kam für Sie unter Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig zu kurz?

STREICHERT-CLIVOT Ja. Es gab dort viele große Ausstellungen, aber man darf nicht den Fehler machen, durch die Strahlkraft dieser Ausstellungen den Wert der Hütte als Industriedenkmal an sich in den Schatten zu stellen. Die Hütte ist nicht nur ein toller Ausstellungsort, sondern ein sehr geschichtsträchtiger Ort für unser kulturelles Erbe. Es ist zum Beispiel nicht gelungen, die Brücke von der Völklinger Hütte in die Stadt zu schlagen, trotz guter Besucherzahlen.

Würden Sie denn für ein Bergbaumuseum plädieren?

STREICHERT-CLIVOT Wir haben viele Standorte, zum Beispiel Reden, die so etwas beherbergen könnten. Wenn wir die Baustelle „Generaldirektion Weltkulturerbe“ abgearbeitet haben, sollten wir uns dieser Frage nochmal widmen. Ich setze mich für eine Gesamtstrategie in der Industriekultur ein. In der Stellenausschreibung für die Leitung der Völklinger Hütte ist das auch angelegt...

Sie erwarten von der zukünftigen Leitung Initiative in Sachen Industriekultur? Bei Grewenig galt die Hütte eher als Solitär....

STREICHERT-CLIVOT Auf jeden Fall. Die Ausrichtung des Weltkulturerbes soll die Industriekultur an der Saar wieder als Ganzes in den Blick nehmen und verschiedene Strukturen wie zum Beispiel das Erlebnisbergwerk Velsen oder die IKS Reden einbinden.

Sie wollen also einen ganz neuen Ansatz bei der Industriekultur?

STREICHERT-CLIVOT Genau. Wir müssen für jedes Industriedenkmal nochmal genau schauen: Welches wollen wir erhalten, welche Nutzungskonzepte gibt es, was kann man wirtschaftlich nutzen? Da muss das Land viel Geld investieren, das können die Kommunen nicht alleine stemmen.

Welche Akzente möchten Sie sonst in der Kulturpolitik setzen?

Für das Interview besuchten die SZ-Redakteure Oliver Schwambach und Esther Brenner Christine Streichert-Clivot (SPD) in ihrem Ministerbüro. Foto: Iris Maria Maurer

STREICHERT-CLIVOT Ich möchte die Kultur im ländlichen Raum fördern. Das heißt aber nicht die so genannte „Breitenkultur“ und „Hochkultur“ gegeneinander auszuspielen. Ich nehme wahr, dass Vereine und Ehrenamtler, die zur kulturellen Bildung massiv beitragen, eine gute Infrastruktur brauchen. Der ländliche Raum darf sich beim Kulturangebot nicht abgehängt fühlen.

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